merken

Geht es auch ohne Handy?

Viele Schüler scheinen nach ihren Telefonen geradezu süchtig zu sein. Erste Görlitzer Schulen steuern deshalb gegen.

© nikolaischmidt.de

Von Ines Eifler

Rauf auf den Sattel

Fit unterwegs und immer auf der Suche nach etwas Sehenswertem? Auf unserer Themenwelt Fahrrad gibt es ganz viel zu entdecken!

Alle schauen auf ihre Handys. Schreiben Nachrichten, spielen Spiele, schauen Fotos und Filme an. Darauf verzichten? „Das wär schon blöd“, sagt der zwölfjährige Paul, der in die sechste Klasse der Oberschule Innenstadt geht. „Und total langweilig.“ Im Unterricht müssen die Geräte zwar aus sein und viele halten sich daran. Aber in der Pause gibt es bisher keine Handybeschränkung an der Elisabethstraße.

„Es ist furchtbar, wenn die Kinder nur noch mit der Nase überm Smartphone hängen“, sagt Manuela Weisbach, Elternsprecherin der Schule. Sie gehört zu einer ganzen Reihe von Eltern, die sich Sorgen über den Technikkonsum der Kinder machen. Wie auch Sylke Schneider, deren Sohn ebenfalls in die sechste Klasse geht: „Handys sind heute das Grundproblem. Es lenkt die Kinder permanent ab und stiehlt ihnen die Zeit, die sie zum Lernen brauchen.“ Und auch Schulleiter Rainer Rothe kritisiert den Dauerkontakt der Schüler zu den Mobiltelefonen. „Sie nutzen die Pausen überhaupt nicht mehr, um aufzutanken“, sagt er. Frische Luft holen, ordentlich frühstücken, rechtzeitig zur Toilette gehen, sich gedanklich auf den Unterricht vorbereiten: Dazu seien die Zeiten zwischen den Schulstunden eigentlich gedacht. Aber besonders um die sechste Klasse herum scheinen viele Kinder nach ihren Smartphones geradezu süchtig zu sein.

Deshalb hat die Oberschule Innenstadt jetzt vor, „handyfreie Zone“ zu werden. Im März will die Schulkonferenz, ein Gremium aus Lehrern, Eltern und Schülern, darüber entscheiden. Im Moment versuchen die Vertreter, unter den Schülern und Eltern Mehrheiten zu gewinnen. „Ich habe noch Zweifel, ob das gelingt“, sagt Manuela Weisbach, „denn viele Eltern möchten, dass ihr Kind ein Telefon dabei hat, obwohl ja für Notfälle ohnehin das Telefon im Sekretariat da ist.“ Wenn aber alle für die Handyfreiheit sind und das auch unterschreiben, sollen Telefone, MP3-Spieler, Spielkonsolen und andere Speichermedien in Zukunft nach Möglichkeit zu Hause bleiben. Weil es Kinder gibt, die nach der Schule jemanden anrufen müssen, soll es kein generelles Verbot sein. Aber zumindest sollen die Handys vor der ersten Stunde ausgeschaltet und fest im Ranzen verstaut werden. Erst nach der letzten Stunde dürfen sie wieder an sein. Wer gegen die Regeln verstößt, muss sein Handy abgeben, nur die Eltern bekommen es ausgehändigt.

Dass eine solche Einschränkung funktionieren kann, zeigt die Melanchthon-Oberschule. Hier hat die Schulkonferenz schon vor vier Jahren beschlossen, dass Telefone auf dem Schulgelände aus sein müssen. Schulleiterin Uta Dietzel sagt, es sei einfach zu viel geworden. Das Chatten, das Filmen, das Fotografieren, auch Mobbing per Handy schließt sie nicht aus: „Denn das kommt überall vor.“ Wenn die Schüler ihre Telefone schon zu Hause uneingeschränkt benutzen dürften, dann solle wenigstens die Schule eine handyfreie Oase sein. Auch hier werden die Geräte eingezogen, wenn Schüler gegen die von allen beschlossenen Regeln verstoßen. Und dass die Eltern sie abholen müssen, hat seinen Sinn. „Es ist uns wichtig“, sagt Uta Dietzel, „dass Eltern und Kinder ins Gespräch über das Thema kommen.“

Die beiden anderen Oberschulen und die Gymnasien haben liberalere Regelungen, teils notgedrungen. Zwar verlangt die Hausordnung überall, dass die Geräte während des Unterrichts aus und verstaut sind. Und das funktioniert auch. „Aber wenn ich weitere Regeln einführe, muss ich kontrollieren können, ob sie eingehalten werden“, sagt Wolfgang Mayer, Schulleiter des Curie-Gymnasiums. Und das sei außerhalb des Unterrichts schwer. Wenn die Schüler ihre Pause auf dem Wilhelmsplatz verbringen, ist ihnen die Nutzung freigestellt. Volker Rienäcker, Schulleiter der Oberschule Rauschwalde, will Smartphones gar nicht erst verteufeln. Schließlich könne man sie auch nutzen, um sein Wissen zu vertiefen. Und Frank Dörfer, Schulleiter der Scultetus-Oberschule in Königshufen, hält es für die beste Lösung, bei erhöhtem Handykonsum mit den Jungen oder Mädchen zu reden. Da seine Schüler die Pausen weitgehend mit anderen Dingen als ihren Handys verbringen, sieht er im Moment nicht die Notwendigkeit, Verbote einzuführen. Vielmehr erlebt er, dass die Schüler sich sogar selbst beschränken. So hat der Schülerrat beschlossen, dass bei Klassenarbeiten alle ihre Handys abgeben müssen.

Das ist zumindest bei Prüfungen auch an der Oberschule Innenstadt so. Und vielleicht stehen die Chancen auch gar nicht so schlecht, dass sich Schüler und Eltern hier vom Vorhaben „handyfreie Zone“ überzeugen lassen. Die zwölfjährige Chantal aus der Klasse von Paul, der sein Handy nicht missen will, sagt jedenfalls: „Ohne Handy wäre es sicher anders. Aber es wäre auch gut, wenn wir in den Pause mehr zusammen wären.“Auf ein Wort

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.