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„Geisterspiele kommen nicht infrage“

Kreisfußball-Chef Julian Schiebe sieht in den Vereinen der Region starken Zusammenhalt - und will auch deshalb auf die Fans beim Neustart nicht verzichten.

Ist als Schiedsrichter normalerweise selbst auf den Fußballplätzen der Region aktiv: KVFSOE-Chef Julian Schiebe.
Ist als Schiedsrichter normalerweise selbst auf den Fußballplätzen der Region aktiv: KVFSOE-Chef Julian Schiebe. © Marko Förster

Training nur in kleinen Gruppen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und zwingend mit Verzicht auf Zweikämpfe - das, was sich dieser Tage bei den Fußball-Bundesligisten abspielt, ist bestenfalls ein Mini-Schritt in Richtung Normalität. Und doch drängt sich die Frage auf: Warum werden für die Profis erste Corona-Maßnahmen gelockert, während im Amateurbereich weiter jede kollektive sportliche Betätigung untersagt ist? Über unterschiedliche Fußball-Realitäten, mögliche Unterstützung für hiesige Klubs während der Krise und Perspektiven für die Zeit danach sprach die SZ mit Julian Schiebe, Präsident des Fußballkreisverbandes (KVFSOE).

Herr Schiebe, der Kreis-Fußball ruht nach wie vor - die Bundesliga-Kicker dürfen aber, zumindest eingeschränkt, im Training wieder gegen das runde Leder treten. Was sagen Sie dazu?

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Wenn sich Profivereine und DFL (Deutsche Fußball Liga, Anm. d. Red.) auf eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs vor leeren Rängen im Mai einigen, muss eine entsprechende Vorbereitung gewährleistet sein. Durch die Verpflichtung zu „kontaktlosen Übungen“ will man dort den Balanceakt zwischen Leistungssport und Infektionsschutz meistern. Da dies in Abstimmung mit den zuständigen Gesundheitsbehörden erfolgt, gehe ich von einer gewissenhaften Abwägung aus.

Stößt die unterschiedliche Behandlung von Profis und Amateuren denn nicht auf Unverständnis? Die zunehmende Differenz zwischen Spitze und Basis des deutschen Fußballs ist ja ohnehin ein Problem.

Der Virologe Alexander Kekulé von der Uni Halle hat nicht unrecht, wenn er sagt, dass diese Sonderbehandlung des Fußballs gegenüber der Gesellschaft einer Rechtfertigung bedarf. Allerdings glaube ich auch, dass viele Fußballer an der Basis aktuell existenziellere Sorgen haben, etwa die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, als die Frage, ob sie am Samstag wieder Fußball spielen können.

Wäre Training auf Sparflamme auch im Amateurbereich denkbar?

Der Spielbetrieb ist in ganz Sachsen ohnehin bis auf Weiteres ausgesetzt, Änderungen werden mit mindestens 14-tägigem Vorlauf bekannt gegeben. Ich halte es weder für notwendig noch geboten, jetzt über eine Lockerung zu diskutieren, bevor es von Landes- und Landkreisebene nicht die entsprechenden Signale gibt, dass dies vorbehaltlos möglich ist.

Viele Bereiche der Gesellschaft stehen derzeit vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen, der Sport bildet keine Ausnahme – Befürchtungen eines Vereinssterbens machen die Runde. Teilen Sie diese?

Zunächst bin ich froh, dass der Landtag am Donnerstag den Weg für ein Hilfspaket frei gemacht hat und einen Zuschuss von bis zu 10.000 Euro pro Verein zur Verfügung stellt, um etwaige Einnahmeausfälle auszugleichen. Hier unterstützen wir unsere Mitglieder gern bei der Antragstellung, sofern Bedarf da ist. Gerade jetzt sehen wir aber auch in vielen Fußballvereinen und -Abteilungen einen großen Zusammenhalt, um nach der Krise gemeinsam wieder durchzustarten. In Gorknitz gibt es etwa eine Geisterticket-Aktion, und bei Bahratal/Berggießhübel hat man in unnachahmlicher Kreativität ein Video über die Saisonpause gedreht. Solche Aktionen machen Hoffnung, dass der Zusammenhalt in den Vereinen diese Situation überdauern wird.

Ist der KVFSOE selbst gut aufgestellt, um durch die Krise zu kommen?

Da wir keine institutionelle Förderung erhalten, sondern uns zuvorderst über Sponsoren- und Mannschaftsbeiträge finanzieren, sind wir hier in einer diffizilen Situation: Wir sind Ansprechpartner für rund 9.000 Fußballerinnen und Fußballer, organisieren zahlreiche Veranstaltungen, Schulungen sowie den kompletten Spielbetrieb im Landkreis, weshalb es für unsere hauptamtliche Geschäftsstelle und unsere rund 40 Ehrenamtlichen gerade jetzt, wo es enorm viele Termine umzuplanen gilt, viel zu tun gibt. Wir werden nicht verzagen und versuchen, aus unseren Kapazitäten das Bestmögliche rausholen.

Erwarten Sie vom DFB Unterstützung für Regionalverbände und Vereine?

Den Fußballvereinen raten wir an, bei Einnahmenausfällen auf die Mittel des sächsischen Innenministeriums zurückzugreifen, die nach Ostern zur Verfügung stehen. Vonseiten des DFB kam das Signal, dass aus steuerlichen Gründen nur die Regional- und Landesverbände direkt unterstützt werden können.

Wie geht es sportlich weiter - wird die Saison abgebrochen oder gibt es Hoffnungen auf eine Fortsetzung?

Wenn man den Spielbetrieb im Mai wieder einsetzen darf, was ich aktuell für illusorisch erachte, verbleiben noch neun Wochenend-Termine. In der Kreisoberliga stehen aber beispielsweise zwölf bis 13 Partien pro Mannschaft aus, wobei der Pokal noch nicht berücksichtigt ist. Selbst eine Verlängerung der Saison würde keine Abhilfe schaffen, da wir spätestens vor den Ferien ins Ziel kommen müssten - in der Liga halte ich eine Fortsetzung deshalb für abwegig.

Sie brachten ins Gespräch, dass zumindest die Pokalfinals noch gespielt werden könnten - wie ist hier der Stand?

Wenn das Startsignal vonseiten des Landratsamtes erfolgt, können sich unsere zuständigen Ausschüsse mit den betreffenden Mannschaften zur Terminierung in Verbindung setzen. Im Erwachsenen- und Juniorenbereich stehen zumeist nur noch drei Spiele aus, weshalb wir eine Durchführung hier zumindest nicht für ausgeschlossen halten.

Kreissportbund-Geschäftsführer Dietmar Wagner hat im SZ-Interview erklärt, er würde übergangsweise auch Wettkämpfe ohne Zuschauer befürworten. Wäre das für den KVFSOE ebenfalls vorstellbar?

Wenn es nur um körperliche Betätigung geht, braucht man dafür zweifellos keine Zuschauer. Ich sehe die Rolle des Sports im Amateurbereich aber doch differenzierter: Hier ist gerade der Fußball nicht Selbstzweck, sondern schafft es, Menschen auf den Sportplätzen der Region zu versammeln. Beispielsweise sind in Hartmannsdorf oder Langburkersdorf dreistellige Zuschauerzahlen jetzt im Frühjahr eher die Regel als die Ausnahme. In den Vereinen wird Gemeinschaft nicht nur auf, sondern vor allem auch neben dem Platz gelebt. Insofern kommen für den Fußball im Landkreis keine Geisterspiele infrage.

Aufgrund der Corona-Krise hat der KVFSOE seine für den 25.-28. Juni geplanten Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen abgesagt. Als Gast für eine Podiumsdiskussion war unter anderem DFB-Vize Rainer Koch angekündigt. Die Jubiläumsveranstaltung soll nachgeholt werden.

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