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Meißen

Gelbwestenproteste bei Frosta

Beim größten Arbeitgeber der Stadt stehen am Montag für zwei Stunden die Bänder still. Es ist der erste Streik in 100 Jahren.

110 Mitarbeiter streikten am Montag in Lommatzsch für eine Angleichung der Gehälter von Ost und West. Derzeit klaffe eine Lücke von 20 bis 30 Prozent. Bei einem Facharbeiter mache das 764 Euro im Monat aus, so die Gewerkschaft NGG.
110 Mitarbeiter streikten am Montag in Lommatzsch für eine Angleichung der Gehälter von Ost und West. Derzeit klaffe eine Lücke von 20 bis 30 Prozent. Bei einem Facharbeiter mache das 764 Euro im Monat aus, so die Gewerkschaft NGG. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Die Stimmung ist frostig an diesem frühen Montagnachmittag auf einem Parkplatz gegenüber dem Haupteingang von Elbtal Tiefkühlkost Frosta. Etwa 110 Frauen und Männer haben sich gelbe Westen wie die Protestierenden in Frankreich übergezogen. Sie fordern nach 30 Jahren deutsche Einheit eine schrittweise Angleichung der Gehälter an das Westniveau. Unterstützt werden sie von Kolleginnen und Kollegen von Bautzner Senf, Car Gill GmbH Riesa, Sonnländer Getränke Rötha oder oder Unilever Auerbach. Zwölf Betriebe gehören zum Tarifverbund.

Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Elbtal Tiefkühlkost Lommatzsch im vergangenen Jahr ein bemerkenswertes Jubiläum gefeiert. Die Firma bestand seit genau 100 Jahren. Zur Gründung war der Betrieb allerdings nur ein Gemüselagerhaus. Tiefkühlkost wurde seit den 1970er Jahren hergestellt. Nach der Wende von der Frosta-Gruppe Bremerhaven übernommen, gilt Lommatzsch als Vorzeigebetrieb. Seit 1990 wurden rund 50 Millionen Euro investiert in hochmoderne Maschinen und Anlagen. Etwa 70.000 Tonnen Gemüse werden hier pro Jahr verarbeitet. Mit 186 Angestellten, davon etwa 20 Saisonkräften, ist Frosta der größte Arbeitgeber der Stadt.

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Doch am Horizont sind dunkle Wolken aufgezogen. Am Montagnachmittag wurde erstmals in der über 100-jährigen Geschichte des Betriebes gestreikt. Denn die Angestellten wollen mehr Lohn. „Im Oktober vorigen Jahres wurde der Tarifvertrag gekündigt. Wir wollen jetzt einen neuen mit der Angleichung der Löhne an das Westniveau erreichen. Es kann doch nicht sein, dass es im Jahr 30 der deutschen Einheit noch immer Gehaltsunterschiede beim Ecklohn von 764 Euro gibt im Vergleich zu den Beschäftigten in Bremerhaven“, sagt Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner von der Gewerkschaft Nahrung- Genuss-Gaststätten (NGG).

Unter anderem fast 12.000 Tonnen Erbsen werden im Jahr bei Frosta verarbeitet. Am Montag standen die Bänder aber für rund zwei Stunden still.
Unter anderem fast 12.000 Tonnen Erbsen werden im Jahr bei Frosta verarbeitet. Am Montag standen die Bänder aber für rund zwei Stunden still. © momentphoto.de/bonss

Eine erste Tarifrunde gab es am 16. Dezember. Sie verlief ergebnislos. „Wir haben eine stufenweise, zeitnahe Angleichung der Löhne und Gehälter an das Westniveau gefordert. Von Arbeitgeberseite kam kein Angebot. Die haben uns einfach sitzenlassen“, sagt Betriebsrätin Katrin Zschörnig. 

Das wollen sich die Lommatzscher nicht bieten lassen. Der zweistündige Warnstreik soll erst der Anfang sein, wenn sich die Arbeitgeberseite nicht bewegt. „Wir wollen endlich die Lohnmauer zwischen Ost und West einreißen. Lohnunterschiede von 20 bis 30 Prozent sind 30 Jahre nach der deutschen Einheit einfach nicht mehr tragbar“, sagt Lißner.

Verhandlungsführer Olaf Klenke sprach von einem „historischen Schritt, dass Sie alle heute geschlossen herausgekommen sind“, dass erstmals in 100 Jahren in diesem Betrieb gestreikt werde. „Sie haben damit ein Zeichen gesetzt, an dem die Arbeitgeber nicht vorbeikommen“, so der Gewerkschafter. Und er machte deutlich, dass man sich bei den Verhandlungen nicht mit Krümeln abspeisen lassen werde. 

„Die Arbeitgeberseite hat deutlich gemacht, dass sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, vom Billiglohnland Abschied zu nehmen. Das nehmen wir nicht hin“, so Klenke. Eine Angleichung der Löhne und Gehälter sei nicht nur dringend erforderlich, sondern möglich, schließlich gehörten die Eigentümer zu den reichsten Menschen in Deutschland. „Wenn die Löhne weiter so gering ansteigen würden wie bisher, hätten wir eine Angleichung in 40 bis 50 Jahren“, sagte er.

Neben der Lohnangleichung fordert die Gewerkschaft NGG eine höhere Ausbildungsvergütung und für die untersten Lohngruppen einen Stundenlohn von mindestens zwölf Euro. „Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Wer weniger verdient, wird als Rentner ein Fall für das Sozialamt, obwohl er ein Leben lang gearbeitet hat. Das kann nicht sein.“

Das es anders gehe, zeige die Milchwirtschaft. Dort habe man es hingekriegt, dass die Löhne und Gehälter in diesem Jahr vollständig angeglichen würden. Die letzte Tariferhöhung gab es 2018 mit 2,4 Prozent. Dies sei keine Erhöhung, sondern nicht mehr als ein Inflationsausgleich gewesen, so Lißner. Die nächste Verhandlungsrunde ist nun für den 31. Januar angesetzt. Die Gewerkschaft hat weitere Streiks angekündigt, falls die Verhandlungen kein Ergebnis bringen.

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