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Geld oder Medaillen – der Kampf um den Vorrang

Den deutschen Wasserspringern droht bei der EM das schlechteste Abschneiden seit 1991.

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© dpa

Von Daniel Klein, Rostock

Erst taucht sie unsauber ein und dann ab. Bei ihrer EM-Premiere verpasst Louisa Stawczynski durch einen Patzer im letzten Sprung des Vorkampfes das Finale. Das muss die 18-Jährige erst einmal verarbeiten. Allein. „Ich habe mir zu viel Druck gemacht“, erklärt sie, als sie wieder sprechen konnte. „Ich war zu vorsichtig. So eine EM ist schon was anderes als ein Junioren-Wettkampf.“

Der Wackler ist auch deshalb ärgerlich, weil sie damit wohl ihre erste WM verpasst. „Bei einem Finaleinzug hätte sie von mir direkt die grüne Karte für Kazan bekommen“, meint Bundestrainer Lutz Buschkow. So werden die erstmals ausgetragenen Olympischen Europaspiele in Baku, zu denen die Blondine am Montag fliegt, wahrscheinlich ihr Saisonabschluss. Dort starten im Wasserspringen allerdings nur die Junioren.

Bei der Rostocker EM platzte nicht nur Stawczynskis Traum. Vor den beiden Schlusstagen steht bereits fest: Die Ausbeute wird deutlich geringer ausfallen als bei den beiden vergangenen Heim-Europameisterschaften, als die deutschen Springer jeweils zehn Mal auf dem Podium standen. Nach zwei medaillenlosen Tagen gewannen am Freitag Patrick Hausding und Stephan Feck vom Dreimeter-Brett zwar Synchron-Bronze, die Ausbeute ist trotzdem dürftig, das schlechteste Abschneiden seit 1991 droht.

„Fehler in der Saisonplanung“

Die Laune von Buschkow ist nicht die beste. „Ich muss mir Mühe geben, gute Miene zum bösen Spiel zu machen“, erklärt er. Dabei ist die Ursache für die Misere hausgemacht. Selbst der Bundestrainer spricht von „Fehlern in der Saisonplanung“. Die beiden deutschen Vorzeigespringer, Hausding und der Dresdner Sascha Klein, tingelten unmittelbar vor der Heim-EM durch mehrere Kontinente und unzählige Zeitzonen. Von den vergangenen sechs Wochen sei er fünf nicht zu Hause gewesen, hat Hausding ausgerechnet. „Das dürfte Rekord sein.“ Vor allem war es keine optimale Vorbereitung auf die Titelkämpfe.

Doch die Weltserie, die zuletzt Station in Kanada und Mexiko gemacht hatte, ist für die Wasserspringer äußerst lukrativ und quasi die einzige Möglichkeit, Geld mit ihrem Sport zu verdienen. Hausding und Klein kassierten jeweils knapp 20 000 Euro. „Im Olympiajahr müssen wir Prioritäten setzen“, kündigte Buschkow bereits an. Wie die aussehen werden, ist klar: Alles soll 2016 dem Höhepunkt untergeordnet werden. „Dort geht es für den Verband um viel, auch um Fördergelder.“ Die Russen hatten ihre Spitzenspringer nicht zur Weltserie nach Kanada und Mexiko geschickt, Ähnliches schwebt auch Buschkow vor. „Ich kann die Jungs ja verstehen, wenn sie da hinwollen, aber alles geht dann nicht.“

Auch die EM im kommenden Jahr in London passt nicht so recht in die Olympiavorbereitung. „Die Engländer haben uns das ja gut vorgemacht“, verwies Buschkow grinsend darauf, dass Großbritannien lediglich Nachwuchsspringer nach Rostock geschickte hatte. Von einer möglichen Revanche wollte er aber nicht sprechen.

Welche Folgen die Flut an Wettkämpfen haben kann, bekam Hausding im Einzelwettkampf vom Dreimeter-Brett zu spüren – seiner Parade-Disziplin, in der er seit 2010 immer eine EM-Medaille gewonnen hatte. „Ich habe mich nicht so fit gefühlt“, erklärte er nach seinem enttäuschenden fünften Platz. Dabei machen sich die fehlenden Regenerationsphasen nicht nur physisch bemerkbar. „Geistige Frische gehört auch dazu“, so Buschkow.

Seit Februar touren die besten deutschen Springer durch die Hallen, pendeln zwischen deutschen Meisterschaften, Weltcup und Weltserie. Über solch einen langen Zeitraum ein konstant hohes Niveau zu halten, ist schlicht unmöglich. Dennoch gibt sich der Bundestrainer vor dem EM-Wochenende kämpferisch: „Schlimm ist, wenn ein Ertrinkender den Kopf fallen lässt. Dann ertrinkt er nämlich. Und das hoffen wir jetzt nicht.“ Es kann nur besser werden. Seite 16

TV-Tipp: Das ZDF überträgt am Sonnabend und Sonntag jeweils ab 14 Uhr die Wettbewerbe mit den Dresdnern Tina Punzel und Sascha Klein.