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Feuilleton

Geldregen für Lyrik in Sachsen

Bibliotheken erhalten 100.000 Euro für Lesungen. Der Auftakt in Dresden zeigt, warum Gedichte vorgetragen werden möchten.

Der Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher eröffnete die Lesereihe.
Der Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher eröffnete die Lesereihe. © dpa

In der Nähe knarren die Föhren. Und nur in der Ferne rauscht in ihnen das Meer. In dieser kleinen Waldbeobachtung steckt ein großes Stück Sehnsucht. Thomas Rosenlöcher bringt sie auf den Punkt im Gedicht „Echo“ . Er liest den Text, stutzt und sagt lächelnd: „Jetzt hab ich ihn verstanden. Sie auch?“ Er liest ihn noch mal. So bekommt das Echo ein Echo, und eben das macht den Charme solcher Veranstaltungen aus.

Mit Lyrik begann am Montagabend in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden (Slub) die siebente Folge von Lesungen in Bibliotheken der Region. Knapp hundert Veranstaltungen für Erwachsene und Kinder sind geplant. Das Kunstministerium verdoppelte die Fördermittel auf bemerkenswerte 100.000 Euro allein für dieses Jahr. Damit sollen hiesige Schriftsteller und Bibliotheken und nach Möglichkeit auch hiesige Verlage unterstützt werden. Ministerin Eva-Maria Stange sagt: „Es geht auch darum, durch den Ankauf von Büchern Spuren zu hinterlassen.“ Die Begegnung zwischen Schreibenden und Lesenden könnte die Begeisterung für Literatur wecken oder wachhalten, so die Ministerin.

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Weil ein Lyriker allein leider selten einen Saal füllt, gastiert ein Quartett zum Auftakt. Der Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher beschreibt das Besondere des Genres als eine höhere Stufe der Intensität, die selbst Kinder schon spüren. „Das Gedicht hebt etwas Privates ins Allgemeine“, sagt er, „doch das gelingt beim Schreiben nicht immer. Dann stürze ich ab, und es wird Prosa.“ Damit ist freilich nichts gegen Prosa gesagt. Die meisten Autoren wechseln scheinbar selbstverständlich zwischen den Formen, weil eine Idee oft nur für eine bestimmte Form taugt.

Róža Domašcyna wechselt zudem zwischen den Sprachen. Sie schreibt in Sorbisch und Deutsch. In eindringlichen Worten malt die Autorin aus Bautzen das Bild eines künstlichen Sees, in dem ein Dorf begraben liegt: Die Fluren sind gründlich getilgt. Der Mensch hat seine eigene Geschichte gelöscht. Das treibt sie um, sagt Róža Domašcyna: Was tun wir uns an, was tun wir der Welt an?

Fast klingt es wie ein Trost, wenn die Leipziger Autorin Kerstin Preiwuß in einem Gedicht schreibt: „Der Fisch kann im Wasser nicht ertrinken.“ Sie holt Landschaften in die Poesie, erzählt von der Mondblindheit der Pferde und erkundet den Punkt, an dem das Denken entsteht und sich noch nicht in Sprache verwandelt hat. Franziska Wilhelm folgt eher einem gegenteiligen Weg. Für sie ist der Rhythmus wichtig, der Klang, die Phonetik. Die Leipzigerin intoniert ihre Texte wie Rockmusik. Da geht es zum Beispiel um ein junges Mädchen, das sich den ersten Kuss nicht traut. Die Großmutter rät zu einem Jodler. Also jodelt die Autorin im Saal der Slub. „Aber“, fragt sie, „wie schreibt man einen Jodler auf?“

Die vier Hörproben zeigen zum einen, dass das Erleben von Gedichten viel mehr Spaß macht als das Alleinelesen. Zum anderen wird die unglaubliche Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten erkennbar. „Der Trend in der Lyrik ist, dass es keinen Trend gibt“, sagt Verleger Andreas Heidtmann. „Man sollte nicht von einer, sondern von vielen Avantgarden sprechen.“

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