merken
PLUS Görlitz

Urteil im Kahlbaum-Prozess gefallen

Projektentwickler Hagen Grothe ist wegen Insolvenzverschleppung zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Der Vorwurf Betrug wurde fallengelassen.

Da hatte er noch große Träume: Hagen Grothe vor der ehemaligen Zweiten Medizinischen Klinik an der Ecke Kahlbaum-Allee/ Moltke-Straße.
Da hatte er noch große Träume: Hagen Grothe vor der ehemaligen Zweiten Medizinischen Klinik an der Ecke Kahlbaum-Allee/ Moltke-Straße. © Archiv Nikolai Schmidt

War der zweite Verhandlungstag gegen Hagen Grothe überhaupt notwendig? Darüber kann man mit Sicherheit unterschiedlicher Meinung sein. Insolvenzverschleppung und Betrug - das wurde dem Görlitzer Projektentwickler vorgeworfen. Hagen Grothe wollte auf dem Gelände, auf dem das Klinikum einst seine Zweite Medizinische Klinik betrieb, das "Dr. Kahlbaum Kompetenzzentrum für Gesundheit" errichten. Ein millionenschweres Projekt, rund 20 Millionen Euro sollte es kosten.

Der zweite Verhandlungstag am Amtsgericht Görlitz am Montagvormittag beginnt eher schleppend. Zwei Zeugen lassen sich schon mal entschuldigen, sie sind im Urlaub. Zunächst steht der Vorwurf Betrug im Raum: Hat Hagen Grothe die Löbauer Firma STL mit dem Bau der Zufahrt zum Grundstück beauftragt, obwohl er von den Zahlungsschwierigkeiten wusste? Das wäre Betrug. Oder wusste STL vielleicht schon im Gegenzug, wie schlecht es finanziell um das Projekt stand?  

Anzeige
Schlossherr gesucht!
Schlossherr gesucht!

Herbst-Auktionen mit außergewöhnlichen Immobilien aus Ostsachsen

Baufirma wusste nichts von Geldproblemen

So richtig Licht ins Dunkel bringen die Zeugen nicht, darunter der Zwangsverwalter und der STL-Chef, letzterer sichtlich genervt von den Fragen des Verteidigers Christoph Schmidt. Offensichtlich hat es ein Hin und Her mit der Übergabe der Schlüssel zum Grundstück gegeben. Baufirmen, die dort noch tätig waren, gaben ihn beispielsweise untereinander weiter, so der Zwangsverwalter. Zudem habe das Grundstück zum Teil auch offen gestanden. Und die Schlüsselgewalt hatten offenbar mehrere Personen.

Der STL-Chef wiederum pocht auf eine ordnungs- und sachgemäße Abwicklung des Auftrages. Die Löbauer Firma war damals mit der Erneuerung eines Teils der Kahlbaumallee beschäftigt. Der Auftrag zur Einrichtung und es Ausbaus einer Abbiege- spur sei von der öffentlichen Hand gekommen, sprich von der Stadtverwaltung Görlitz, beziehungsweise von deren beauftragten Ingenieurbüro.

Auch wenn es in Görlitz schon die Spatzen von den Dächern pfiffen, wie es um das Projekt Gesundheitszentrum stand, STL in Löbau will davon nichts gehört haben. Nach Mahnungen und einer Einigung über Ratenzahlungen hat STL im Laufe des Jahres 2018 sein Geld dann noch bekommen. "Deswegen weiß ich gar nicht, warum ich heute hier herkommen musste", ärgert sich der Firmenchef. 25.000 Euro kostete die Zufahrt, die STL anlegte.

Zu spät die Reißleine gezogen

Dass er möglicherweise zu spät die Reißleine für das Ganze gezogen hat, das hatte Hagen Grothe schon während des ersten Verhandlungstages gesagt. Ihn hat das Vorhaben sichtlich mitgenommen. Hagen Grothe war gesundheitlich stark angeschlagen. Während der jetzigen Verhandlung überlässt er meist seinem Anwalt das Reden.

Als dritter Zeuge am Montag, die allesamt von Richter Uwe Kühnhold angefordert worden waren, sagt der Insolvenzverwalter aus. Der hat zunächst lobende Worte für Herrn Grothe. "Wissen Sie, ich habe Fälle, beispielsweise aus Polen, da bekommt man einen Karton mit Papieren vorgesetzt, nach dem Motto: Nun such mal. Das war hier ganz anders", sagt er. Die Zusammenarbeit mit Hagen Grothe habe reibungslos funktioniert. 

"Da wurde nichts hinter dem Berg gehalten. Die Kommunikation war gut", sagt er. Und der Insolvenzverwalter betont, dass Hagen Grothe viel eigenes Kapital in das Projekt eingebracht hatte, auch um Gläubiger wie Immobilienentwicklerin Julia Kubis zu bedienen. Ihr gehört heute das Areal, sie hatte es über eine Firma ersteigert.

Staatsanwalt Alexander Telle bringt schließlich einen Vorschlag ein, den er bereits am ersten Verhandlungstag formuliert hatte: Der Vorwurf Betrug könnte eingestellt, für die Inolvenzverschleppung eine Geldstrafe verhängt werden. Verteidiger Christoph Schmidt sieht es ähnlich, nur in der Höhe der Geldstrafe gibt es Unterschiede.

Alter Vorschlag neu aufgerollt

Am Ende stimmt auch Richter Uwe Kühnhold dem Vorschlag beziehungsweise dem Antrag der Staatsanwaltschaft zu. Er mindert die Geldstrafe mit Blick auf die laufenden Ausgaben des Angeklagten etwas ab. Auf die beiden Zeugen, die sich im Urlaub befinden, will der Richter verzichten. 

Weiterführende Artikel

Das war die Woche in Görlitz-Niesky

Das war die Woche in Görlitz-Niesky

Ob 10 Jahre Flut in Görlitz, BMW-Unfall oder Urteil im Kahlbaum-Prozess: Das sind die wichtigsten Themen der Region, über die wir seit Montag berichtet haben.

"Kahlbaum hat mich komplett ruiniert"

"Kahlbaum hat mich komplett ruiniert"

Für Projektentwickler Hagen Grothe endet das millionenschwere Vorhaben Gesundheitszentrum in Görlitz vor Gericht.

Stillstand beim Görlitzer Demenzzentrum

Stillstand beim Görlitzer Demenzzentrum

Im Herbst begann der Bau an der Dr.-Kahlbaum-Allee – aber nur ein bisschen. Im Hintergrund geht es ums Geld. Doch bald könnte es vorwärtsgehen.

"Sie hätten einfach eher die Reißleine ziehen müssen", sagt er zu Hagen Grothe. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidigung können dagegen noch Rechtsmittel einlegen. Nach dem Ausgang dieses Verfahrens erscheint das aber eher unwahrscheinlich.  

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier:

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier:

Mehr zum Thema Görlitz