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Gemeingefährliche Wutausbrüche

Ein Großenhainer beschädigt im Alkoholrausch Autos – allerdings kann ihm nur ein Delikt nachgewiesen werden.

Wie soll ein Gericht mit jemandem verfahren, der psychisch ganz offensichtlich angeknackst ist? Der Depressionen hat und im Rausch manchmal wahnhafte Ideen entwickelt?
Wie soll ein Gericht mit jemandem verfahren, der psychisch ganz offensichtlich angeknackst ist? Der Depressionen hat und im Rausch manchmal wahnhafte Ideen entwickelt? ©  Symbolbild: Arno Burgi/dpa

Großenhain. Warum er auf die Vorladung des Gerichts zunächst nicht reagiert habe? Wegen seiner psychischen Probleme, sagt der Angeklagte Sebastian S. Er könne sich nicht mehr mit seinem eigenen Namen identifizieren und nehme deshalb die Post oftmals nicht aus dem Briefkasten.

Der 39-jährige Großenhainer soll in seiner Wohngegend im Westen der Stadt mehrere Autos beschädigt haben. Er ist dort als Trinker bekannt, der nachts schon mal auf der Straße herumbrüllt und die Anwohner um den Schlaf bringt. Dabei kam es mehrfach vor, dass am nächsten Tag Autos beschädigt waren. Es gibt Anzeigen wegen Trittspuren an der Karosse, auch wegen zerstochener Reifen.

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Ein Delikt gibt der arbeitslose Flachglasmechaniker immerhin zu. Im Februar dieses Jahres trat er eine tiefe Delle in einen VW. Der Grund? „Ich glaubte, dass der Besitzer meine Eltern erpresst“, erklärt Sebastian S. vor Gericht. 

Drogen und Depressionen

Das habe sich später zwar als Irrtum herausgestellt, aber da sei die Sache schon durch gewesen. Anwohner, die den Wutausbruch beobachtet hatten, informierten die Polizei. Diese erwischte den Delinquenten, als er vom Einkaufen nach Hause kam – mit dem Fahrrad und zwei Promille Alkohol im Blut. Nun muss er sich wegen Sachbeschädigung und Trunkenheit im Straßenverkehr verantworten.

Man muss nicht lange rätseln, warum der Großenhainer so frustriert ist, dass er seine Wut manchmal an Autos auslässt. Er hat seit 2006 nicht mehr gearbeitet, lebt von Hartz IV und ist dem Alkohol verfallen. Drogen spielen wohl auch eine Rolle, wie sein Vorstrafenregister vermuten lässt. Er leide unter Depressionen, sagt der Angeklagte, voriges Jahr zu Weihnachten habe er schon Schluss machen wollen mit seinem Leben. Andererseits beantwortet er klar und ohne Anzeichen von Verwirrtheit die Fragen von Staatsanwalt und Richterin. Nein, die Reifen, die im Preuskerviertel zerstochen wurden, gingen nicht auf sein Konto. „Alles, was unten auf der Straße passiert, soll jetzt mit mir zu tun haben“, beschwert sich Sebastian S.

700 Euro Geldstrafe

Nun haben Zeugen den Angeklagten tatsächlich zum Zeitpunkt der Straftat auf der Straße herumtorkeln sehen. Nicht aber, dass er sich direkt an den Fahrzeugen zu schaffen machte. Und der Angeklagte gibt zwar freimütig zu, nach Streitigkeiten mit Nachbarn bei deren Autos schon mal die Luft gepfändet zu haben. Die Reifen seien dabei aber heil geblieben.

Wie soll ein Gericht mit jemandem verfahren, der psychisch ganz offensichtlich angeknackst ist? Der Depressionen hat und im Rausch manchmal wahnhafte Ideen entwickelt, die er mit Wutausbrüchen abreagiert. Da sind der Justiz Grenzen gesetzt. Weil keine Menschen, sondern nur Autos zu Schaden kamen, fällt die Strafe relativ milde aus. Sebastian S. wird zu einer Geldstrafe von 700 Euro verurteilt. „Sie haben das jetzt hinter sich gebracht – lassen Sie die Autos künftig in Ruhe“, ermahnt Richterin Ingeborg Schäfer den Delinquenten nach der Urteilsverkündung. Ob er sich daran bei seiner nächsten Promilletour erinnert?

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