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Gemeinsam gegen Krebs

Jörg Demski vereint die Kamenzer im Kampf gegen die Krankheit – vor allem bei Kindern. Das hat persönliche Gründe.

© René Plaul

Von Ina Förster

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Kamenz. Am 15. Februar ist Kinderkrebstag. Ein Tag, an dem die Krankheit in den öffentlichen Fokus gerückt wird. Jörg Demski braucht das Datum eigentlich nicht dafür. Täglich wird er mit dem Thema konfrontiert. Auch in guten Zeiten. Seine Tochter Lotte erkrankte mit vier Jahren. Ein seltener Nierenkrebs. Eine schreckliche Diagnose. Unzählige Untersuchungen. Zwei Chemotherapien. „Den Gedanken an diese Krankheit bekommst du dein Leben nicht mehr aus dem Kopf. Deshalb ist es besser, ihn gleich ohne Angst in dein Leben mit zu integrieren“, meint er.

Aktuell ist die Sechsjährige gesund. Erst vor Kurzem hatte Lotte ihre letzte Untersuchung. Jedes halbe Jahr geht es dafür in die Uni-Klinik nach Dresden. Papa und Tochter sehen dann die anderen Kinder. Mit ihren bunten Mützen auf dem Kopf, die die kahlen Köpfe verdecken. Mit blassen Wangen. Und dennoch voller Hoffnung und Lachen. Die Krebsstation schläft nie. 16 Kinder. 16 Schicksale. Und das ihrer Familien dazu. Das Haus 65 ist besonders. Alle wissen das. Man achtet das Personal, das nicht mehr kann, als arbeiten. Zwar sitzen alle Handgriffe.

Hilfe in der schlimmsten Zeit

Gefangen in Routine, bleibt aber nicht viel Zeit für Gespräche mit den Eltern. Dabei hat der Krebs die Angst im Gepäck. Jeder hier kennt sie. Trotzdem muss es weitergehen. Auch der Kamenzer erfährt in der schlimmsten Zeit Hilfe. Der Verein Sonnenstrahl fängt ihn und seine Familie auf. Menschen, die das Thema kennen. Und wissen, was guttut. Und was eben nicht. Mal kommt die Malfrau, am nächsten Tag die Musiktante. Auch Clowns hat der Sonnenstrahl im Einsatz.

Im Elternhaus nebenan können Mama und Papa länger unterkommen. Es gibt Geschwisterangebote, denn auch denen wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Man arbeitet mit Mutperlen, bunten Kugeln, die jedes Kind nach Untersuchungen oder Behandlungen als Ansporn bekommt.

Jörg Demski tritt kurz darauf selber in den Verein ein. Beginnt sich zu engagieren. Er wird zuerst Mitmacher, später Vordenker der Initiative Kamenz. Tolle Aktionen stellt er zusammen mit andern Interessierten auf die Beine. Unermüdlich ist er am Start. Er spricht mit Freunden, Bekannten. Und solchen, die er durch die Gespräche erst kennenlernt. „Ich bin der Meinung, dass diese Krankheit ein öffentliches Podium braucht, eine starke Lobby. Damit es vorwärtsgeht – mit der Forschung, dem Medikament Methadon, aber auch mit der Aufklärung im Kleinen. Viele wissen heutzutage immer noch nichts mit dem Thema anzufangen. Und treffen kann es schließlich jeden“, sagt der 52-Jährige. Sollte man da nicht gerüstet sein? Zumindest mit Wissen um die Sache?

Viel Unterstützung in Kamenz

„Viele kleine Teile machen ein großes Ganzes aus. Und wenn viele Menschen darüber reden, dann kommt man auch vorwärts“, sagt er. „Ich sehe es mittlerweile als eine schöne Aufgabe an, mich darum zu kümmern.“ Er ist immer noch selber mehr als überwältigt, wie viele Menschen aus seiner Heimatstadt den Kampf gegen Krebs bei Kindern mit ihm gemeinsam aufgenommen haben. Nach einer riesigen und viel beachteten Typisierungsaktion beim Forstfest 2017 wird fleißig weiter gespendet, gesammelt und rund ums Thema informiert.

Was in Kamenz alles passiert für die Kinderkrebshilfe, übersteigt normale Aktivitäten bei Weitem. Die Mützenaktion zum Beispiel. Die Initiative Kamenz kauft in regelmäßigen Abständen beim Geschäft „Ellenlang“ coole Mützen ein. Und das zum wirklich fairen Preis, den Inhaberin Andrea Seibt macht. Anschließend basteln Schüler der 1. Oberschule in ihrem Freizeittreff wunderschöne Päckchen, in welche die Mützen verpackt werden. Und diese gehen über den Sonnenstrahl direkt in die Uniklinik. Schon oft waren die Schüler selber dort. Oder die neueste Aktion mit der Stadtbibliothek Kamenz. „Ich traf bei deren Leiterin Marion Kutter auf offene Ohren und wir haben gemeinsam ein mittlerweile sehr gut bestücktes Themenregal geschaffen. Ich spende selber Bücher dafür, die ich vorher gelesen und als gut befunden habe“, sagt der Steinmetz.

Ob das Charity Shooting Event beim Schießsportverein, eine Sammlung der Kamenzer Narren, der Galand-Fußball-Cup, die Unterstützung des Tomogara Vereines bei der Typisierung, eine Aktion der Malhexe oder eine beachtliche Spende des Feuerschutz- und Heimatvereines Gelenau – wie kleine Teile eines Puzzles setzt sich die Herzenssache zum großen Ganzen zusammen. Die Apotheke am Forst ist mittlerweile dauerhafter Stützpunkt des Vereines für Knochenmark- & Stammzellspende. In der Stadt-Info steht eine ständige Sammelbox. Man kann sich dort Aufkleber der Initiative Kamenz besorgen. Information-Flyer sind zudem wichtig.

Schätzen, was man hat

Lotte weiß über ihre Krankheit Bescheid. Auch, weil ihr Papa mit ihr darüber spricht. „Ich möchte meinem Kind eine positive Lebenseinstellung mitgeben. Da gehört dazu, dass man Ängste benennt, darüber spricht.“ Und das man das schätzen lernt, was man hat. „Wie oft sitzen wir beide da und erzählen uns, wie schön das Leben ist und wie toll der Tag war“, sagt er. Wie es weiter geht? Das weiß keiner. Dass die Krankheit wiederkommen kann, davor verschließt Demski sich nicht. Eine Krebsdiagnose sei nicht sofort gleichzustellen mit einem Todesurteil. Alles schönreden, nützt trotzdem nichts.

In Deutschland erkranken jährlich 2 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren neu an Krebs. 80 Prozent aller Kinder überleben. Nur ganze 100 erkranken pro Jahr an einem Nierentumor, wie Lotte ihn hatte. „Wir waren trotzdem dabei. Warum? Das beantwortet einem keiner. Unsere Zukunft ist die Gegenwart“, sagt Jörg Demski mutig. Auf Facebook kann man seine Aktionen mitverfolgen.