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Corona ist keine Strafe Gottes

Christen in und um Görlitz stehen vor dem höchsten Fest Ostern. Wie sie in dieser Zeit feiern, das sagt Generalsuperintendentin Theresa Rinecker.

Von Sebastian Beutler
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Theresa Rinecker (li.) ist die höchste evangelische Theologin in Görlitz und vertritt den Berliner Bischof.
Theresa Rinecker (li.) ist die höchste evangelische Theologin in Görlitz und vertritt den Berliner Bischof. © Pawel Sosnowski

So schnell ändern sich die Zeiten. Noch am Anfang des Jahres zum Neujahrsempfang des Bistums Görlitz fragte die evangelische Generalsuperintendentin Theresa Rinecker, die den Berliner Bischof im Sprengel Görlitz vertritt, "was unter uns gilt".  Ihre Antwort unter anderem:  sich einladen und empfangen lassen. Doch wie geht das zu Karfreitag und Ostern in Zeiten der Corona-Pandemie?  

Die Görlitzer Grab-Kapelle ist originaler als die Jerusalemer Grabeskirche. Denn die Kopie zeigt das Heilige Grab in Jerusalem, wie es vor 500 Jahren aussah.
Die Görlitzer Grab-Kapelle ist originaler als die Jerusalemer Grabeskirche. Denn die Kopie zeigt das Heilige Grab in Jerusalem, wie es vor 500 Jahren aussah. © Thomas Lehmann

Frau Rinecker, keine Gottesdienste, weitgehend geschlossene Kirchen - und das zu Karfreitag und Ostern, dem höchsten Fest der Christenheit. Wie schwer ist das für die Christen und die Kirchen im Sprengel Görlitz zu ertragen?

Das ist ein sehr schmerzhafter Einschnitt. Gerade in Zeiten, die unsicher sind, wo alle gegen ihre Sorgen ankämpfen, sind Gottesdienste ein Ort, wo man Orientierung und Halt finden, eine geistliche Gemeinschaft erleben und die Verbindung miteinander feiern kann. Das ist derzeit so nicht möglich. Aber die Gemeinden lassen sich viel einfallen, um das auf anderen Wegen zu ermöglichen. 

Soziale Netzwerke: gesteigerte Nachfrage nach Anteilnahme

Welche Möglichkeiten sind das?

Die Kirchgemeinden im Sprengel und im Kirchenkreis schlesische Oberlausitz sind ungemein kreativ. So hat eine Gemeinde aufgerufen, jeden Tag um 20.20 Uhr eine leuchtende Kerze ins Fenster zu stellen als Zeichen des gemeinsamen Gebets. Eine andere stellt jeden Tag einen Korb mit geistlichen Texten vor die Kirche, aus dem die Passanten dann einen Trost mitnehmen können. Und es gibt vielfältige mediale Angebote, TV-Übertragungen, Radiosendungen, Livestreams.  All diese Angebote nehmen die Menschen in deutlich höherer Zahl wahr,  als vor dem Ausbruch der Pandemie. 

Es gibt aber auch Kritiker wie die frühere Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann, die erklärte: "Es fehlt jetzt an Gottvertrauen und Zuversicht. Nächstenliebe funktioniert nur Face to Face und nicht auf Facebook."

Ich teile diese Ansicht nicht. Ich erlebe, dass es eine gesteigerte Nachfrage nach Anteilnahme - auch in den sozialen Netzwerken - gibt. Aus meiner Sicht ist es der Versuch, auf der visuellen Ebene über Videos oder Skype in vertieften Kontakt miteinander zu kommen. 

"Viele sind tapfer, aber auch traurig"

Wie ändert sich die Arbeit der Pfarrer, wenn Gottesdienste, Hochzeiten und Taufen nicht mehr möglich sind und Beerdigungen nur unter schwerwiegenden Einschränkungen?

Es rückt die Seelsorge viel stärker in den Vordergrund. Ich habe von Kollegen gehört, dass sie die Gemeindemitglieder "durchtelefonieren" und nach dem Befinden,  besonders der älteren Menschen,  fragen. Ich selbst rufe unter anderem auch in Betrieben und Kleinunternehmen an, um zu erfahren, wie es geht und  wie sie ihre Existenz sichern. Und Beerdigungen gibt es natürlich trotzdem.

Aber es ist schon eine besonders traurige Seite der Epidemie, dass Angehörige jetzt nicht mehr alle Menschen mitbringen können, die den Verstorbenen nah waren. Ich denke, dass wir nach dem Abflauen der Pandemie  gerade Trauernde einladen sollten, damit Trauer gelebt und  Wertschätzung für Angehörige und Verstorbene ausgedrückt werden kann.

Viele unter den Christen gehören zur Risikogruppe bei dieser Pandemie, weil sie schlicht über 65 Jahre alt sind. Wie ist die Stimmung unter ihnen?

Ich erlebe, dass viele sehr tapfer sind. Sie wissen um die Notwendigkeit der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus. Und zugleich sind sie traurig, weil ihnen die Begegnung mit anderen Menschen und auch die Bewegung fehlen. Manche sind ängstlich und klagen über die Eintönigkeit des Tages. Auf der anderen Seite erlebe ich große Dankbarkeit, wenn man an sie denkt und anruft. 

Gehört zu Görlitz in der Karzeit, ist dieses Jahr aber nicht möglich: Der Kreuzweg von der Peterskirche zum Heiligen Grab, gegangen von Kindern... 
Gehört zu Görlitz in der Karzeit, ist dieses Jahr aber nicht möglich: Der Kreuzweg von der Peterskirche zum Heiligen Grab, gegangen von Kindern...  © Pawel Sosnowski
... und von Erwachsenen am Karfreitag. 
... und von Erwachsenen am Karfreitag.  © Nikolai Schmidt

Bahnhofsmission auf Spenden angewiesen

Manche Kirchgemeinden, wie zum Beispiel die Görlitzer Kreuzkirche,  unterstützen und organisieren Bringe- und Einkaufsdienste.

Ja, auch diese Form der Hilfe ist wichtig. Ich kenne ältere Menschen, die sich nicht trauen, einzukaufen. Für sie ist es geradezu existenziell, dass für sie gesorgt wird.

Ist die Kirche, sind die Gemeinden auch von Kurzarbeit oder von finanziellen Problemen durch die Pandemie getroffen?

Natürlich wirkt sich die Einschränkung des öffentlichen Lebens auch auf kirchliche und diakonische Einrichtungen aus. Ich denke da besonders an die Kindergärten und Schulen, aber auch Pflegeeinrichtungen. Und christliche Bildungshäuser sind ebenso geschlossen und betroffen. Und dann müssen die Kollekten, also die Geldsammlungen, während der Gottesdienste anders organisiert werden. Diese Projekte, wie zum Beispiel die Bahnhofsmission, sind dringend auf Spenden angewiesen. Das darf nicht aus dem Blick geraten.

Nun fragen sich aber viele, wie kann ein Gott eine solche Pandemie zulassen. Verstärken sich in dieser Krise nicht auch die Glaubenszweifel?

Es entspricht nicht meinem Gottesbild, dass Gott solche Krisen schickt und uns erziehen will. Das wäre das Bild eines strafenden Gottes. Aber es ist natürlich, nach der Bedeutung dieser Krise für unser Glaubensverständnis zu fragen. Ich glaube, dass Gott den Menschen Halt gibt. Die Gewissheit trägt mich, dass wir nicht tiefer als in seine Hand fallen können. Gerade die Karwoche und der Karfreitag mit der Erinnerung an den Tod Jesus Christus weisen darauf hin, dass Gott mit seinem Sohn und unserem Bruder mit ans Kreuz gegangen ist. Und dadurch mit uns verbunden ist, wo wir auch leiden.  Wir können uns mit dem im besten Sinne frommen Wunsch stärken: Bleiben Sie behütet.

Livestream aus dem Heiligen Grab in Görlitz

Nun steht das Osterfest vor der Tür. Wie wird das Fest in diesem Jahr gefeiert?

Das Wichtigste zuerst: Ostern wird gefeiert. Wir brauchen besonders in diesem Jahr alles, was uns Hoffnung gibt, was den Blick über unseren Horizont richtet. Und das feiern wir Ostern: Jesus ist auferstanden. Und weil es nicht möglich ist, uns dafür in den Kirchen oder beim traditionellen Kreuzweg am Karfreitag in Görlitz zu treffen, gibt es viele Initiativen, damit zu Hause und in anderer Form gefeiert werden kann. Viele Gemeinden haben ausdrückliche Osterbriefe an ihre Kirchenmitglieder gerichtet. Andere rufen zu Grüßen über den Gartenzaun auf. Im Kirchenkreis haben wir eine Andachts- und Gottesdienstbroschüre für die Karwoche und die Osterzeit verteilt.

Auch an die Gemeinschaft evangelischer Schlesier in ganz Deutschland ist das Heft versandt. Wir hoffen, dass viele eine Kerze entzünden und sich dadurch verbunden wissen. Und Karfreitag halten wir eine Andacht zur Sterbestunde in der Kapelle des Heiligen Grabes in Görlitz, die per Livestream im Internet übertragen wird. Gemeinden halten zu den üblichen Gottesdienstzeiten auch die Kirchen offen, für ein stilles Gebet oder ein seelsorgerliches Gespräch. Bläser der Posaunenchöre musizieren von Kirchtürmen und machen dann die Osterbotschaft hörbar: "Christ ist erstanden". Ostern feiern wir das Leben.

Der Livestream am Karfreitag wird übertragen unter www.ekbo.de/livestream