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Generationen gegen das Vergessen

Leisniger haben gestern der Befreiung vor 70 Jahren gedacht. Über den Widerstand geben Tafeln im Rathaus Aufschluss.

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Von Tina Soltysiak

Die Kirchenglocken beginnen zu läuten, als sich gestern ein kleiner Kreis von Menschen um ein Grab auf dem Polditzer Friedhof versammeln. Es ist liebevoll gepflegt. Einen Grabstein gibt es nicht. Hier ruht Nikolaj Wrashkow. Das hat eine Analyse der Kriegsgefangenendatenbank für Sachsen durch die Stiftung sächsischer Gedenkstätten ergeben. Der ehemalige Unterleutnant des 32. Infanterieregiments der Roten Armee war im März 1943 bei Charkow in deutsche Gefangenschaft geraten – und schließlich in das provisorische Lager in Doberschwitz gekommen. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch sei der Russe 1944 von einem Ortspolizisten aus Clennen namens Weiß erschossen worden.

Am Grab stehen neben Vertretern des Geschichts- und Heimatvereins sowie interessierten Bürgern die Mädchen Joselyn Fee und Leticia Angel Graf. „Ihr seid später diejenigen, die die Geschichten und das Gedenken weitergeben müssen“, sagt ihr Vater Carsten. Dass das Grundschulalter auf keinen Fall zu früh für den Kontakt mit dem Tod ist, beweisen diejenigen, die das Grab pflegen – es sind die Kindergartenkinder aus Polditz.

Insgesamt hat es gestern drei Gedenkveranstaltungen gegeben. Im Rathaus hat der Geschichtsverein drei Tafeln vorgestellt. Sie greifen das Thema Widerstand auf. „Und zwar des christlichen, politischen und gesellschaftlichen in der Region Leisnig“, sagt der Vereinsvorsitzende Siegfried Bretsch. Die Widerständler hätten Verhaftungen, Berufsverbote und persönliche Einschränkungen in Kauf genommen, um sich gegen das Naziregime aufzulehnen. „Wir sind dankbar, dass uns zahlreiche Bürger Material geliefert haben. Wir konnten zwar nicht alles verwenden. Wir überlegen jedoch, wie wir diese Informationen in einem geeigneten Rahmen aufarbeiten und präsentieren können.“

Der 8. Mai sei ein wichtiges Datum der deutschen Geschichte. „Er markiert das Ende von zwölf Jahren Barbarei, Terror, Tod und Menschenverachtung“, sagt Norbert Giersch. Er steht gemeinsam mit anderen Leisnigern auf dem Gelände der ehemaligen Kratzenfabrik. Dort ist eine Friedenseiche gepflanzt worden. „Wir dürfen niemals unser Leid mit dem Verrechnen, das die Deutschen anderen Völkern angetan haben“, ergänzt er mit eindringlicher Stimme. Der Mensch möge sich mit Demut und Achtung an all jene erinnern, die furchtbar gelitten und mit ihrem Blut Frieden und Freiheit erkämpft haben. Der Baum solle mahnende Erinnerung und Dankbarkeit für 70 Jahre Frieden symbolisieren.