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Generationswechsel auf dem Dach

Der Wehrsdorfer Michael Augst führt fort, was sein Ururgroßvater vor 100 Jahren begann. Er liebt seinen Beruf – trotz einer schlimmen Erfahrung.

© Uwe Soeder

Von Katja Schäfer

Wehrsdorf. Einen anderen Beruf auszuüben, ist für Michael Augst undenkbar. Obwohl ihm der Job einmal fast das Leben gekostet hätte. Doch die Familientradition ist stärker als die Angst. Schließlich waren schon vier Generationen vor ihm Dachdecker. Sein Ururgroßvater Paul Augst gründete die Firma vor reichlich 100 Jahren, die der 44-Jährige seit Kurzem weiterführt.

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Für Michael Augst stand früh fest, dass er Dachdecker werden will. Bereits in den Schulferien ging er seinem Vater Andreas zur Hand. „Die Arbeit hat mir schon immer Spaß gemacht und tut es immer noch. Vor allem das Draußen-Sein gefällt mir. Im Frühjahr und im Herbst ist es besonders schön; nicht so heiß wie im Sommer oder so kalt wie im Winter“, benennt der Wehrsdorfer, was ihm am Dachdecker-Beruf gefällt. Erlernt hat er ihn im väterlichen Betrieb. Seinen Abschluss als Meister machte er schon vor fast 20 Jahren.

Mitarbeiter gesucht

Gegenwärtig ist Michael August jedoch kaum auf dem Dach. Er hofft aber, dass sich das bald wieder ändert. „Die Büroarbeit dauert bei mir derzeit noch etwas länger. Angebote erstellen und ähnliche Dinge hat bisher vorwiegend mein Vater gemacht“, begründet der neue Firmenchef. Die Buchführung erledigt seine Frau Ramona. So wie es vor dem Generationswechsel seine Mutter getan hat. In Hoch-Zeiten gab die Firma Augst, die die einzige Dachdeckerei in Wehrsdorf ist, rund 20 Leuten Arbeit. „Das war in den Jahren nach der Wende, als viele neue Häuser gebaut wurden“, erinnert sich Senior Andreas Augst. Er führte den Handwerksbetrieb 35 Jahre lang, bis er ihn kürzlich im Alter von 65 Jahren an seinen Sohn übergab. Fünf Dachdecker hat er in dieser Zeit ausgebildet und zudem zwei Umschüler betreut.

Der Sohn will auch ausbilden. Doch bisher sind keine entsprechenden Bewerbungen bei ihm eingegangen. Sein Team besteht aktuell aus sechs Leuten. „Die meisten Mitarbeiter sind schon jahrelang in der Firma“, ist er froh. Gern würde Michael Augst einen weiteren Dachdecker einstellen, doch der Arbeitsmarkt sei derzeit leer gefegt, berichtet er. Wichtigste Voraussetzung für den Beruf ist es, schwindelfrei zu sein, betont der Chef. „Außerdem muss man bereit sein, sich auch bei schlechtem Wetter den ganzen Tag lang draußen aufzuhalten und schwere Arbeiten zu erledigen. Denn wir bauen meist auch das Gerüst selbst auf“, fügt er an.

Spezialität des Wehrsdofer Handwerksbetriebes sind Schieferdächer und Schiefer-Wandverkleidungen mit eingearbeiteten Mustern. Die besondere Herausforderung im Umgang mit diesem Material beschreibt der 44-Jährige so: „Die Schieferplatten sind nicht alle gerade und gleichmäßig. Man muss genau schauen, wie man sie am besten verlegt. Und man muss vorsichtig sein, wenn man sie festnagelt, weil sie schnell brechen.“ Weil sein Team all das sehr gut beherrscht, kommt die Dachdeckerei Augst oft an denkmalgeschützten Häusern zum Einsatz, die in der Oberlausitz häufig mit Schiefer gedeckt und verkleidet sind. Aber auch das Dach des neu gebauten Hauses, in dem Michael Augst mit seiner Frau, den beiden Söhnen im Alter von zwölf und fünf Jahren sowie der erst vor wenigen Wochen geborenen Tochter lebt, hat er mit Platten aus dem spröden dunkelgrauen Gestein gedeckt. Neben der Verarbeitung von Schiefer bietet die Firma Augst auch alle anderen Dachdeckungen an. Der Einsatzbereich des Betriebes erstreckt sich nördlich bis hinter Bautzen, östlich bis Görlitz, westlich bis Dresden. „In Richtung Süden können wir leider nicht tätig werden; aufgrund der tschechischen Grenze“, sagt der Geschäftsführer.

Vom Hotel bis zur Kirche

Zurzeit hat das Team von Michael Augst am Hotel Waldschlösschen in Sohland mit dem Umbau des Daches zu tun. Auch deutlich größere Objekte bewältigte die Firma schon. Zum Beispiel die Sanierung der Dächer der Kirchen in Steinigtwolmsdorf und Klix. Die Pfarrhäuser in Wehrsdorf und Steinigtwolmsdorf wurden ebenfalls von Augst-Mitarbeitern neu gedeckt – um nur einige Beispiele zu nennen.

Dass die Arbeit des Dachdeckers aufgrund der großen Höhen, in denen sie erfolgt, immer mit Gefahr verbunden ist, musste Michael Augst vor zwei Jahren selbst erfahren. Er stürzte von einem Dach, hatte dabei aber riesengroßes Glück. „Ich habe mir damals nicht mal was gebrochen“, ist er dankbar. Aber seitdem begleiten ihn Rückenprobleme. Bis heute. Sie halten ihn aber nicht davon ab, wieder auf Dächer zu steigen, sobald die Büroarbeit es zulässt, die ihn jetzt noch sehr in Beschlag nimmt – kurz nach dem Generationswechsel in der Firma Augst.