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Georgische Stehler, vietnamesische Hehler

Eine professionelle Bande macht Discounter in Meißen, Weinböhla, Coswig, Riesa, Nünchritz unsicher. Doch mit einem haben die Täter nicht gerechnet.

Auch der Lidl-Markt auf der Fabrikstraße in Meißen war Ziel der Bande.
Auch der Lidl-Markt auf der Fabrikstraße in Meißen war Ziel der Bande. ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Dresden/Meißen.  Ein Mann kommt aus einem Supermarkt, die Jacke und die Hose sind auffällig  dick und breit. Er geht zu einem grauen Opel Astra Kombi, betrachtet sich im Autofenster. Dann öffnet er die Tür, quält sich auf den Fahrersitz. Nach und nach zieht er Kaffee, Schnapsflaschen, Schokolade aus der Jacke und der Hose, stellt sie auf dem Rücksitz ab.  Dann steigt er wieder aus, öffnet eine hintere Tür, legt die Sachen innen vom Rücksitz in den Kofferraum. Was der damals 40-jährige Georgier nicht ahnt: In dem Auto neben dem Astra sitzt Zivilpolizei. Und filmt den Mann die ganze Zeit mit der Videokamera. 

Der Dieb gehört zu einer dreiköpfigen georgischen Diebesbande, eine von vielen,  die seit 2015 den Landkreis unsicher machen.  Sie gehen professionell vor, treten immer in kleinen Gruppen auf, betreten und verlassen die Läden einzeln. Das jeweilige Auto bleibt unverschlossen, der Schlüssel wird auf dem Vorderrad abgelegt. Wird der Fahrer erwischt, hat er keinen Autoschlüssel bei sich. 

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Und werden die Diebe oder einer von ihnen gestellt, sind sie dank der offenen Türen schnell verschwunden. Doch der offene Kofferraum hat an diesem Tag einen gravierenden Nachteil: Kaum haben sich die Täter auf den Weg gemacht, können die Polizisten den Inhalt der Kofferraumes filmen und dokumentieren, wie sich dieser nach und nach füllt. 

Auf die Spur gekommen ist die Polizei den Tätern durch die Hehler, an welche die Georgier ihre Waren verhökert haben. Es sind zwei vietnamesische Frauen, an deren Läden in Dresden regelmäßig immer dieselben Autos stehen. Die kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, teils auch aus Frankreich, und sind auf Georgier zugelassen. An dem Opel Astra hat die Polizei einen GPS-Sender montiert. So kann sie den Aufenthaltsort des Wagens immer punktgenau feststellen und verfolgen. 

An jenem 5.Dezember 2016 begleiten die Polizisten unerkannt die Täter auf ihrer gesamten Tour durch Weinböhla, Coswig, Meißen, Nünchritz, Riesa und Oschatz. Einer der Täter, der Fahrer des Autos, sitzt am Dienstag wegen schweren Bandendiebstahls vor dem Schöffengericht des Amtsgerichtes Dresden. Dass es so lange dauerte, bis es zur Verhandlung kam, hat einen Grund. Der Mann war unauffindbar.

 Nachdem sein Asylantrag offenbar abgelehnt wurde, war er untergetaucht, reiste dann mit Visum in Polen ein. Angeblich erhielt er dort für drei Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung. Dann kam er nach Deutschland zum Klauen mit seinen alten Kumpels, die er im Flüchtlingsheim in Dresden kennengelernt hatte, wie er sagt. 

Nachdem die Diebstähle aufflogen, setzte er sich nach Schweden ab, wurde mit internationalem Haftbefehl gesucht. Am 20. Januar dieses Jahres wurde er in Stockholm verhaftet, kam in Auslieferungshaft. Seit dem 10. Februar bis zur Verhandlung saß er in Deutschland in Untersuchungshaft.  

Gleich zu Beginn hatte seine Verteidigern für ihren Mandanten alle Taten eingeräumt.  Doch dann eierte der Georgier herum. Er sei doch nur gefahren, weil die anderen keine Fahrerlaubnis gehabt hätten. Ja, es könne sein, dass er in dem einen oder anderen Laden mit drin war, aber gestohlen habe er nicht. Das waren die anderen, sagt er. Doch die Videos überführen ihn. Und Geld habe er auch nicht erhalten,  obwohl ihm 200 bis 300 Euro zugestanden hätten.

 Seinen Anteil hätten die Mittäter verrechnet,  indem sie eine Wohnung für ihn angemietet und die Miete bezahlt hätten, sagt er. Dennoch hat er regelmäßig Geld nach Georgien überweisen. Auch dafür hat er eine Erklärung. Er sei von Polen nach Deutschland gekommen,  um ein Auto zu kaufen, hätte 2.500 Euro mitgehabt.  Dann habe er 500 Euro Strafe zahlen müssen, deshalb habe sein Geld für ein Auto nicht mehr gereicht. Da habe er das Geld nach und nach an seine Familie nach Georgien zurückgeschickt, sagt er. 

Woher er denn soviel Geld hatte, will der Staatsanwalt wissen. "In Georgien hatte ich immer Geld, bis die Probleme anfingen", so der Angeklagte. Warum er Probleme bekam, sagt er nicht. Probleme hatte er jedenfalls auch in Deutschland. Dreimal wurde er wegen Diebstahls zu Geldstrafen verurteilt. Abgehalten von neuen Taten hat ihn das nicht.   Und dennoch ist er nur ein kleines Rädchen im großen Gebiete. 

Wie ein Bundespolizist als Zeuge sagt, gab und gibt es jede Menge georgischer Diebesbanden. Wie die GPS-Auswertung ergab, wurden allein mit dem Opel Astra rund 1.000 Märkte angefahren. Das "Geschäft" laufe von Montag bis Sonnabend. Gewinne von 200 bis 300 Euro pro Mann und Tag lägen durchaus im Bereich des Möglichen.   

Bereits zu Beginn hatten Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung abgesprochen, dass bei einem glaubhaften Geständnis eine Haftstrafe verhängt werde, die noch zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Und so verhängt das Gericht wegen schweren Bandendiebstahl in neun Fällen eine Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird.

 Dabei hat das Gericht nicht nur das Geständnis berücksichtigt, sondern auch, dass die Tat lange Zeit zurückliegt, er seitdem nicht mehr straffällig wurde und insgesamt fast drei Monate in Auslieferungs- und Untersuchungshaft saß. 

Der Haftbefehl wird aufgehoben, er verlässt das Gericht als freier Mann.  Nun will er erst einmal nach Georgien zurückkehren, wo sich seine Frau mit dem jüngsten Kind die ganze Zeit aufhielt.  So schlimm kann es dort also nicht sein. Nach Deutschland will er angeblich nicht mehr kommen.  

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