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Gerät die Tierwelt jetzt durcheinander?

Ein Luchs mehr in der Lausitz, einige Tauben weniger in Görlitz. Ein Eichelhäher, der an einem ungewöhnlichen Ort brütet. Hat der Shutdown damit zu tun?

Am 21. März entstand das Bild: Nichts mehr los in den Restaurants und auf den öffentlichen Plätzen - das merkten auch die Tauben.
Am 21. März entstand das Bild: Nichts mehr los in den Restaurants und auf den öffentlichen Plätzen - das merkten auch die Tauben. ©  Nikolai Schmidt

Wochenlang hat Hermann Ansorge keinen Fuß mehr ins Internationale Hochschulinstitut (IHI) in Zittau gesetzt. Ansorge ist Professor für Zoologie am Görlitzer Senckenberg-Museum und lehrt auch am IHI Zittau. Die Zeit, in der das IHI-Gebäude nun coronabedingt verwaiste, hat - ganz passend - die Tierwelt für sich genutzt. "Über dem Eingang brütet jetzt der Eichelhäher", erzählt Hermann Ansorge. 

Veränderungen nicht stark genug

Auf die Menschen hatte die Corona-Krise mit diversen Schließungen, Homeoffice, Kontaktbeschränkungen auf jeden Fall Einfluss. Ob weniger Straßenverkehr, weniger Menschen auf den Straßen und weniger Betriebsamkeit in den Städten auch auf die Tierwelt Wirkung hatten? Eine belastbare Aussage lasse sich dazu jetzt noch nicht treffen, sagt Hermann Ansorge. "Ich nehme es aber nicht an", denn dafür waren die Veränderungen nicht stark genug. "Es war nicht so, dass ganze Landstriche frei gewesen wären", erklärt er. 

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Leichte, zeitweise Veränderungen seien sicher möglich. Als beispielsweise auf dem Riesengebirgskamm eine Zeit lang keine Touristen zu finden waren, habe das sicher auch Auswirkungen auf Flora und Fauna gehabt. "Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich grundsätzlich etwas verschoben hat, halte ich für gering", sagt Ansorge. 

Tauben verschwinden so schnell nicht

Sind gerade in historischen Altstädten nicht gerne gesehen: Haustauben. Zur Hochzeit der Corona-Krise fehlte ihnen ein Teil ihrer Nahrungsgrundlage - weil Restaurants geschlossen, an Imbissen weniger los war.
Sind gerade in historischen Altstädten nicht gerne gesehen: Haustauben. Zur Hochzeit der Corona-Krise fehlte ihnen ein Teil ihrer Nahrungsgrundlage - weil Restaurants geschlossen, an Imbissen weniger los war. © Nikolai Schmidt

Beispiel Haustauben: Ihnen fehlte gerade während der Gastro-Schließungen in Görlitz wie andernorts ein Teil ihrer Nahrungsgrundlage. Je weniger Nahrung sie haben, desto weniger Eier legen sie. Jetzt sind die Haustauben aber schon wieder häufiger zu sehen, zum Beispiel an der Elisabethstraße, wo wieder regelmäßig der Wochenmarkt stattfindet. Ganz so erfreulich ist das allerdings nicht, erklärt Hermann Ansorge. Anders als bei der Turteltaube, die vor allem im Wald zu finden und die Tier des Jahres 2020 ist, versucht man die Haustauben an der Vermehrung zu hindern. Vielen Kommunen - besonders mit historischen Altstädten sind sie ein Ärgernis. Ihr Kot kann wahrscheinlich Krankheiten übertragen - und auf jeden Fall historische Bausubstanz beschädigen. "Sie sind nicht so gerne gesehen, auch, weil sie tatsächlich nicht Bestandteil der hiesigen Natur sind", erklärt Ansorge. 

Luchs aus Polen in die Lausitz gewandert

Andere Rückkehrer sind lieber gesehen. So hat die Naturschutzorganisation BUND jetzt mitgeteilt, dass zwei Luchse durch die Lausitz streifen. "Bislang wechselten nur ab und an Luchse aus Tschechien über die Grenze ins deutsche Erzgebirge und suchten gleich wieder das Weite", teilt der BUND mit. Dauerhaft sei lediglich ein Luchsmännchen im westlichen Erzgebirge vorgekommen. Nun scheint auch die Oberlausitz für die Tiere interessant zu sein - offenbar aber nicht coronabedingt. Denn bereits 2018 sei ein Luchs vom Harz bis in die Lausitz gelaufen. Nun ist kürzlich ein weiterer Luchs zugewandert, er kam aus einem Wiederansiedlungsprojekt in Nordwestpolen. Unklar auch, ob sich die Tiere wirklich dauerhaft ansiedeln. 

Kein Luchs, sondern eine Wildkatze. Auch sie sind streng geschützt und extrem selten in freier Wildbahn zu sehen.
Kein Luchs, sondern eine Wildkatze. Auch sie sind streng geschützt und extrem selten in freier Wildbahn zu sehen. © dpa-Zentralbild

Dafür komme es vor allem auf zwei Faktoren an, erklärt Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Er ist außerdem Landesvorsitzender des BUND Sachsen. "Erstens brauchen sie großräumige, verbundene Lebensräume - hiervon gibt es in der Lausitz schon einige", teilt er mit. Was fehle, sei "ein großer zusammenhängender Schutzkomplex, der auch die beiden absehbar stillzulegenden Tagebaue Nochten und Reichwalde mit umfasst und als Wildnisgebiet festgelegt wird." Zweitens bräuchte es mehr Weibchen, damit sich tatsächlich eine Population entwickeln kann. Denn bei Luchsen wandern die Männchen viel weiter als die Weibchen. In Deutschland gilt der Luchs als stark gefährdet, in Sachsen galt er lange als ausgestorben. "Und nun hat sich ein weiteres Exemplar auf die Wanderung zu uns gemacht." 

Warum die Häherlinge plötzlich brüten?

Von mehr Luchs-Sichtungen deutschlandweit hat auch Catrin Hammer, Kuratorin des Görlitzer Tierparks gehört - schon vor Corona-Zeiten. Auch sie ist vorsichtig, Veränderungen in der Tierwelt derzeit gleich mit dem Shutdown in Verbindung zu setzen. Weil sich dazu noch keine belastbaren Aussagen treffen lassen. Zum Beispiel: Im Tierpark leben verschiedene Häherlinge. Einige der Vögel haben dieses Jahr gebrütet, die das voriges Jahr nicht getan haben. Möglich, dass es an mehr Ruhe im Tierpark liegt. "Genauso kann es aber sein, dass die Tiere, die dieses Jahr brüten, voriges Jahr noch zu jung dafür waren", erklärt sie. 

Wenn an manchen Ecken mehr Ruhe herrscht, ist das sicher der Tierwelt zuträglich, so Catrin Hammer. Andererseits, viele Tiere, die in und um Görlitz leben, sind an Besiedlung und Menschen gewöhnt. Dass den Menschen nun wiederum die Tiere mehr auffallen, könnte auch daran liegen, dass man derzeit vielleicht mehr darauf achtet. 

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