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Gerangel an der Kasse hat ein Nachspiel

Ein Junge bekommt nach einem Streit im Supermarkt einen Einkaufswagen an den Kopf. Die Situation war bedrohlich, heißt es vor Gericht.

Mit einem Einkaufswagen ist ein Fünfjähriger im vergangenen Jahr verletzt worden, als er an der Kasse stand. Ob der Wagen weggeschubst oder in Wut weggestoßen, das Kind sogar übersehen wurde, war vor Gericht nicht zu klären.
Mit einem Einkaufswagen ist ein Fünfjähriger im vergangenen Jahr verletzt worden, als er an der Kasse stand. Ob der Wagen weggeschubst oder in Wut weggestoßen, das Kind sogar übersehen wurde, war vor Gericht nicht zu klären. © Symbolfoto: Dietmar Thomas

Döbeln. Nur um noch ein oder zwei Dinge einzukaufen, steuert ein Großelternpaar mit seinem damals fünf Jahre alten Enkel am 25. Oktober vergangenen Jahres einen Supermarkt an der Schlachthofstraße in Döbeln an. Als die drei wieder nach draußen gehen, weint der Junge, wenig später fährt die Polizei vor.

Unstrittig ist, dass das Kind einen Einkaufswagen an den Kopf bekommen und daraufhin an ein Regal gefallen ist. Vor Schreck hat das Kind angefangen zu weinen, sagen die Zeugen übereinstimmend. Die Mutter, die ihren Sohn später untersucht hat, spricht von Rötungen der Wange und einem Berührungsschmerz, der aber nach ein oder zwei Tagen wieder weggewesen sei. Einem Arzt habe sie das Kind nicht vorgestellt, sagte sie Richterin Nancy Weiß in der Verhandlung am Amtsgericht Döbeln. Sie sei schließlich selbst Rettungssanitäterin, so die 41-Jährige.

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Nach knapp anderthalbstündigem Erörtern der damaligen Situation und dem Hören von drei Zeugen sowie der Mutter des geschädigten Jungen wird das Verfahren gegen den beschuldigten Döbelner – einem 46 Jahre alten, stark hörgeschädigten Mann – vorläufig eingestellt. Damit folgt die Richterin einem Antrag der Vertreterin der Staatsanwaltschaft Chemnitz. Ihr lagen Unterlagen vor, nach denen der 46-Jährige im Juli 2020 das nächste Mal auf- und ausfällig geworden ist. Wenn er deswegen vor Gericht steht, wird er sich höchstwahrscheinlich wegen vorsätzlicher Körperverletzung in zwei Fällen sowie Bedrohung und Beleidigung verantworten müssen.

Nancy Weiß geht davon aus, dass auch diese Anzeigen vorm Amtsgericht in Döbeln verhandelt werden und der Beschuldigte dann eine weitaus höhere Strafe zu erwarten haben dürfte als nach der Einkaufswagen-Rempelei im Oktober 2019. Zumal nicht erklärt werden kann, ob er den Jungen absichtlich verletzte. Die Richterin hört dazu unterschiedliche Zeugenaussagen, sodass manches offen bleibt.

Geschubst oder in Wut gestoßen?

So zum Beispiel, ob der Beschuldigte das Kind gesehen hat. Er selbst sagt nein und begründet dies mit einem eingeschränkten Gesichtsfeld. Er könne nur etwa zwei Meter weit gerade aus schauen, links und rechts davon nur etwas wahrnehmen, wenn er den Kopf drehe. Das übersetzten zwei Gebärdendolmetscherinnen.

Nach Darstellungen des 46-Jährigen hat er an jenem Tag gefrorenen Fisch und Alkohol gekauft, für die Waren aber keinen Wagen benutzt. Diese habe er erst auf dem Band an der Kasse abgelegt, um die Hände freizuhaben, nachdem er angerempelt worden sei.

Die Zeugen – die Großeltern des geschädigten Kindes und eine 45 Jahre alte Amtspflegerin, die gerade dabei war, ihren gut gefüllten Einkaufswagen leerzuräumen – schildern das ein wenig anders. Der Beschuldigte habe sich dazwischen gedrängelt, Ware sei hin- und hergeräumt und der Wagen schließlich gegen das Kind geschleudert worden. Das geben die Zeugen an. Vor allem die Frau, die mit dem Angeklagten in Streit geraten war und ihm deutlich gemacht habe, dass er wie jeder andere an der Kasse warten müsse, spricht von einem aggressiven Verhalten. „Er stieß unverständliche Laute aus und ging bedrohlich auf mich los“, sagte sie. Das hat dann offenbar auch den Großvater veranlasst, der Frau zur Seite zu stehen, woraufhin eine Art Rangelei entstand.

Die 45-jährige Zeugin geht davon aus, dass der Beschuldigte wütend war, weil er warten musste und in Zorn den Wagen weggeschleudert hat. Sie ist sich sicher, dass er den Jungen bemerkt hat. Sie selbst habe die Beeinträchtigungen des Angeklagten nicht sofort wahrgenommen. Dass der sich auf die Brust geklopft und damit nach eigenen Angaben auf sein Blindenzeichen hingewiesen hat, sei ihr im ersten Moment nicht aufgefallen. Später habe sie laut und deutlich mit ihm gesprochen und auch durch ihr Verhalten deutlich gemacht, dass sie so nicht mit sich umspringen lasse.

Der Großvater dagegen unterstellte dem Beschuldigten nicht, dass er seinen Enkel gesehen hat. „Sein Kopf ging vielleicht bis zum Griff des Wagens“, sagte er. Der Rentner wagte auch nicht einzuschätzen, wie intensiv der Einkaufswagen auf den Jungen prallte. Der Beschuldigte selbst gab eingangs zu Protokoll, dass er den Wagen nur leicht zur Seite weggeschubst hat, nachdem er gespürt hat, dass ihn jemand den Ellenbogen in den Rücken drückt – wahrscheinlich der Opa. Das gab der Mann zu, allerdings sei er erst in der Streitsituation dazwischen gegangen, vorher nicht.

Verschwommene Erinnerung

Die Oma des Kindes glaubte, sich zu erinnern, dass der Angeklagte vor ihrem Mann an der Kasse stand. „Aber ich weiß es nicht mehr 100-prozentig“, gab sie zu. Die Frau, die Ware aufs Band packte, meinte, dass hinter ihr die Großeltern und das Kind standen, danach erst der 46-Jährige an die Kasse drängte.

Der Beschuldigte erzählte, dass er mit der Situation überfordert war. Vom Hausarzt habe er daraufhin einen Krankenschein für mehrere Tage bekommen. Dem inzwischen Sechsjährigen geht es gut. Wie seine Mutter sagte, habe er anfangs sehr häufig von diesem Vorfall im Supermarkt gesprochen, mittlerweile aber kaum noch.

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