merken
PLUS Meißen

Ein Anruf, den es nie gab

Einem Paketzusteller wird Fahrerflucht vorgeworfen. Er will die Polizei angerufen haben. Doch das stimmt nicht.

Die Spuren am Zustellfahrzeug passen zu dem beschädigten Zaun.
Die Spuren am Zustellfahrzeug passen zu dem beschädigten Zaun. © Polizei

Meißen. Paketzusteller haben keinen leichten Job. Sie sind immer im Stress, werden oft von ihrem Arbeitgeber unter Druck gesetzt. So geht es auch einem 36-jährigen Döbelner, der bei einem Paketdienst angestellt ist. Im Oktober vorigen Jahres liefert er Pakete in Nossen aus. Die Straße ist eng und eine Sackgasse. Da passiert es. Mit seinem Fahrzeug touchiert er einen Zaun. Doch das ist längst nicht alles. Am Zustellfahrzeug ruiniert er die Lenkung, kann nicht weiterfahren. Er fährt doch weiter, aber nur rund 200, 300 Meter. Dann stellt er das Auto ab. 

Weil der Akku seines Handys runter ist, klingelt er an der Haustür eines Eigenheimes, bittet darum, die Polizei und seinen Arbeitgeber anrufen zu dürfen. Die Bewohnerin ist freundlich, gestattet ihm das. Rund zwei Stunden wird er sich in dem Haus aufhalten. Irgendwann kommen Leute der Firma, laden die Pakete um. Wer nicht kommt, ist die Polizei. Die hat er offenbar gar nicht angerufen. Wegen unerlaubtem Verlassen des Unfallortes sitzt der Mann nun vor dem Meißner Amtsgericht.  Zu Unrecht, wie er meint. Denn er habe nicht nur die Polizei angerufen, sondern auch an der Haustür des Hauses geklingelt, dessen Zaun er beschädigt habe. Es sei aber nicht geöffnet worden, behauptet er. 

Anzeige
Abwrackprämie für Ihren "Alten"
Abwrackprämie für Ihren "Alten"

Die Autogalerie Dresden hat sich ein besonderes Angebot ausgedacht: 5.000 Euro Umtauschprämie.

Die Bewohnerin sagt etwas ganz anderes. Sie sei zum Unfallzeitpunkt mit ihrer Tochter und deren Freundin im Haus gewesen. Sie hätten auch das Zustellfahrzeug fahren sehen. Geklingelt habe niemand. Als sie einige Zeit später das Haus verlässt, sieht sie die Beschädigungen an ihrem Zaun. Sie macht Fotos, ruft eine Freundin an, die Polizistin ist.  Sie schaut sich das Zustellauto an, das immer noch in der Nähe steht. Ja, die Spuren an dem Fahrzeug könnten von dem Zaun stammen, sagt sie und rät, die Polizei zu holen. Die kommt nun auch. Ihr gegenüber streitet der Angeklagte ab, den Unfall verursacht zu haben. Er sei rückwärts gefahren, sagt er nur. Der Schaden an seinem Fahrzeug ist aber vorn rechts. Erst als ihm die Beamten die Spuren zeigen und vermessen, ihm klarmachen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit von dem Unfall stammen, räumt er ein, dass er es gewesen sein könnte.

Unklar ist die Höhe des Schadens an dem Zaun. Die Polizei hatte ihn auf rund 100 Euro geschätzt. Das Angebot einer Zaunbaufirma, das die Geschädigte angefordert hatte, beläuft sich hingegen auf 740 Euro. 

Nur ein Anruf eingegangen

Die Frage ist nun, ob der Paketzusteller die Polizei angerufen hat oder nicht. Von seiner Handynummer wurde bei der Polizei kein Anruf registriert. Aber er hat ja auch vom Festnetz einer  Bewohnerin angerufen. Sagt er jedenfalls. Doch auch da gibt es keinen Treffer. "Es ist nur der Anruf der Geschädigten eingegangen", sagt eine Polizistin. Was nun, wenn es die Festnetznummer der anderen Frau nicht angezeigt hat?  "In diesem Fall wären beide Anrufe zu einem Vorgang zusammengefasst. Das war aber nicht so", erklärt die Polizistin. Und auch noch etwas anderes spricht gegen einen Anruf des Angeklagten. Gegenüber der Geschädigten hatte er den Unfall nicht zugegeben. Wieso soll er daher zuvor die Polizei angerufen und den Unfall gemeldet haben? 

Ein klassischer Fall der Unfallflucht sei es zwar nicht, so Richter Michael Falk, der Tatbestand jedoch erfüllt. Zwar habe sich der Angeklagte in der Nähe aufgehalten, sei nicht weggefahren, das habe aber auch daran gelegen, dass sein Auto nicht mehr fahrbereit war. "Wenn das Fahrzeug 200, 300 Meter vom Unfallort entfernt geparkt wird, muss man es nicht zwingend mit dem Unfall in Verbindung bringen", so der Richter.  Er verurteilt den Mann, der erst im Januar dieses Jahres wegen Unfallflucht 1.350 Euro zahlen musste, zu einer Geldstrafe von 900 Euro. Außerdem verhängte er ein Fahrverbot für einen Monat. Außerdem muss er mit drei Punkten in Flensburg rechnen, insgesamt hat er dann mindestens sechs. 

Der Angeklagte ist nicht mehr als Paketzusteller tätig. Mit dem Unfall habe dies aber nichts zu tun. Vielmehr sei ihm der Stress zu groß geworden, sagt er. Diesen Stress hier hat er aber selbst verursacht.  

  Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Meißen