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Blicke in ein anderes Europa

Mit dem in Zittau geborenen Autor Gernot Wolfram kann man Orte besuchen, ohne dort zu sein. Sein neues Buch erkundet Nischen des Kontinents.

Gernot Wolfram, Autor des Buches Kontinentpfade, 2020.
Gernot Wolfram, Autor des Buches Kontinentpfade, 2020. © PR

Europa, das klingt heute oft nach Verwaltung, nach EU-Politik, nach Regeln und Gesetzen, die sich mit den Vorstellungen der Menschen in den einzelnen Ländern nicht immer vereinbaren lassen. Dass Europa auch einen mythischen Klang hat, wenn man an Zeus denkt, der die Prinzessin Europa nach Kreta entführte, um mit ihr den Kontinent zu bevölkern, geht dabei oft unter. 

In Zittau geboren, bekannt in Görlitz

Dort, in Griechenland, beginnt und endet auch die Reise, auf die Gernot Wolfram seine Leser mitnimmt, in eine Welt der Düfte, Zikaden und kühlen Steinböden in gekalkten Häusern. In seinem neuen Buch "Kontinentpfade" erinnert der 1975 in Zittau geborene, in Nürtingen aufgewachsene Schriftsteller daran, wie faszinierend, reich und vielfältig Europa ist. 

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Gernot Wolfram lebt schon lange in Berlin, arbeitet als Journalist, Schriftsteller, Dozent und Autor für Buchprojekte. Seit vielen Jahren reist und arbeitet er in verschiedenen Ländern. Er war im Süden Europas und im Norden Afrikas, in Albanien und im Kosovo, in Österreich und Polen. Auf Sylt war er Inselschreiber. 

Er hat sich mit der jüdischen Kultur beschäftigt genau wie mit den Griechen, deren Spuren er auch in Zgorzelec und Görlitz verfolgt hat. Vor 15 Jahren hat er hier ein Stück Kulturhauptstadtbewerbung mitgestaltet, 2011 war er noch einmal da, um beim Schlesischen Nach(t)lesen aus seinem Romans "Samuels Reise" zu lesen. 

Unscheinbare Orte lohnen Besuch besonders

In seinem neuen Buch berichtet er in Episoden von einzelnen Erlebnissen, Eindrücken und Begegnungen in ganz verschiedenen Teilen Europas, von Details, die vielleicht einmalig sind, von Dingen, die ihn erstaunt, bedrückt, begeistert haben. Besonders in Polen machte er die Erfahrung, dass es sich genau die Orte aufzusuchen lohne, die Einheimische mit einer gewissen Geringschätzung beschrieben: ein paar Supermärkte, ein Flussufer und mittelmäßige Restaurants, nichts weiter.

Da ist ein Ort in Wales, voller Bücher, voller Antiquariate, was den Germanisten bezaubert, bis er merkt, dass die Einwohner dieses "Königreichs der gebrauchten Bücher und des Lesens" unter der Last der Bücher leiden, sich wie in einem Gefängnis für gedrucktes Papier fühlen.

Da ist sein Besuch in der albanischen Hauptstadt Tirana, wo er die beste Pizza seines Lebens isst, die Zuhörer seines Vortrags fröhlich einlädt, Deutschland zu besuchen, und den Fauxpas erst erkennt, als ihm einfällt, dass Albaner als Nicht-EU-Bürger nicht so einfach reisen dürfen. 

Der Zauber Breslaus

Da ist Breslau, dessen Zauber sich ihm erst erschließt, als er das Gefühl des Abgeschobenseins aus dem turbulenten Berlin der frühen 1990er überwunden hat und eine Weile dort lebt.  

In Basel erinnert er sich an den Taumel, der seine Eltern ergriffen hatte, als sie nach ihrer Ausreise aus der DDR zum ersten Mal die Schweiz besuchten und in die leuchtenden Berggipfel schauten. 

Istanbul, wo er den Spuren aus Spanien vertriebener Juden folgt, ist ein wichtiger Ort für ihn, genau wie Marseilles, das tschechische Marienbad, Kufstein in Tirol und immer wieder Berlin, von wo aus Gernot Wolfram weitere Reisen in die Geschichte und die Erinnerung unternimmt. 

Persönlicher Blick in Europas Nischen

"Kontinentpfade" ist das achte Buch des Schriftstellers. Mit seinem persönlichen Blick in viele Nischen, wie sie jeder von seinen eigenen Reisen kennt, entfaltet er die Landkarte Europas und füllt sie mit Geschichten. Der Untertitel des Buches "Eine kurze Anleitung, Europa zu lieben" greift dabei fast ein bisschen kurz. 

Vielmehr trifft zu, was sich Gernot Wolfram von Anfang an vorgenommen hatte: "Ein Buch wie eine eigenwillige Karte, auf welcher der Leser hin- und herspringen kann. Ein Spinnennetz, das wispert: Füg deinen eigenen Faden ein."

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