merken
PLUS

Gerüstet für den Fall der Fälle

Das Klinikum Oberlausitzer Bergland und andere Retter bereiten sich gezielt auf Notfälle vor – auch auf Terroranschläge.

© Matthias Weber

Von Thomas Mielke

Landkreis. Paris, 13. November 2015: Bei einer Anschlagserie von Terroristen sterben 130 Menschen, über 350 werden verletzt. München, 22. Juli 2016: Bei einem Anschlag in einem Einkaufszentrum sterben zehn Menschen, 27 werden verletzt. Berlin, 19. Dezember 2016: Ein von einem Attentäter gesteuerter Lkw rast auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche: zwölf Menschen sterben, 55 werden verletzt.

Anzeige
Vernünftige Rendite statt 0 % Zinsen
Vernünftige Rendite statt 0 % Zinsen

Geld anlegen. Klassische Zinsen kassieren. Das ist auf absehbare Zeit schwierig. Mit MeinInvest investiert man in die Zukunft!

Die Rettungskräfte üben das Vorgehen bei Notfällen immer wieder. Am bekanntesten sind die Feuerwehr-Übungen wie diese vor wenigen Tagen im Ebersbacher Bahnhof.
Die Rettungskräfte üben das Vorgehen bei Notfällen immer wieder. Am bekanntesten sind die Feuerwehr-Übungen wie diese vor wenigen Tagen im Ebersbacher Bahnhof. © Matthias Weber

Die Zahl der Terroranschläge ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Gefahr rückt gefühlt näher. Die Behörden haben darauf reagiert. Der Freistaat Sachsen hat zum Beispiel Ende vergangenen Jahres die Zentralstelle Extremismus Sachsen eingerichtet. Schon vor Längerem hat er auch die Krankenhäuser aufgefordert, sich auf besondere Gefahrensituationen einzustellen, wie Steffen Thiele, Geschäftsführer der drei Kreiskrankenhäuser Zittau, Ebersbach und Weißwasser sagt. Das Klinikum Oberlausitzer Bergland und die anderen Behörden, Retter und Helfer beziehen sie in ihre Überlegungen für die ohnehin vorliegenden Notfallpläne ein. So läuft die Hilfe zwischen Bad Muskau und Ebersbach-Neugersdorf bei Katastrophen mit vielen Verletzten wie Naturkatastrophen, Unglücksfällen oder eben auch Terroranschlägen.

So läuft die Hilfe zwischen Bad Muskau und Ebersbach-Neugersdorf

Wie gehen die Behörden und Retter im Fall der Fälle vor?

Die Rettungsleitstelle für Ostsachsen in Hoyerswerda informiert alle Retter und Helfer wie die Feuerwehren und Notärzte. Sie rücken aus. Sind mindestens fünf Menschen verletzt, wird eine Art Krisenstab vor Ort gebildet, der je nach Anzahl der Verletzten personell aufgestockt wird. Ab neun Verletzten informiert die Rettungsleitstelle auch die Landkreisverwaltung, die im Fall der Fälle selber einen Krisenstab einrichtet, der vor allem koordinierende Aufgaben übernimmt. Leichtverletzte werden in das nächstgelegene Krankenhaus wie zum Beispiel das in Ebersbach gebracht. Sind es viele, werden sie nach einem speziellen, deutschlandweiten System in die umliegenden Krankenhäuser verteilt, im ersten Anlauf maximal zehn pro Klinik, nach Auslösung eines Alarmplanes weitere 20. Bis zu 150 Menschen werden so auf die Krankenhäuser in Ostsachsen und Südbrandenburg verteilt. Sind es noch mehr, greifen weitere Mechanismen des Katastrophenschutzes. Sind sie nicht nur leicht verletzt, verteilt sie der Chefnotarzt vor Ort auf Kliniken, die darauf vorbereitet sind. Erste Anlaufstation für die südliche Oberlausitz ist Zittau. Mehr als drei, vier Schwerverletzte könne man aber nicht versorgen, heißt es von Seiten der Krankenhausleitung. Sind es noch mehr oder gibt es in Zittau nicht die entsprechenden Ärzte, werden die Patienten nach Görlitz und Bautzen oder gar nach Dresden oder in Spezialkliniken wie die für Brandwunden in Leipzig verlegt. „Um die Patienten schnell in das geeignete Krankenhaus zu verbringen, kommt immer öfter der Rettungshubschrauber zum Einsatz“, so die Kreisverwaltung.

Was passiert, wenn die Krankenhäuser selber betroffen sind?

Das kommt darauf an, wie schwer der Notfall ist. Es gebe für die unterschiedlichen Szenarien unterschiedliche Alarm- und Einsatzpläne, sagt Steffen Thiele, Geschäftsführer des Klinikums Oberlausitzer Bergland. Ist zum Beispiel ein Teil des Ebersbacher oder Zittauer Krankenhauses von einem Brand betroffen, müssen die Patienten auf anderen Stationen zusammenrücken oder werden, soweit möglich, entlassen, um Platz für die schwereren Fälle von den betroffenen Stationen zu machen. Der brennende Teil des Krankenhauses wird durch die eingebaute Brandschutz-Technik abgeriegelt. Ist die ganze Klinik betroffen, werden die Patienten evakuiert. In Zittau ist dafür die Weinauschule, in Ebersbach die Hainschule vorgesehen. Für beide liegen in den Krankenhäusern Schlüssel. Dieser Ernstfall ist aber zumindest seit der Wende nicht vorgekommen.

Wie bereiten sich Behörden und Retter auf Katastrophen vor?

Mit verschiedenen Mitteln. Bund, Länder und Landkreise sowie Krankenhäuser, Rettungsleitstellen und andere Helfer haben Notfall- und Einsatzpläne. „Sie werden in regelmäßigen Abständen, möglichst jährlich, überarbeitet und, wenn notwendig, angepasst“, teilt die Landkreisverwaltung für die kommunale Ebene mit. „Der Landkreis Görlitz plant in seiner Zuständigkeit der Versorgungsstufe 2 neben dem allgemeinen Katastrophenplan und der Vorsorge für Großschadensereignisse mit einem möglichen Massenanfall von Verletzten und Erkrankten.“ Zudem werden die Pläne zwischen den Ebenen abgestimmt und zum Teil von der übergeordneten kontrolliert. Der Freistaat hat zum Beispiel die Krankenhäuser auf dem Schirm. „Nach einer entsprechenden Regelung sind die Krankenhäuser verpflichtet, Notfallpatienten zum Zwecke einer qualifizierten ärztlichen Erstversorgung aufzunehmen und gegebenenfalls weiterzuleiten“, teilte Jörg Förster, Sprecher des Sozialministeriums, mit. Aus diesem Grund fragen die Dresdner regelmäßig in den Krankenhäusern nach, wie der Stand der Dinge ist und ob sie die Anforderungen erfüllen. Über die Pläne hinaus werden Führungskräfte, Mitarbeiter des Rettungsdienstes, Notärzte, Feuerwehrleute, Angehörige der Katastrophenschutzeinheiten und andere Helfer regelmäßig geschult. „Um den Ausbildungsaufwand möglichst gering zu halten, wird nicht grundsätzlich zwischen zivilen und terroristischen Ereignissen unterschieden“, so die Kreisverwaltung. „Dennoch wurden für mögliche Bedrohungs-/Terrorlagen gemeinsam mit der Polizei zusätzliche Festlegungen getroffen.“ Nicht zuletzt wird die Hilfe in Notfällen von den Rettungskräften immer wieder geübt. Das fängt bei der Nachwuchsabteilung der örtlichen Feuerwehr an und endet auf Bundesebene bei der Armee. In der Region „fand, bedingt durch den Tag der Sachsen im letzten Jahr, die letzte sehr große Übung am 17. September 2016 in Waltersdorf statt“. so der Landkreis. „Dort wurde das Zusammenwirken bei einem Ereignis/Massenanfall mit mehr als 20 Verletzten geprobt.“ Auch in den Krankenhäusern Ebersbach und Zittau werden Notfälle regelmäßig geübt. Erst vor kurzem sei ein Brand simuliert worden, sagte Geschäftsführer Thiele.

Sind die Retter und Behörden im Landkreis gut gerüstet?

Prinzipiell ja, sagt die Kreisverwaltung. Aber: „Es gibt immer Verbesserungspotential.“ Daher werden alle Ereignisse mit vielen Verletzten im Nachhinein untersucht. „Die Erkenntnisse gehen in die Überarbeitung der Notfallpläne ein und werden in die Fortbildung der Führungs- und Einsatzkräfte integriert“, so das Amt für Brand-, Katastrophenschutz und Rettungswesen.

Was waren die letzten Fälle mit vielen Verletzten im Landkreis?

Terroranschläge hat es im Landkreis Görlitz noch nie gegeben, Naturkatastrophen mit vielen Verletzten seit Jahren nicht. „Kleinere Schadensereignisse mit bis zu acht Verletzten kommen leider mehrmals jährlich vor“, teilt die Landkreisverwaltung mit. „Gerade bei Verkehrsunfällen mit zwei oder mehr beteiligten Fahrzeugen kommt es schnell zu fünf bis acht Verletzten.“ Die letzten größeren Ereignisse waren der schwere Verkehrsunfall auf der B156 im Bereich Boxberg im vergangenen Jahr mit insgesamt 21 Verletzten, der Zusammenstoß eines Triebwagens und eines Autos in Großschönau im März 2017 mit 35 Betroffenen und einer schwer verletzten Frau sowie der Brand in einem Görlitzer Altersheim in Görlitz im August 2016 mit 12 Verletzten und einer getöteten Person.

1 / 5