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Geschafft? Das sagen Flüchtlingshelfer aus Sachsen

Mit der Integration Tausender Geflüchteter haben viele Menschen in Sachsen eine neue Aufgabe gefunden. Drei engagierte Menschen geben Auskunft.

Michael Kobel engagiert sich in der Dresdner Initiative „Willkommen in Löbtau“ für Geflüchtete. Hauptberuflich ist der 58-Jährige Professor für Teilchenphysik an der TU Dresden.
Michael Kobel engagiert sich in der Dresdner Initiative „Willkommen in Löbtau“ für Geflüchtete. Hauptberuflich ist der 58-Jährige Professor für Teilchenphysik an der TU Dresden. © Jürgen Lösel

„Was ich für ein Glück habe“

Hichame ist weg. Einfach rausgerissen aus seinem neuen Leben. Michael Kobel legt den Hörer beiseite und weint. Den halben Tag haben der Dresdner Physikprofessor und andere Ehrenamtliche telefoniert. Mit Polizei, Ministerium, Landesdirektion. Zwecklos. Hichame El-Haouassi sitzt in einem Flugzeug, das Marokko ansteuert. Die Beschäftigungsgarantie seines Chefs, der ihn als Arbeitskraft behalten will, bringt für den Moment nichts. Dieser Moment ist bald vier Jahre her. Für Michael Kobel war es der schlimmste, seit er sich für Geflüchtete engagiert.

Der 58-Jährige wird aktiv, als Pegida Ende 2014 Tausende mobilisiert. Beim Verein „Willkommen in Löbtau“ erkundigt sich Kobel, wie er helfen kann, Anfang 2015 steigt er ein. „Ich weiß, was ich für ein Glück habe, in diesem Land geboren worden zu sein und Kinder zu haben, die ohne Krieg aufwachsen. Dabei sind wir an manchen Problemen der Welt mit schuld.“ Von Forschungsgruppen ist Kobel es gewohnt, mit Menschen aus aller Welt zu arbeiten. „Für mich ist die Haltung völlig normal: Es ist wurscht, wo jemand herkommt.“

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Statt 70 Stunden arbeitet Kobel als Professor für Teilchenphysik fortan 50 pro Woche, bis zu 20 investiert er in sein Engagement. „Ich habe mir überlegt: Worin bin ich am besten? Bildung.“ Kobel und vier andere Ehrenamtliche gründen die Arbeitsgruppe Arbeit und Ausbildung. „Wir hatten keine Flüchtlings-, sondern eine Informationskrise. Die Menschen wussten kaum, wo sie sich hinwenden sollen. Es fehlte eine langfristige Beratung zur Frage: Was ist meine Zukunftsperspektive?“ Kobel und Kollegen schreiben Lebensläufe, suchen Stellen, erkundigen sich über Anerkennungsmöglichkeiten für Abschlüsse. Zum ersten Info-Abend kommen elf Männer, die Patenschaften abschließen. „Man musste viel erklären, auch, dass man mit einer Ausbildung langfristig viel bessere Zukunftschancen hat. Die meisten wollten möglichst schnell Geld verdienen.“ Kobel liest wissenschaftliche Artikel, besucht Messen, befasst sich mit Prognosen über den Arbeitsmarkt. Es kommen immer mehr Patenschaften hinzu, im Herbst 2019 sind daraus gut 150 geworden. 35 davon haben ihre Ausbildungen erfolgreich beendet, 45 befinden sich in Anstellung.

Heutzutage kommen Geflüchtete oft von sich aus zum Verein „Willkommen in Löbtau“, fragen nach Hilfe bei der Ausbildungssuche. Seit einem halben Jahr gibt es Geld für eine Zehn-Stunden-Stelle. „Wenn man feststellt, wo Unterstützung gebraucht wird, kann man die Menschen sehr schnell selbstständig werden lassen“, sagt Kobel. „Wir haben ihnen nicht alles abgenommen, sondern sie auf eigenen Füßen stehen lassen.“

Kobel würde dem Satz „Wir schaffen das“ zustimmen, sagt er. „Es ist eine Frage des Willens auf beiden Seiten. Auch von den Geflüchteten, die unsere sehr regulierte Arbeitswelt mit Pünktlichkeitspflicht erst mal verstehen müssen.“

Auf Twitter und bei Pegida wird Kobel immer wieder beschimpft. „Aber das prallt an mir ab. Die Menschen, die so feindlich sind, verpassen Aspekte des Lebens, die unheimlich wertvoll sind.“ Mit Geflüchteten besucht Kobel Konzerte, mit ihrer Hilfe schaut er in Länder wie Syrien, die nun vor allem in Erinnerungen weiterleben.

Abschiebungen waren die schlimmsten Erinnerungen für Kobel, Ausbildungsabschlüsse die schönsten. Wie bei Hamid und Abdenasser, beide aus Marokko und von Abschiebung bedroht, beide haben in Dresden nun feste Jobs. Auch der abgeschobene Hichame El-Haouassi ist wieder zurück, die Abschiebungskosten über mehrere Tausend Euro muss er selbst bezahlen.

„An die Idee glaube ich noch“

Tee- und Kaffeekannen wandern über den Tisch, Mütter plaudern, Kinder spielen. Etwa ein Dutzend Frauen frühstückt hinter einem Görlitzer Schaufenster, die meisten mit Kopftuch. Sie treffen sich im „Vis-à-Vis“, einem Raum der Begegnung für geflüchtete Frauen, den Julia Schlüter mit anderen Engagierten geschaffen hat. „Ich habe selbst mehrfach im Ausland gelebt und wusste, wie sehr man sich freut, wenn Leute beim Ankommen helfen“, sagt die 35-Jährige.

2014 hilft sie zunächst bei den Familien zu Hause. „Es gab Probleme mit der Verständigung, ein Mann hat immer in der Wohnung geraucht, relativ schnell war ein Gefühl da von: Puh, wenn wir da jetzt hingehen, müssen wir wieder ganz viel essen. Das war mir zu entgrenzend.“

Bald kommen unbegleitete, minderjährige Geflüchtete an, die wegen des kostenlosen Internets auf dem Marienplatz abhängen. Immer wieder gibt es Schlägereien, etwa, nachdem ein Betrunkener den Hitlergruß gezeigt hatte. „Wir wollten ihnen einen Schutzraum mit Internet bieten, damit sie von der Straße weg sind“, sagt Schlüter. Mit dem Café Hotspot entsteht eine Institution in Görlitz: mit kostenlosem Internet, Partys, Begegnung und Beratung.

Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ erinnert Schlüter an den Auftritt des einstigen Außenministers Hans-Dietrich Genscher im Wendejahr 1989 vor der Prager Botschaft: „Merkels Satz hatte für mich auch diese humanistische Bedeutung. Hier stehen Menschen, die müssen gerade vor Krieg flüchten. Wir schaffen es, ihnen Unterschlupf zu gewähren.“

Julia Schlüter baute in Görlitz als Ehrenamtliche einen Frauentreff für Geflüchtete auf.
Julia Schlüter baute in Görlitz als Ehrenamtliche einen Frauentreff für Geflüchtete auf. © Nikolai Schmidt

Mit der gesellschaftlichen Spaltung hatte Schlüter nicht gerechnet. Mehrfach zerstören Steine die Scheiben des Cafés Hotspot in Görlitz, Drohanrufe gehen über ihre Privatnummer ein. Schlüter macht weiter. Viele der Schutzsuchenden in Görlitz kommen aus Gesellschaften, die Geschlechter strikt trennen. Trotz mehrfacher Ermutigungen kommen kaum Frauen ins Hotspot, mit dem Vis-à-Vis entsteht 2019 ein Ort nur für sie und ihre Kinder.

Enttäuschungen erlebt Schlüter, wenn vermeintlich fortschrittliche Frauen dann doch mit Anfang 20 heiraten, statt sich beruflich zu entfalten. „Aber bei der Bewertung bin ich auch von meiner kulturellen Brille geprägt.“ Geschafft hat es Deutschland aus Schlüters Sicht noch nicht. Weil noch immer Menschen sterben, Europa sich noch immer nicht geeinigt hat. „Die Menschen, die aus humanitären Gründen zu uns gekommen sind, zahlen hier Steuern, machen oft Jobs, die andere nicht machen wollen. Ich sehe Migration auch als wirtschaftliche Notwendigkeit.“

Der Mann, der am Anfang viel rauchte und wenig sprach, tut noch immer dasselbe. Ein anderer, der lange keinen Zugang zu Kursen erhalten hat, habe über Apps die Sprache gelernt und dann studiert. Schlüter ist inzwischen aus beiden Projekten ausgestiegen, gibt an der Volkshochschule Sprachunterricht. Beim Café Hotspot gab es kein, beim Vis-à-Vis wenig Geld für viele Arbeitsstunden. Ein Luxus, den Schlüter sich irgendwann nicht mehr leisten konnte. „An die Idee glaube ich aber weiterhin.“

„Es flutscht noch nicht“

Ein Topf, ein Öffner, ein Bettbezug, Teller, Besteck und Handtücher. Das Rote Kreuz reicht allen Neuankömmlingen dieselbe Grundausstattung. In einem Regal reiht sie sich stapelweise aneinander, daneben sammeln sich Teekannen und Glasbecher, die Einheimische gespendet haben. Bis zu 59 Geflüchtete können in der Gemeinschaftsunterkunft Friedersdorf bei Löbau wohnen, die Ersten zogen im Januar 2016 ein. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen betreibt das Rote Kreuz die Unterkunft ohne die Hilfe von externen Firmen. Mit ihrer beschaulichen Größe und Ordnung, dem Spielplatz im Freien, den Fahrrädern und dem Kinderspielzimmer gilt die Unterkunft als Vorbild; trotzdem sagt Mike Schnitter vom Löbauer Rotkreuz-Verband: „Ich denke, dass kein Deutscher in so einer Unterkunft leben will, erst recht nicht jahrelang.“ Schnitter leitet die Ausbildung und koordiniert die Ehrenamtlichen des Kreisverbands. Seit 2004 ist er beim Roten Kreuz, auf die Arbeit mit Geflüchteten hat er sich 2015 spezialisiert.

„Es flutscht noch nicht“, sagt der 35-Jährige. „Über manche Themen reden wir bis heute. Das größte Problem ist manchmal die Arbeitsgeschwindigkeit der Behörden, außerdem bringen sich zu wenige Deutsche ein. Asylbewerber, die die Zeit aussitzen und denken, es wäre hier das Schlaraffenland, sind genauso ein Problem wie einige Einheimische. Wenn wir es schaffen wollen, müssen alle mitmachen. Viele Menschen meinen fälschlicherweise, dass der Staat alles richten muss.“

Orientalische Musik hallt über den Innenhof der Friedersdorfer Unterkunft, Mütter mit Kopftüchern stoßen ihre schaukelnden Kinder an, ein Vater spricht per Videochat mit seiner Tochter, deren Hausdach durch die Explosion im libanesischen Beirut kaputtgegangen ist. Nummern auf den Zimmertüren verraten noch, dass früher Hotelgäste dahinter wohnten. Ein Bäcker, ein Fleischer, eine Bank waren im Erdgeschoss. Geblieben ist das Casino „B96“, benannt nach der zurzeit berüchtigten Bundesstraße, an deren Rand Menschen mit Reichskriegsflaggen gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Pflanzenkübel trennen das Casino vom Innenhof der Unterkunft. Flüchtlingsgegner demonstrierten am Anfang auch gegen dieses Heim. Inzwischen ist es ruhig geworden.

Mike Schnitter koordiniert fürs Deutsche Rote Kreuz in Löbau die Ehrenamtlichen, ohne die die Flüchtlingsarbeit seiner Erfahrung nach nicht funktionieren würde.
Mike Schnitter koordiniert fürs Deutsche Rote Kreuz in Löbau die Ehrenamtlichen, ohne die die Flüchtlingsarbeit seiner Erfahrung nach nicht funktionieren würde. © Christian Juppe

„Unser Ziel war es, den Geflüchteten humanitär zu helfen, sie ankommen zu lassen, sie zu unterstützen“, sagt Schnitter. Aus der anfänglichen „Chaos-Phase“ mit Zeltstädten für die Erstaufnahme habe man herausgefunden. Wer die Unterkunft verlässt, wird entweder abgeschoben oder zieht in eine Wohnung. Die Menschen kommen aus Syrien, Afghanistan oder Georgien, aus der Türkei, aus dem Irak oder dem Libanon. Zuletzt flüchten besonders viele aus Venezuela.

Eine Mitarbeiterin des Heims spricht fließend Arabisch, eine Spanisch, die meisten anderen wenigstens Englisch. „Wenn wir es als Gesellschaft wollen – und dafür müssen wir uns nicht verkaufen oder nackig machen – können wir die Menschen an die Hand nehmen und ihnen zeigen, was hier vor Ort möglich ist“, sagt Schnitter. „Das machen unsere Ehrenamtlichen, ohne die es nicht gehen würde, wandern zum Beispiel mal eine Runde mit den Leuten. Das setzt natürlich voraus, dass auch der Flüchtling will.“

Ein Fan von Visionen ist Mike Schnitter nicht. Alltagsbewältigung ist das Ziel. „Ich hoffe, dass wir in weiteren fünf Jahren keinen Schritt zurückgegangen sind. Wenn wir hinkriegen, was wir uns jetzt auf die Fahne geschrieben haben, wäre das schon mal schön.“ Eine Frau sitzt im Sand des Innenhofs und wiegt ihr Baby im Arm, es ist in der Unterkunft geboren worden. Für manche Menschen ist Deutschland schon jetzt die einzige Heimat, die sie kennen.

Dem fünfjährigen Jubiläum von Angela Merkels inzwischen berühmten Ausspruch "Wir schaffen das", widmet sächsische.de eine Serie: Wir schaffen das - fünf Jahre danach. Wie geht es Flüchtlingen in Sachsen? Was läuft immer noch falsch? Und: Haben wir es geschafft?

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