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Geschafft – Lomnitz hat wieder ein Bethaus

Zeitweilig schien der Kampf um dieses Stück schlesische Geschichte in Polen aussichtslos. Doch nun ist er gewonnen.

Im Vordergrund Blumenpracht, dahinter der Nachbau des einstigen Schönwaldauer Bethauses – beides zieht die Blicke der Menschen auf sich. Zu sehen ist das im Park von Schloss Lomnica (Lomnitz) im Hirschberger Tal in Polen.
Im Vordergrund Blumenpracht, dahinter der Nachbau des einstigen Schönwaldauer Bethauses – beides zieht die Blicke der Menschen auf sich. Zu sehen ist das im Park von Schloss Lomnica (Lomnitz) im Hirschberger Tal in Polen. © Irmela Hennig

Eine blau-grün schillernde Invasion hat den Küchengarten von Schloss £omnica (Lomnitz) im Hirschberger Tal heimgesucht. Der Minzeblattkäfer macht sich über die Minze her. Annemarie Harzbecher will versuchen, ihn mit Neemöl zu bekämpfen. „Ein natürliches Mittel, kein Gift“, sagt die Gartenexpertin. Schließlich soll man die Johannisbeeren, die gleich daneben gedeihen, noch essen können.

Seit 13 Jahren kümmert sich die Oberlausitzerin mit einer Freundin ehrenamtlich um die Gärten der Lomnitzer Schlossanlage vor den Toren von Jelenia Góra (Hirschberg). Während der Minzeblattkäfer trotz seiner Schönheit bei ihr wenig Begeisterung auslöst, tut es ein anderer „Neuling“ umso mehr. Gemeint ist der Neubau des Schönwaldauer Bethauses. „Da geht einem das Herz auf, wenn man das über Jahre beobachtet. Ich habe das ja noch als Ruine gesehen“, erzählt Annemarie Harzbecher.

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Kurz vorm Abriss stand die einstige Fachwerkkirche im Dorf Rz¹śnik (Schönwaldau) bei Z³otoryja (Goldberg), als die Lomnitzer Schlossherren Elisabeth und Ulrich von Küster sie 2008 dem Besitzer als Feuerholz abkaufen konnten. Verbrennen stand aber nie zur Debatte. Stattdessen sollte das zum Lager umfunktionierte evangelische Gotteshaus ab 2011 im Lomnitzer Park wieder aufgebaut werden. „Ich dachte, für so etwas gibt es bestimmt Fördermöglichkeiten“, erzählt Elisabeth von Küster, die Schloss und Park von £omnica ab den 1990er Jahren gerettet und zum touristischen Anziehungspunkt gemacht hat. Aber es fand sich kein passender Geldtopf.

Michael Kretschmer engagierte sich

Weder bei der EU, noch anderswo. Schließlich fragte die Schlossherrin beim damaligen Görlitzer CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Kretschmer an, ob er helfen würde. Er engagierte sich. Kam aber lange auch nicht weiter. „Ich habe dann irgendwann gesagt: Das war es jetzt, wir machen eine Ausstellung. Ein Wiederaufbau wird nicht werden“, so Elisabeth von Küster.Für eine Ausstellung immerhin bietet das Thema Schlesische Bethäuser viel Stoff.

Das Innere des Bethauses ist schlicht. Es gibt Holzbänke und einen Altartisch. Auf der Karte vorn sind die Standorte der einst 34 Bethäuser der Region verzeichnet.
Das Innere des Bethauses ist schlicht. Es gibt Holzbänke und einen Altartisch. Auf der Karte vorn sind die Standorte der einst 34 Bethäuser der Region verzeichnet. © Irmela Hennig

Um die 200 solcher Bauten aus Holz und Lehm entstanden ab den 1740ern mit Genehmigung des preußischen Königs, Friedrichs des Großen. 34 waren es in der Region um Lomnitz. Sie galten als Zeichen neuer Glaubensfreiheit für evangelische Christen. Zuvor durften die unter den katholischen Habsburgern ihre religiöse Überzeugung nur sehr eingeschränkt leben.

„Schlesische Bethäuser – Schlesische Toleranz“ heißt die Schau, die dies nun erzählt. Es gibt sie also. Samt Bethaus-Neubau. Denn schließlich wurde der jetzige Ministerpräsident Kretschmer beim Auswärtigen Amt fündig und es floss Geld. Spender und Sponsoren halfen zudem, die rasanten Baukostensteigerungen abzufedern. Rund eine Million Euro beanspruchte das Projekt insgesamt, wie Elisabeth von Küster schätzt. Weil über zehn Jahre seit Bergung eine lange Zeit sind, sei es schwierig, das noch genau zu sagen. Entstanden ist eine Kopie des Bethauses von Schönwaldau.

Denn viel der alten Substanz hat die Lagerung nicht überstanden. Nur im Dach und am Treppengeländer zur Empore sind ein paar „Originale“ erhalten geblieben. Eingebaut von der Obercunnersdorfer Firma Richter und Drewanz – mit einer polnischen Firma für die praktischen Arbeiten zuständig. „Alles wirkt tatsächlich wie die alte Kirche. Wer nicht weiß, dass es ein Neubau ist, denkt, hier steht ein gut saniertes historisches Haus“, sagt die Gartenkennerin Annemarie Harzbecher. Und so hat sie es von ersten Besuchern gehört. Die können sich das einstige Gotteshaus anschauen, das nun ein Ort für Begegnungen, Vorträge, Konzerte und die Ausstellung ist.

Anfangs Kritik vom Denkmalschutz

Anfangs habe es Kritik gegeben an dem Bauvorhaben, wie Elisabeth von Küster sagt. Denkmalschützer fürchteten, dass das Bethaus Park und Herrenhäuser optisch „erdrücken“ könnte. „Aber dort, wo die Kirche steht, gab es früher eine Scheune. Es ist also nur etwas zurückgekehrt.“ Und die Kritiker seien inzwischen angetan. Außerdem waren die katholischen Nachbarn rund um die Anlage skeptisch, konnten mit „evangelisch“ nichts anfangen. Fürchteten eine Sekte. Doch Zweifel sei über die Jahre gewichen und Interesse gewachsen.

Auch am Hintergrund, den die Ausstellung im Bethaus verdeutlicht. Darum haben sich mit Ellen Röhner und Ulrike Treziak zwei Berlinerinnen gekümmert, die sich seit Jahren mit der Kulturgeschichte der Region beschäftigen. Sie haben auch die Filme für den interaktiven Rundgang im großen Lomnitzer Schloss gedreht. Die Schau für das Bethaus ist ebenfalls eine, die man sich auf Tablet-Computern ansieht. Übrigens kostenlos. Nur eine Sicherheit für das Ausleihen des tragbaren Gerätes muss der Gast im Schlossmuseum hinterlassen. In Filmen erzählen Ellen Röhner und Ulrike Treziak kurz und prägnant die große Geschichte von Kirchenkrise und Reformation, von Dreißigjährigem Krieg und Westfälischem Frieden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Kirche leer

Und von den 34 Bethäusern aus der Region. Dabei erfährt der Interessierte, dass auch Lomnitz ein Bethaus hatte. Erst ein schlichtes auf dem Vorwerk des Schlosses, gebaut und finanziert von Schlossbesitzer und Leinenhändler Christian Menzel. Der begann aber bald darauf damit, ein viel stattlicheres Gotteshaus aus Stein zu errichten. Samt Schule und Pfarrhaus. Allerdings starb Menzel vor der Vollendung. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der deutschen Bewohner aus Schlesien stand die Lomnitzer Kirche wie fast alle anderen evangelischen Bethäuser leer, wurde geplündert. Schließlich 1970 abgerissen. Schule und Pfarrhaus gibt es noch – allerdings als Wohnhäuser.

Elisabeth von Küster weiß, dass Bethäuser ein „Nischenthema“ sind. Doch sie hofft, dass die Menschen in dieser Zeit von Pandemie, Einschränkungen und Umbrüchen sensibler werden für solche Dinge. Sie glaubt, dass so ein Ort ein Gegenpol sein kann zur ungebremsten Konsumhaltung. Denn das Schönwaldauer Gotteshaus wurde, nachdem es 1919 abgebrannt war, trotz Wirtschaftskrise und Not von der Gemeinde in kurzer Zeit wieder aufgebaut.Für Lomnitz, so scheint es, könnte die Zeit der großen Bauprojekte beendet sein.

Schlossbesitzerin Elisabeth von Küster hat sich über Jahre zusammen mit vielen Engagierten bemüht, das total verfallene Bethaus von 1923 zu bergen und wieder zu errichten. Weil das zu lang dauerte, wurde es ein identischer Neubau. Im Inneren gibt es eine
Schlossbesitzerin Elisabeth von Küster hat sich über Jahre zusammen mit vielen Engagierten bemüht, das total verfallene Bethaus von 1923 zu bergen und wieder zu errichten. Weil das zu lang dauerte, wurde es ein identischer Neubau. Im Inneren gibt es eine © Irmela Hennig

Der Gutshof läuft, das Schlossmuseum ist eingerichtet, im sanierten Inspektorenhaus gibt es neun Gästezimmer. Der Park ist schick. Das Schlosshotel ohnehin. Doch Elisabeth von Küster hat längst die dem Park gegenüberliegende Ruine der früheren Mangel gekauft. Denn hier lagen die Wurzeln des Reichtums von Schlossbesitzer Menzel. Dort hat der Leinenhändler sein Geld verdient. Künftig können hier unter anderem vielleicht hiesige Künstler ihre Werke zeigen.

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Das Bethaus im Park von Schloss Lomnitz steht täglich, 11 bis 17 Uhr, offen. Tablet-Computer gibt es im Schlossmuseum bzw. sonntags, 13 bis 17 Uhr, direkt im Bethaus.

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