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Geschenk fürs Leben

Vor 60 Jahren knüpfte Regina Richter zwei Brieffreundschaften. Die wuchsen trotz Schwierigkeiten.

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© Sven Ellger

Von Nadja Laske

Auf gemusterter Tischdecke steht der Laptop, aufgeklappt. Regina Richter hat gelernt, damit zu schreiben. Mails mit Fotoanhängen, Googlesuche, Tickets buchen, alles kein Problem für die 74-Jährige. Trotzdem nimmt sie regelmäßig Schreibbögen und Briefumschläge zur Hand. So wie schon vor 60 Jahren, als sie die ersten Zeilen an Eva und Lida schrieb.

Ihre Freundin Eva (l.) hat ihr das Album geschickt. Die Frauen sind seit ihrer Jugend eng verbunden.
Ihre Freundin Eva (l.) hat ihr das Album geschickt. Die Frauen sind seit ihrer Jugend eng verbunden. © privat

Das Facebook war noch nicht gebunden, an Twitter und Instagram dachte kein Mensch. Aber es gab Brieffreundschaften, meist zwischen Mädchen und Jungen der verschiedenen sozialistischen Länder. Über einen Aufruf an die Schülerinnen und Schüler der DDR hatte Regina Richter die beiden tschechischen Mädchen kennengelernt. „Wir sollten Geschenke basteln und einsenden, um im Gegenzug Geschenke aus dem Nachbarland zu bekommen“, erinnert sich die Dresdnerin an die Anfänge. Tagelang zeichnete sie mit Tusche und Bleistift Ansichten ihrer Heimatstadt, vier, fünf Blätter, ganz genau weiß sie das nicht mehr. Die Bilder gingen auf Reisen, und das Warten begann. Auch für Eva in Prag. Die damals Zehnjährige hatte auf den länderübergreifenden Aufruf hin ein kleines Fotoalbum gestaltet: Eindrücke ihrer Stadt fing sie selbst mit der Kamera ein. Auf die letzte Seite klebte sie ein Porträt von sich selbst, schrieb in sauberer Handschrift ihren Namen und ihr Alter dazu.

Der braune Ledereinband voller Schwarz-Weiß-Aufnahmen erreichte Dresden im Frühjahr 1957. Schon zuvor hatte Regina Richter einen Brief aus der Nähe der tschechoslowakischen Hauptstadt erhalten – das Dankeschön von Lida. Sie war die Empfängerin ihrer Zeichnungen. Die Initiatoren des postalischen Schüleraustauschs hatten eine Art Ringtausch organisiert. Auf diese Weise fand Regina Richter zwei etwa Gleichaltige, mit denen Freundschaft zu halten nicht immer leicht war, aber ein Geschenk auf Lebenszeit wurde.

„Lida konnte sehr gut Deutsch, Eva aber musste ihre Briefe an mich und meine Antworten immer von ihrer Mutter übersetzen lassen“, erzählt Regina Richter. So kam es, dass sich der eine Austausch leichter entwickelte als der andere. Während Lida ihre neue Freundin aus Dresden in ihren Heimatort einlud, haderte Eva mit der beschwerlichen Art, sich zu verständigen. „Im Sommer 1961 fuhr ich mit dem Zug in die Nähe von Prag, um Lida, ihre Schwester und ihre Eltern zu besuchen“, erzählt Regina Richter. Sie hatte eine Lehre zur Mechanikerin begonnen, bis heute denkt sie gern an diese Ferien. Drei Wochen lang blieb sie, lernte das Leben in der CSSR kennen, wurde rundum versorgt und mit auf Reisen zur Großmutter ins Riesengebirge genommen.

Den Kontakt zu Eva hatte sie da schon verloren. Gar zu mühselig war er der Pragerin erschienen. Die freute sich dennoch sehr über einen Überraschungsbesuch. Irgendein Band sollte zwischen den Mädchen bestehen bleiben. Und doch vergingen zehn weitere Jahre, bis die Freundschaft eine neue Chance bekam.

„Plötzlich, 1971, erhielt ich Post von Eva. Sie hatte inzwischen ein paar Monate in Österreich gelebt und gut Deutsch gelernt“, erzählt Regina Richter. Auch sie lernte seit Jahren Tschechisch. Fortan vertiefte sich die Freundschaft auch zu Eva. Fotos aus den 70er- und 80er-Jahren zeugen von vielen gegenseitigen Besuchen, bald mit Männern und Kindern. Eva war Fotografin geworden, ihr Mann fuhr einen Trabi, und beide reisten oft nach Dresden.

Seit sechzig Jahre hält diese Freundschaft. Von Lida musste sich Regina zwar vor 17 Jahren verabschieden, doch über ihren Tod hinaus ist auch deren Schwester Maria eine enge Freundin geblieben. „Ich habe dank dieser Freundschaften so viel gelernt“, sagt Regina Richter – und plant schon die nächste Reise nach Prag. Den Freundinnen ankündigen wird sie sich, wie es sich für eine richtige Brieffreundschaft gehört: auf vertrautem Postweg.