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Feuilleton

Geschichten aus einem gespaltenen Land

Von einer jungen Bloggerin bis Alexander Gauland - die Autorin Jana Simon porträtiert Lebensläufe in Zeiten des Umbruchs.

So wie hier bei einer Demo am 13. Februar in Dresden muss die Polizei immer häufiger politische Lager trennen.
So wie hier bei einer Demo am 13. Februar in Dresden muss die Polizei immer häufiger politische Lager trennen. © Sven Ellger

Von Ulfrid Kleinert

Nahaufnahmen einer verunsicherten Nation nennt Christa Wolfs Enkelin, die Zeit-Autorin Jana Simon, ihre sechs Biografieskizzen, in denen sie wie in einem Brennglas aus verschiedenen Perspektiven zeigt, wie Deutschland sich im vergangenen Jahrzehnt verändert hat. „Unter Druck“ geraten sind nicht nur die von ihr seit 2013 begleiteten und einfühlsam beschriebenen sechs Bundesbürger, die aus Ost- und West-, aus Nord- und Süddeutschland stammen und aus verschiedenen sozialen Schichten und Berufen kommen. 

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„Unter Druck“ geraten ist das ganze Land. Wer heute vor den anstehenden Landtagswahlen Simons Fallstudien liest, sieht sich mit allen Mitbürgern vor wichtige Entscheidungen gestellt.

Da ist der Jenaer Polizist Matczak, Ex-Volkspolizist, der nach der Wende als Staatsschützer tatenlos zusehen muss, wie Uwe Böhnhardt vor seinen Morden trotz Sprengstofffunden und Bewachung nicht festgenommen werden soll. Er sieht sich heute gewalttätigen Rechten, kooperationsunwilligen Linken, fremdsprachigen Jugendbanden und „geistigen Brandstiftern“ aus der AfD ausgesetzt und dafür ungenügend ausgestattet. 

Angestellter als Mastschwein

Die in Polen aufgewachsene Krankenschwester Bozena Block arbeitet am Starnberger See im Pflegedienst nach Zeitvorgaben, die alten Menschen ihre Würde nehmen. Weil ihr Gehalt nicht für eine normale Münchner Wohnung reicht und sie selbst, obwohl lange als Deutsche eingebürgert, wegen ihres Akzents als Flüchtling beschimpft wird (sie soll „gefälligst dahin verschwinden, wo sie herkommt“) werden Kriegsflüchtlinge, denen sie doch helfen will, ihr zur Bedrohung. 

Der Ingenieur Jörn Reichenbach firmiert vorsichtshalber unter einem Pseudonym. Denn er redet frei heraus über seinen Arbeitgeber, die große Firma Bosch, die ihn zwar „optimiert wie ein Mastschwein“, aber jetzt seinen Arbeitsplatz und damit sein Eigenheimdarlehen gefährdet, weil sie die selbst verschuldete, voraussehbare und jetzt unbefriedigend „gelöste“ Dieselaffäre nicht verhindert hat.

Finanzfachmann Jörg Asmussen, trotz SPD-Parteibuch Kanzlerinberater und Griechenlandretter, galt Kennern 2013 als einer der mächtigsten Männer Deutschlands, der Probleme politisch-diplomatisch lösen will und offen über alles spricht.

Drei Jahre später ist er Managing Director für die private US-Investmentbank Lazard, deren einziges Ziel „Geld verdienen“ lautet; über seine Tätigkeit zu reden, verbietet ihm seine Firma. Auf Simon wirkt er jetzt „getrieben, fremdbestimmt“. Der Politiker Alexander Gauland ist wie Asmussen ein gebildeter Mann und mit einer guten Pension ausgestatteter ehemaliger Staatssekretär, der vor gar nicht langer Zeit an gesellschaftlichem Konsens und Gemeinwohl interessiert war. Dutzende vietnamesischer Boat-People holte er nach Frankfurt am Main. Einst selbst aus der DDR in die BRD geflohen, sind nun Kriegsflüchtlinge seine und seiner Partei Hauptfeinde, weil das Wählerstimmen bringt. 

Ebenfalls um des Wahlerfolgs willen und um nicht wie Lucke und Petry die Parteiführung zu verlieren, will er den rechtsradikalen Parteiflügel nicht missen und beteiligt sich an verletzenden Provokationen, macht die Sprache des Nationalsozialismus wieder hoffähig und überschreitet Grenzen des bisher Sagbaren, wenn er zum Beispiel „die zwölf Jahre“, in denen Millionen Menschen ermordet wurden, als „Vogelschiss“ bezeichnet.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Erst als sich der Verfassungsschutz parteigefährdend äußert, versucht er, die Wogen zu glätten, ohne freilich seinen „Freund“ Höcke und die gut organisierten Rechtsradikalen verlieren zu wollen. Weil er Politisches und Privates streng getrennt sehen möchte, bleibt ihm unverständlich, weshalb sich seine alten Freunde nach und nach bedauernd von ihm lossagen. Und zwischen ihm und seiner geliebten Tochter – einer evangelischen Pfarrerin, die eher den Grünen nahesteht – Sprachlosigkeit zunimmt.

Ganz anders die junge Bloggerin Lisa Banholzer. Sie ist unter Druck, weil sie ihren Werten getreu leben möchte. Deshalb unterscheidet sie zwar Berufliches/Politisches und Privates, will aber beides nicht trennen. Obwohl eine hohe Anzahl ihrer Follower sie für die Werbebranche interessant macht, verzichtet sie ausdrücklich auf die Rechten unter ihnen, ihren „Eintritt in die SPD aus Protest gegen die AfD“ teilt sie öffentlich mit. Während Gauland und seine Partei nach Simon eine schwer zu entwirrende „Melange aus Tatsachen, Halbwahrheiten und Lügen“ konstruieren, sei Banholzer bis zur „rigorosen Hypermoral“ auf der Suche nach Wahrheit.

Insgesamt wird, wer Simons Buch liest, Menschen, Lebenszusammenhänge und Strukturen in Deutschland wiedererkennen und besser verstehen. „Unter Druck“ zeigt sich die Notwendigkeit einer klärenden Entscheidung, vor der unser Land steht. Wir benötigen eine Politik, die das Wohl aller im Blick hat und dafür notwendige Rahmenbedingungen schafft. Dazu braucht es Personen und Parteien, die Menschen unterschiedlicher Herkunft wahrnehmen und wertschätzen und nicht die einen gegen die anderen ausspielen.

Jana Simon: Unter Druck – wie Deutschland sich verändert, S. Fischer-Verlag, 336 Seiten, 20 Euro

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