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Geschichten hinter Glas

Der Künstler Reiner Tischendorf restauriert alte Glasdecken in Fleischereien. Sein aktuelles Projekt führt ihn nach Mittweida.

© Falk Bernhardt

Von Ulrike Kirsten

Für Rinder und Schafe, Rosen und Lilien hat Reiner Tischendorf über Monate hinweg den Kopf verdreht, bis der Nacken schmerzte. Denn die Motive auf der aufwendig handbemalten Glasdecke waren für den Dresdner Restaurator eine Herausforderung. Die Tier- und Pflanzendarstellungen zieren die einzelnen Glaselemente in einer Fleischerei in Mittweida. Den Mittelpunkt der Decke bilden vier Putten. Sie symbolisieren die vier Jahreszeiten.

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Der Auftrag hat den Künstler in den vergangenen Monaten beschäftigt. Denn die Zeit hatte Spuren hinterlassen auf dem prächtigen gläsernen Werk. Manche Malereien waren stark beschädigt. „Ich habe die meiste Zeit quasi umgekehrt malen müssen. Es wird ja nicht direkt auf das Glas, sondern dahinter gemalt“, sagt der 68-Jährige. Diese Hinterglasmalerei muss in der Zeit des Jugendstils entstanden sein. Das bestätigt auch eine Tageszeitung von 1905, die Reiner Tischendorf beim Abnehmen der Glastafeln im vergangenen Frühjahr gefunden hat. „Glasmalerei ist anfällig gegen Hitze, Feuchtigkeit und Kälte“, sagt der Restaurator, der in Klotzsche wohnt.

Rettung für historische Decken

Das Papier wurde auf der Rückseite der gefassten Glasscheibe punktuell fixiert, um das Kondenswasser aufzusaugen, das sich auf der bemalten Rückseite bildet. „Deshalb hält die Malerei auch nur eine gewisse Zeit und nimmt irgendwann Schaden. Glas ist einer der schlechtesten Bildträger in der Malerei, die Restaurierung daher sehr aufwendig.“ Dennoch ist die Methode der Glasmalerei stark verbreitet. Decken dieser Art finden sich auch in Pfunds Molkerei oder in der Fleischerei in der Chemnitzer Straße nahe dem Rathaus Plauen.

Trotz oder gerade wegen des großen Aufwands wollten Karl und Annelie Schneider das mehr als 100 Jahre alte, kulturgeschichtliche Kleinod in ihrem traditionellen Familiengeschäft am Steinweg 12 in Mittweida für die Nachwelt erhalten. Zwar wirkt die Fleischerei von außen wie ein gewöhnlicher Laden. Doch wer das Geschäft betritt, fühlt sich schnell in der Zeit zurückversetzt. Bis auf die Theke ist hier noch alles original: die Bodenplatten, die Wandfliesen von Villeroy & Boch, die gusseisernen Wurstgestänge und eben die prachtvolle Glasdecke. Mit der Restaurierung der historischen Decke hat das Ehepaar nicht nur seinen Kunden ein Geschenk gemacht, sondern auch sich selbst. Ihre Fleischerei gehört zu den wenigen, die sich nach 1989 dem wachsenden Konkurrenzdruck erwehrt hat. In Reiner Tischendorf hat Fleischermeister Schneider einen erfahrenen Restaurator gefunden.

Sein Handwerk hat der in Roßwein geborene Künstler in der Meißner Porzellanmanufaktur erlernt, wo er eine Ausbildung als Porzellanmaler machte. Gleichzeitig besuchte er die Spezialschule für Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Später machte er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sein Diplom für Malerei, Grafik und Restauration. In den letzten Jahren hat der Dresdner Künstler unter anderem an der Restaurierung des Residenzschlosses Dresden mitgewirkt. Inzwischen ist auch die Mittweidaer Glasdecke fertig und wieder montiert, das Projekt damit aber längst nicht abgeschlossen. In den nächsten Wochen wird er noch den fehlenden Fries aufarbeiten. Und sich dafür wieder allein in seinem Atelier in den Werkstätten Hellerau einsperren. Denn Glasmalerei ist kompliziert. „Dafür braucht man nicht nur die Leidenschaft, sondern vor allem Geduld und Konzentration“, sagt er.