merken
PLUS

Geschnappt von Hugo

Fährtenhunde der sächsischen Polizei übten diese Woche bei Berggießhübel das Schnüffeln. Flüchtig: ein SZ-Reporter.

Von Jörg Stock

Ich bin auf der Flucht. Ich habe die Sparkasse drüben im Städtchen ausgeraubt. Aber mein Fluchtwagen steckt im Matsch fest. Ha! Was ist das? Hundegekläff? Sie jagen mich! Schnell in den Wald, im Slalom um die dicken Fichten, dann quer durch junges Kiefernholz. Hierhin, hinter diesen Verhau aus Farnkraut und Gestrüpp kauere ich mich. Nur keinen Mucks jetzt. Dann werden sich die Greifer schon trollen.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Oppacher füllt Heimat in Flaschen ab und überzeugt seine Kunden mit regionalem Mineralwasser in ausgezeichneter Qualität.

Pssst! Nichts verraten. SZ-Reporter Jörg Stock in seinem Farnkraut-Versteck. Foto: Katja Frohberg
Pssst! Nichts verraten. SZ-Reporter Jörg Stock in seinem Farnkraut-Versteck. Foto: Katja Frohberg
Wo ist der böse Kassenräuber hin? An diesem Waldrand bei Berggießhübel hat sein Auto den Geist aufgegeben. Hauptkommissar Teichmann setzt Fährtenhund Hugo an. Foto: Katja Frohberg
Wo ist der böse Kassenräuber hin? An diesem Waldrand bei Berggießhübel hat sein Auto den Geist aufgegeben. Hauptkommissar Teichmann setzt Fährtenhund Hugo an. Foto: Katja Frohberg

Es ist ein schöner, sonniger Morgen im Wald bei Berggießhübel. Zu schön für ein Verbrechen. Ich bin auch kein Verbrecher, sondern ein harmloser Reporter. Die Story mit dem Bankraub haben sich die Hundeführer ausgedacht. Sie üben gern mit Zivilisten wie mir. Müssten sie die Fährten immer selbst legen, könnten aus ihren Hunden Gewohnheitstiere werden. Dabei sollen die ja allzeit heiß auf Neues sein.

Etwa 130 Hunde dienen in Sachsens Polizei. Sie schnüffeln nach Rauschgiften, Brandmitteln, Sprengstoffen und Menschen. Die Diensthundeschule in Naustadt bei Wilsdruff bildet sie aus. Hier, im Berggießhübeler Busch, findet heute ein Praxislehrgang für fortgeschrittene Fährtenhunde statt. Die Fährte gehört mir. Ich will wissen, wie es ist, von einem vierbeinigen Polizisten geschnappt zu werden.

Mein Häscher ist Hugo, ein dreijähriger Deutscher Schäferhund. Auf der Fahrt hierher habe ich ihn kennengelernt. Er lag brav in seiner Box. Als wir auf den Waldweg holperten, wurde er munter und fiepte erregt. Sein Herr, Hauptkommissar Steffen Teichmann, hat gegrient. „Das ist die aufkeimende Arbeitsfreude.“ Hugo spürte: Dieser Ausflug könnte sich lohnen. Belohnung ist sein Antrieb. Verhaltenssteuerung durch Motivation sagen die Polizisten dazu. Motivation für den Hund ist Futter oder Spielzeug oder eine Streicheleinheit. Hugo ist ganz vernarrt in einen kleinen, blaugrünen Ball. Wenn sein Chef ihn über die Wiese schleudert, fegt er wie der Blitz hinterdrein.

Hunde sind Nasentiere. Selbst ein Straßenköter kann suchen, sagt Ausbildungsleiter Oberkommissar Uwe Syre. Man muss ihm nur beibringen, was er suchen soll. Es geht nicht bloß um den Geruch eines bestimmten Menschen. Es geht um den Geruch, den der Mensch produziert, wenn er durchs Gelände läuft. Bei meiner Pseudo-Flucht habe ich den Waldboden verletzt, habe Partikel aufgewirbelt und Hautschuppen verloren, also eine gewisse Unordnung angerichtet. Gepaart mit meinem Eigengeruch entsteht eine spezielle Mischung, die der Hund identifizieren kann, bei günstigen Umständen noch Tage später.

Er will nur spielen. Bei Fährtenhunden stimmt das wirklich. Die Tiere, die im Ankauf um die 2.000 Euro kosten, müssen einen starken Spieltrieb haben. Ein Hund, der gern spielt und weiß, dass sein Trieb bei Erfolg befriedigt wird, setzt all seine Energie ein, um auf der Spur zu bleiben.

Hugo ist vom Temperament her ungefähr das, was Menschen einen Sanguiniker nennen, meint Steffen Teichmann. Demnach müsste er ein heiterer, lebhafter Bursche sein, allerdings mit Hang zur Skrupellosigkeit und zum Exzess. Aber wie gesagt: Das gilt für Menschen. Nein, Hugo ist ein ausgeglichener Hund, findet Hauptkommissar Teichmann, und – das habe ich gern gehört – er ist kein starker Beißer.

Gegen Bisse bin ich dank einer Spezialjacke immun. Sie ist so dick gepolstert, dass meine Arme ohne Kraftaufwand vom Körper abstehen und ich aussehe, wie ein adipöser Pflaumentoffel. Weil ich bei der Flucht fast im Kreis gelaufen bin, kann ich zugucken, wie Steffen Teichmann mit Hugo zu dem Fleck geht, wo mein angeblich festgefahrenes Auto steht. Halsband und Leine trägt er noch in der Hand. Für Hugo ist es das sichere Zeichen: Jetzt geht’s los.

Der Arm im Schraubstock

Ich hocke und warte. Vielleicht haben jene beiden Diebe auch so gewartet, die Hugo im März bei Döbeln fing. Eine Palette Kaffee hatten sie im Supermarkt geklaut, waren auf der Flucht wirklich stecken geblieben und dann unter einer Tannenreihe abgetaucht. Es war stockfinstre Nacht. Hugo hat das nicht gestört. Vielleicht waren die Ganoven froh, als er sie aufspürte. Bei zehn Grad minus und Schnee hätten sie wohl ohnehin nicht lange ausgehalten.

Es knackt, es raschelt. Tatsächlich. Sie kommen. Keine zehn Minuten hat das gedauert. Ich spähe über mein Gebüsch hinweg, sehe schon Hugos Rute wedeln. Dann steht er plötzlich vor mir. Er scheint außer Atem. Fährtenarbeit ist Schwerstarbeit. Dann bellt er los, bellt und bellt. Seine Zähne blitzen. „Treten Sie rrraus!“, werde ich angeherrscht. Das Spiel ist aus. Oder?

Als Bösewicht mit dem Mut der Verzweiflung gehe ich Hugo an. Im selben Moment hängt er an meinem linken Arm, verbeißt sich im Ärmel der Pflaumentoffeljacke. Es ist, als würde ein Schraubstock zugedreht. Ich muss kämpfen, um auf den Beinen zu bleiben. Erst als ich stillhalte, ein Kommando schallt, fällt der Hund von mir ab. Er kriegt Wiener Würstchen zur Ablenkung und dann seinen Ball als Lohn. Vergessen ist der Räuber. Hugo spielt. „Und wo ist das Geld?“, will jemand von mir, dem Bankräuber wissen. Das hole ich erst, wenn weit und breit garantiert keine Hundeschnauze mehr zu sehen ist. Ätsch!