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Gesprächsangebot statt Urteil

Weil Zeugen unterschiedliche Wahrnehmungen erzählen, bleibt der Vorwurf einer Kinds- Misshandlung im Unklaren.

Von Jens-Rüdiger Schubert

Das Amtsgericht Görlitz hat ein Verfahren gegen Christel Kern * vorläufig eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte der Frau aus Görlitz Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Die 40-jährige elffache Mutter soll ihren 1994 geborenen und geistig schwerstbehinderten Sohn zwischen 2004 und 2011 misshandelt haben. In der Anklage war von Fesselungen, Schlägen und Isolierungen die Rede. Außerdem soll der an Diabetes erkrankte Junge unsachgemäß gespritzt worden sein.

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Die Anklage stützte sich dabei unter anderem auf die Aussagen der beiden ältesten Töchter. Auch vor Gericht hatten die Beiden sehr detailliert und emotional ausgesagt. Die Ermittlungsbehörde unterstrich die Aussagen mit Fotos, auf denen das Bett des Jungen abgebildet war. Eindeutig waren Stricke zu sehen. Der Ehemann der Angeklagten erklärte, dass mit den Stricken das Bett an der Heizung befestigt wurde, damit der Junge keine Möglichkeit hatte, etwas dahinter zu werfen.

Auf die Fesselungsspuren an den Handgelenken angesprochen, hieß es, dass dem Kleinen die Hände eingepackt wurden, damit seine Finger heilen konnten, die er sich selbst verletzt habe. Die beiden Mädchen berichteten, dass die Bettwäsche des Jungen nicht regelmäßig gewechselt wurde, dass es auch Mängel bei der Körperhygiene gab, und dass er nachts und manchmal sogar tagsüber gefesselt wurde. Das wurde auch von einem Zeugen des Jugendamtes bestätigt.

Der Ehemann und vor allem die anderen Kinder der Angeklagten bestritten alle Vorwürfe. Ihrer Meinung nach hatten die beiden Schwestern ein gespanntes Verhältnis zur gemeinsamen Mutter. Da bei einem Gerichtsverfahren alle Aussagen zu berücksichtigen sind, erkannte das Gericht keinen eindeutigen Schuldbeweis. Die Verteidigung strebte einen Freispruch an. Schließlich stellte Richter Uwe Kühnhold das Verfahren gegen eine Auflage vorläufig ein. Erst wenn Christel Kern binnen sechs Monaten an einem Gesprächskurs beim Verein für Straffälligenhilfe Görlitz erfolgreich teilnimmt, kann das Verfahren endgültig eingestellt werden.

* Name von der Redaktion geändert