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Hier entstehen bald Hauswände aus Stroh

Ein junges Unternehmen investiert in Nebelschütz mehr als eine Million Euro. Die Geschäftsidee klingt ein bisschen verrückt - aber nur auf den ersten Blick.

Andreas Nitsch ist einer der Firmengründer der Lorenz GmbH und wird die Produktion in Miltitz leiten. Zurzeit entwickelt er gerade zwei patentwürdige Maschinen, die vor Ort in Einsatz kommen.
Andreas Nitsch ist einer der Firmengründer der Lorenz GmbH und wird die Produktion in Miltitz leiten. Zurzeit entwickelt er gerade zwei patentwürdige Maschinen, die vor Ort in Einsatz kommen. © Matthias Schumann

Nebelschütz / Miltitz. Endlich kommt Bewegung ins Gewerbegebiet Miltitz. Früher wurden in den mittlerweile leerstehenden, riesigen Hallen Ziegel hergestellt. Die Firma Megalith und ihr Nachfolger, die  Wienerberger Ziegelindustrie GmbH, sind aber lange Geschichte. Nur ein unvollständiger Schriftzug an einer der großen Wände erinnert an alte Zeiten. Bald wird ein neues Firmenschild am Eingang des Gewerbegebietes aufgestellt: Die Lorenz GmbH hat sich dieser Tage eingemietet. Und verfolgt große Pläne bis zum Jahresende.

Noch ist nicht viel zu sehen. Doch das Unternehmen wird in den kommenden Monaten über eine Millionen Euro investieren, um sich vor Ort zu etablieren. Ihr Auftrag? Klimafreundliche, nachhaltige Montagesysteme - allein aus Stroh und Holz. Was erst einmal verrückt klingt, hat Hand und Fuß. Die drei Firmengründer haben handfeste Erkenntnisse auf dem Gebiet. Vor allem Moritz Reichert verfügt über eine mehr als 20-jährige Praxis beim Errichten und Dämmen von Gebäuden aus Holz und Stroh. Seine Manufaktur in Polen läuft mit Erfolg.

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Der geschäftsführende Mitgesellschafter Rainer Schmidt aus Taucha hat darüber hinaus eine mehr als 20-jährige Erfahrung als diplomierter Ingenieur für regenerative Energietechnik und verantwortet die Geschäftsentwicklung sowie den Vertrieb. Und der Kamenzer Andreas Nitsch entwickelt aktuell in Eigenregie zwei Maschinen, mit denen man in Miltitz an den Start gehen will.

Das maschinell vorgefertigte Holz-Stroh-System eignet sich für die Errichtung von Neubauten ebenso gut wie für die Wärme- und Kältedämmung von Bestandsgebäuden. Damit liegt die Lorenz GmbH im Trend.  Seit Jahren erfreut sich nachhaltiges Bauen wachsender Beliebtheit. Häuser mit Strohwänden sind besser gedämmt als jedes Niedrigenergiehaus. Als Material eignet es sich insbesondere für Bauherren, die selbst Hand ­anlegen wollen.

In der polnischen Manufaktur konnte man bisher 3.000 Quadratmeter Bauelemente pro Jahr anfertigen. In Miltitz werden das maschinell dann 25.000 Quadratmeter sein.
In der polnischen Manufaktur konnte man bisher 3.000 Quadratmeter Bauelemente pro Jahr anfertigen. In Miltitz werden das maschinell dann 25.000 Quadratmeter sein. © privat/Lorenz GmbH

Das haben die drei Männer erkannt. Zahlreiche Objekte mit ihren Stroh-Holz-Modulen kann man polen- und deutschlandweit besichtigen. Die Drei kennen sich aus der Studienzeit an der Zittauer Hochschule.  Nitsch ist  Diplom-Ingenieur für chemische Umweltanalytik und gelernter Bau- und Möbeltischler. Beides sind beste Voraussetzungen, um sich in der Firma einzubringen.  Jeder agiert auf seinem Fachgebiet. Und man glaubt an das Produkt.  "Wir haben einerseits langjährige Erfahrungen aus der Manufaktur. Und zum anderen ist die Nachfrage so gestiegen in den letzten Jahren, dass wir expandieren müssen. Eine große Produktion ist die logische Schlussfolgerung", sagt er. 

Konnte man bislang nur 3.000 Quadratmeter Module pro Jahr  in Handarbeit herstellen, sollen es im fertigen Werk im Nebelschützer Ortsteil Miltitz bald 25.000 Quadratmeter sein. "Die maschinelle Produktion schließt eine Konfektion am Schluss nicht aus. Natürlich müssen die einzelnen Gebäudeelemente dem Kundenwunsch entsprechend gefertigt werden", sagt Andreas Nitsch. Das beinhaltet Handarbeit. "Wir sehen uns trotz der Umstellung auf eine maschinelle Linie immer noch als Handwerker", so der 46-Jährige. 

So könnte ein Haus mit Stroh-Holz-Modulen aussehen. Polen- und deutschlandweit gibt es bereits einige vorzeigbare Objekte.
So könnte ein Haus mit Stroh-Holz-Modulen aussehen. Polen- und deutschlandweit gibt es bereits einige vorzeigbare Objekte. © privat/Lorenz GmbH

Für die Arbeit im künftigen Werk wird man übrigens  zehn Mitarbeiter brauchen. Dass man Arbeitsplätze schafft, freut die Gesellschafter besonders. "Wir suchen  kreative Leute mit handwerklichem Geschick, die unserer Idee vom klimafreundlichen und nachhaltigem Bauen folgen", sagt der Kamenzer. Dabei setzt das Unternehmen auch auf regionale Zulieferer. "Um uns herum gibt es Bauern und damit Stroh. Wir haben bereits Kontakt zu ihnen aufgenommen", so Nitsch. Auch die Produktionslinie soll natürlich von einem lokalen Unternehmen gefertigt werden. 

Sogar kompostierbar

Die natürlichen Boden-, Decken - und Wandmodule  sind übrigens auf alle möglichen Anforderungen geprüft. Ob Brandschutz, Nagetierschutz, Schalldämmung und Schadstoffe - alles unterliegt strengen Auflagen. "Wie bieten ausschließlich kompostierbare Materialien an. Denn für uns ist es wichtig, ein Produkt zu haben, welches im Einklang mit Natur und Mensch steht", heißt es. Das bedeutet, dass man später sein Haus komplett auf den Kompost werfen könnte? "Im Grunde genommen ja", schmunzelt Andreas Nitsch. "Aber wenn ich mir einige  Objekte mit unseren Modulen anschaue, in denen die Kundschaft mitunter seit Langem wohnt, dann hat das  sicher viel Zeit."

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www.lorenzsysteme.de

Mit dem DD24 hat die Lorenz GmbH ein funktionales Montagesystem geschaffen, welches vielseitig einsetzbar ist und modular Verwendung findet.
Mit dem DD24 hat die Lorenz GmbH ein funktionales Montagesystem geschaffen, welches vielseitig einsetzbar ist und modular Verwendung findet. © privat/Lorenz GmbH

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