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Geteiltes Büro macht doppelt Spaß

Michael Schiewack vermietet in Kamenz eine ganze Etage seines Hauses preiswert an Firmen, Rückkehrer oder Start ups.

© Matthias Schumann

Ina Förster

Kamenz. Die ersten zwei Firmen sind eingezogen, haben ihre eigenen Schreibtische aufgestellt oder auch nur ihr Notebook angeschlossen. Der Arbeitsalltag ist seit dem 3. April angelaufen. Nach Ostern startete erstmals das Projekt Bürosharing oder Co Working in Kamenz. Zu gut Deutsch: Viele teilen sich eine Etage zu kleinen Preisen. Und profitieren von der vorhandenen Technik, einer Gemeinschaftsküche und kreativen Pausenräumen. Vermieter Michael Schiewack ist damit Vorreiter in der Stadt. Das Konzept ist nicht ganz neu. Aber hier auf jeden Fall. Seine Premieren-Mieter fand er übrigens recht schnell – über einen Facebookaufruf und ein bisschen auch auf Empfehlung der City-Managerin.

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Die Veranstaltung findet am Mittwoch, dem 20. Januar 2021, in virtuellen Räumen statt.

Nachdem hier früher in der ersten Etage des Eckhauses an der Feigstraße 2 über viele Jahre die IHK Kamenz ihren Sitz hatte, nutzte der Ergotherapeut die Räume nach deren Umzug selbst. Kurse, Meetings, Klientengespräche – es war halt plötzlich viel Platz für alles. Eigentlich führt der Kamenzer seine Praxis aber im Erdgeschoss. „Die zusätzlichen rund 100 Quadratmeter oben waren uns lange schon zu groß. Zumal wir aktuell mit unseren Kursen nach Kamenz-Ost umziehen“, erzählt er. Der Ergotherapeut wollte auch nicht blauäugig sein. Eine Bürofläche über 100 Quadratmeter – so etwas bekommt man heutzutage schwer vermietet“, sagt er. Und auf eine neue Arztpraxis, Rechtsanwaltskanzlei oder Adäquates warten? Nein! Neue Ideen mussten her. Warum also nicht einfach die gut geschnittene Etage mit vier kleineren Räumen als vier extra Büros anbieten? „Ich dachte da auch wirklich von Anfang an an lockere Menschen, die gut miteinander können“, sagt er. Die sich gern mal in der Pause auf einen Kaffee oder Tee zusammen setzen. Oder sogar am Kicker spielen, um abzuschalten.“ Dieser Wunsch hat sich schon einmal in erster Instanz erfüllt.

Heike Thomas hat kurzerhand mit ihrer Firma Top Conferenc Hotels (TCH) – ein kostenfreier Hotelvermittler übrigens – eine Kamenzer Außenstelle eröffnet. Eigentlich ist der Unternehmenssitz in Leipzig. Zwölf Mitarbeiter sind dort immer noch zu Gange. Allesamt Leute aus der Hotelbranche, die früher in der Praxis gearbeitet haben und nun ihre Kundschaft weltweit online betreuen. „Wer ein Hotel für Kongresse, Tagungen oder Events benötigt, ist bei uns an der richtigen Adresse. Wir vermitteln deutschland- aber auch weltweit. Natürlich ebenso Übernachtungen. Und das kostenfrei“, so Heike Thomas. Der Service wird durch die Hotels finanziert, welche bei einer erfolgreichen Vermittlung eine Provision zahlen – ähnlich wie bei einem Reisebüro.

Zwei Einheiten schon vergeben
Sie selbst leitete früher ein Vier-Sterne-Haus in Leipzig und machte sich 2009 mit ihrer neuen Idee selbstständig. „Wir sind persönlicher Ansprechpartner für die gesamte Hotelsuche. Zeitraubende Optionsverlängerungen und Absagen übernehmen wir. Auch Vertrags- und Detailabsprachen. Das erleichtert der Kundschaft das ganze Prozedere.“ Das Geschäft floriert. Und seit Anfang April flattern Aufträge nun auch in der Lessingstadt ein. Der Grund dafür ist Mitarbeiterin Anja Holfeld. Die 13. im Boot der TCH. Die 30-Jährige ist Rückkehrerin. Nach dem Studium in Dresden und ihrer Arbeit in Leipzig, möchte sie mit ihrer Familie wieder Fuß fassen in der alten Heimat. Ein Baugrundstück wartet in Cunnersdorf. Mit Kind und Kegel zog sie bereits hierher. „In unserer Branche kann man von überall arbeiten“, sagt sie. „Und so wurde mein Wunsch erhört, hier neu Fuß fassen zu können“, sagt Anja Holfeld. Seit zwei Wochen bucht sie also von Kamenz aus. Das helle, freundliche Büro wird langsam wohnlich – Blumen stehen auf dem Schreibtisch, die Pinnwand ist gut gefüllt. Und Chefin Heike Thomas schaute vorbei, um die Lage zu sondieren. Ihr Fazit: Optimale Bedingungen für ihre junge Kollegin. „Wir finden die Idee des Bürosharings super. Uns erleichterte es vieles. Und wir fühlen uns hier aufgehoben“, sagt sie.

Sesshaft werden

So geht es auch Martin Kenrick. Der junge Engländer hat das kleinere Büro nebenan bezogen. Eigentlich braucht er nur einen Schreibtisch und einen guten W-Lan-Anschluss. Beides ist vorhanden. Michael Schiewack stellte ihm aber noch eine bequeme Couch ins Zimmer. Ein weiterer Raumnutzer hätte theoretischerweise Platz. Martin Kenrick arbeitet für ein großes Unternehmen, das weltweit agiert. Karta nennt sich der Datenanalyse-Spezialist. Und Martin Kenrick ist einer von über 30000 Mitarbeitern. Die letzten elf Jahre arbeitete er von London aus. „Natürlich sind das zwei Welten. Aber ich mag Kamenz sehr, fühle mich hier wohl“, meint er. Auch er kam der Familie wegen hierher. Seine Frau stammt aus der Stadt. Gemeinsam mit den beiden Kindern wollen sie nun hier sesshaft werden. Er könnte ebenso von zu Hause aus arbeiten, doch er favorisiert das Miteinander. „So ganz allein den ganzen Tag, das wäre nichts für mich. Man möchte schon noch anderen Menschen begegnen, zwischendurch mal ein anderes Gesicht sehen“, sagt Martin Kenrick. Und während er moderne Marktforschung betreibt, Kaufland und Lidl beispielsweise Kundenmeinungen zur Verfügung stellt, vergeht der Tag angenehm an der Feigstraße. Abends muss er nur ein paar Straßen weiter gehen und ist daheim. Kindergarten und Wohnung sind nicht weit. Auch die Menschen passen gut in sein Verständnis. Wenn er doch einmal Großstadt braucht, ist Dresden gleich um die Ecke. Was also kaum einer glauben mag: Für ihn ist die Lessingstadt das bessere London …

Mutmachergeschichten für Kamenz
Zwei Geschichten von vielen, die einer Stadt wie Kamenz nur Mut machen können. Auch dank Umdenker und Ausprobierer wie Michael Schiewack ist so etwas möglich. Die Stadt hat Potenzial. Das erkennen aktuell viele Menschen. „Ich denke, wir sind hier auf einem guten Weg. Aber es geht noch einiges mehr“, sagt der Ergotherapeut.