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„Geteiltes Glück ist ein doppeltes“

Ein Bergsteigerpaar kann nicht von den extrem hohen Bergen lassen. Daran ändern auch unkalkulierbare Zwischenfälle in der Todeszone nichts.

© goclimbamountain.de

Von Jochen Mayer

Wie ein Fisch an Land fühlte sie sich. Alix von Melle weiß, wovon sie mit norddeutschem Akzent spricht. Die gebürtige Hamburgerin wuchs an der Küste auf. Doch die Flachländerin zog es zu den höchsten Bergen. Mit sechs bestiegenen Achttausendern ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff ist die 44-Jährige Deutschlands erfolgreichste Gipfelsammlerin in der Todeszone. Drei weitere Versuche musste sie abbrechen, wie den 2014 am Makalu.

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Alix von Melle, Luis Stitzinger „Leidenschaft fürs Leben. Gemeinsam auf den höchsten Bergen der Welt“ Piper Verlag, Malik, 352 Seiten, 59 Fotos, 22,99 Euro.
Alix von Melle, Luis Stitzinger „Leidenschaft fürs Leben. Gemeinsam auf den höchsten Bergen der Welt“ Piper Verlag, Malik, 352 Seiten, 59 Fotos, 22,99 Euro.

Die Höhenkrankheit stoppte den Aufstieg. Dass etwas nicht stimmte, spürte sie mit noch nie erlebter Kälte von innen und Atemnot. „Da wusste ich: Es ist etwas nicht in Ordnung“, erzählt Alix von Melle in einem Interview mit der Sächsischen Zeitung. „Die Symptome traten plötzlich auf. Sie verschwinden zwar relativ schnell, wenn man absteigt. Aber oben kann es brandgefährlich werden.“

Nie hatte die Höhenbergsteigerin ähnliche Probleme erlebt. „Was 20-mal gutgeht, muss nicht ein 21. Mal klappen“, lautet ihre neue Erfahrung. Der Zwischenfall, mit dem jeder rechnen muss, der sich in extreme Höhen wagt, macht sie nachdenklich: Hätte man Signale erkennen müssen? War ihr Körper schon auf dem Anmarsch zum Berg zu geschwächt? Passiert es wieder?

Mahnung zu noch mehr Vorsicht

„Das Restrisiko ist größer als in den Alpen“, weiß sie schon immer. „Aber der Zwischenfall zeigte mir, was alles passieren kann. Man hat dort oben nie alles im Griff. Das erschreckte mich, und doch bleibt meine Begeisterung für hohe Berge. Man reift an Dingen, die nicht flutschen. Vielleicht sollte das eine Mahnung sein, am Berg noch vorsichtiger zu agieren.“ Der Makalu reizt immer noch, vielleicht im dritten Anlauf, weil sich damit ihre „bitterste Stunde im Höhenbergsteigen verbindet. Und weil es ein traumhaft schöner Berg ist“.

Ein Traumziel war im vergangenen Frühjahr der Mount Everest. Im Basislager auf der Nordseite in Tibet überraschte Alix von Melle das gewaltige Erdbeben im Zelt: „Ich saß auf der Isomatte. Plötzlich schwabbelte die, als würde sie auf dem offenen Ozean schwimmen. Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis mir klar war, was gerade passiert. Dabei habe ich Geografie studiert, kenne mich aus in Plattentektonik.“ Sie stürzte ins Freie, aber auch da dauerte es, bis sie realisierte, was es mit den immer neuen Stößen auf sich hatte. Noch heute wundert sie sich, wie lange die Erde nicht zur Ruhe kam. Tagelang gab es Nachbeben.

In einer riesigen Schotterebene lag das Lager relativ geschützt. Aber sie erfuhren schnell, welche Tragödie sich in Nepal zugetragen hatte, mit wie vielen Opfern. Das gab den Ausschlag, die Expedition abzubrechen. „Wir hatten ein Filmteam an der Seite, trugen auch für diese Leute Verantwortung“, begründete sie die Entscheidung. „Es gab andere Bergsteiger, die auf Sondergenehmigung hofften. Es war bitter, auf das Jahresziel zu verzichten. Aber wir wollten uns nicht selbst am Berg verwirklichen mit dem Wissen, was gerade passiert war mit den vielen Toten auf der Südseite.“

Wie beim Makalu könnte der höchste Berg der Erde noch mal ein Ziel sein. Dass er in beiden Basislagern von Massen belagert wird, schreckt Alix von Melle nicht ab: „Ich war voreingenommen, hatte einen Massenauflauf vermutet. So schlimm erlebte ich es auf der Nordseite nicht. Da gab es vielleicht 300, 400 Bergsteiger. Die Zugspitze gehen an einem guten Sommertag um die 2 000 an. Am Everest verteilen sich die Gipfelgänger auf zwei Monate. Das ist im Verhältnis kein Massentourismus. Mich hat es weniger gestört als vermutet.“

Auf den Bergtouren genießt Alix von Melle das reduzierte Leben: „Die Alltagshektik fällt von einem ab. Am Berg geht es nur noch um Trinken, Bergsteigen, Essen, Schlafen, und ich reize mich dabei auch noch körperlich aus, komme ans Limit.“ Und sie genießt, dass man mit extrem wenig auskommen kann. Wieder zurück im Alltag sieht sie alle Zivilisations-Errungenschaften mit anderen Augen.

Sucht würde zu negativ klingen

Alix von Melle kann vom Bergsteigen nicht mehr lassen. Sucht will sie das nicht nennen, es klingt ihr zu negativ: „Ich mache es, weil ich mich dabei am wohlsten fühle.“ Und sie geht mit dem Menschen in die Höhe, der ihr am nächsten steht. Seit 17 Jahren klettert sie zusammen mit Ehemann Luis Stitzinger. Der 47-jährige Ostallgäuer stammt aus einer Bergsteigerfamilie.

Beide verbindet eine „Leidenschaft fürs Leben“. So lautet der Titel ihres Buches und der Livevortrag. Es ist die Leidenschaft füreinander und für Berge. „Wir sind auch mal getrennt voneinander alleine unterwegs“, sagt die Pressereferentin von Globetrotter. „Lange Touren zu den hohen Bergen unternehmen wir aber gemeinsam.“

Sie kennen sich bestens. „Das ist ein Riesenvorteil, wenn wir, ohne Worte zu verlieren, unsere Lager aufbauen“, sagt Alix von Melle. „Wir wissen, was zu tun ist, wer was macht. Wir verstehen uns blind.“ Und sie teilen die Glücksgefühle auf Gipfeln. „Geteiltes Glück ist ein doppeltes“, hat sie mehrfach erlebt. „Man ist in Momenten des Glücks da oben nie ganz frei, weil noch der Abstieg wartet. Dabei passieren die meisten Unfälle, weil Konzentration und Anspannung nachlassen. Feiern kann man sich im Basislager.“ Gemeinsam teilen sie auch die Traurigkeit, wenn etwas nicht gelingt. Und sie hat „mehr Angst um den Partner, weniger um sich selbst“.

Wie sich die schönsten Momente auf ihren Touren anfühlen, das will sich Alix von Melle bewahren: „Bei Stress im Alltag versuche ich, mich an die guten Gefühle am Berg zu erinnern. Das schafft ganz viel Gelassenheit, innere Ruhe.“ Diese Stimmung und die positiven Emotionen möchte sie auf Vorträgen zum Publikum transportieren, so wie am Freitag. Dann tritt das Bergsteigerpaar in Dresden auf.

Alix von Melle, Luis Stitzinger „Leidenschaft fürs Leben“ Livevortrag am Freitag, 20.30 Uhr, Globetrotter-Filiale Dresden, Vorverkauf 10 Euro, Abendkasse 12 Euro.