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Riesa

Getötet als Vierjährige

Euthanasie traf auch Menschen direkt aus der Nachbarschaft - ein Beispiel aus Riesa.

Relikte eines Schicksals: Unterlagen, die Leben und Tod eines vierjährigen Riesaer Euthanasie-Opfers dokumentieren.
Relikte eines Schicksals: Unterlagen, die Leben und Tod eines vierjährigen Riesaer Euthanasie-Opfers dokumentieren. © Sebastian Schultz

Riesa. Ist das zynisch? Oder hatten die Eltern keine Wahl? "Plötzlich und unerwartet verschied unsere kleine Bärbel", heißt es in der Traueranzeige. Erschienen ist sie am 3. April 1944 im Riesaer Tageblatt, zwei Tage nach dem Tod des kleinen Mädchens. Offiziell war die Vierjährige an Lungenentzündung gestorben. Wie etliche andere Kinder, die damals in der Landesanstalt Großschweidnitz untergebracht waren. 

Die dortige "Heil- und Pflegeanstalt" beherbergte zu dem Zeitpunkt eine sogenannte Kinderfachabteilung. "Dorthin wurden kranke oder missgebildete Kinder überwiesen, begutachtet und nach Erteilung einer 'Behandlungserlaubnis' ermordet. Nach neuesten Forschungsergebnissen geht man heute von mehr als 500 ermordeten Kindern in Großschweidnitz aus", heißt es in der Sonderausstellung zum Thema Euthanasie, die derzeit im Stadtmuseum Riesa zu sehen ist.

Barbara Gertrud B. war 1940 per Kaiserschnitt im Riesaer Krankenhaus entbunden worden. Der Vater diente als Soldat. Als Barbara ein halbes Jahr alt war, stellten die Eltern fest, dass das Mädchen sich nicht so entwickelte, wie andere Kinder ihres Alters: Laufen und Sprechen lernte sie erst mit zweieinhalb Jahren. 

Ihr Wortschatz ging nicht über die Wörter Mama, Papa, Oma und Opa hinaus. Auffällig waren unkontrollierte Bewegungen des Oberkörpers. Der Arzt am Wohnort schätzte am 23. Dezember 1943 ein, dass es sich um ein „vollidiotisches “ für „nichts interessierbares Kind“ handelt. 

Im NS-Staat konnte das ein Todesurteil bedeuten. Am 5. Januar 1944 wurde Bärbel in Großschweidnitz aufgenommen. Dort wird die Diagnose Idiotie Mikrocephalie (abnorme Kleinheit des Kopfes, gestörte Entwicklung des Gehirns) ohne Aussicht auf Besserung erstellt. Zwei Tage später erkundigt sich die Mutter in einem Brief nach dem Befinden ihrer Tochter und bittet, wenn es möglich ist, sie so lange am Leben zu lassen, bis der Vater Urlaub von der Front erhält.

Im Antwortschreiben erfährt sie, dass der Gesundheitszustand zufriedenstellend ist und in absehbarer Zeit „keine Abkürzung des Lebens zu erwarten sei“. Kurz darauf erhält die Mutter die Mitteilung, dass Barbara schwer erkrankt sei. Am 31. März 1944 wird der mit der Ursache "Bronchopneumonie" - also Lungenentzündung - in der Akte verzeichnet. Dieses Krankheitsbild taucht immer wieder in den Akten auf. Die Häufung bestimmter Todesursachen spricht, so die Ausstellungsmacher, für eine gezielte Tötung der Patienten durch Ärzte und Pflegepersonal, die verschleiert werden sollte.

Die von der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain erarbeitete Ausstellung enthält fünf Fälle von Betroffenen aus der Region. Zunächst waren es noch vier - aber bei der Ausstellungseröffnung am 27. Januar meldeten Angehörige noch einen weiteren Fall: Die Schwester von Günther B. aus Frauenhain hatte mit Hilfe ihres Enkels nach dem Schicksal ihres Bruders geforscht. Auch er war 1944 in Großschweidnitz ums Leben gekommen, sogar noch vor seinem vierten Geburtstag. Offizielle Todesursache auch bei Günther B.: Lungenentzündung. (SZ)

Die Ausstellung "Die nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde" ist noch bis zum 15. März im Haus am Poppitzer Platz zu sehen. Am 13. Februar um 19 Uhr gibt es eine Filmvorführung zum Thema. Gezeigt wird "Nebel im August", Deutschland 2016.

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