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Gewalt auf der Potschappler Vogelwiese

Das größte Volksfest im Weißeritztal wurde 1911 in ganz Deutschland bekannt – durch einen Mord.

Blick auf das Gasthaus zum „Steiger“ mit angrenzendem Gartenbetrieb. Auf dem Vorfeld der 1801 gegründeten Einkehr fand jahrzentelang die größte Vogelwiese in unserer Gegend statt. Zum Rummel 1911, auf dem wieder 100 Schausteller vertreten waren, ba
Blick auf das Gasthaus zum „Steiger“ mit angrenzendem Gartenbetrieb. Auf dem Vorfeld der 1801 gegründeten Einkehr fand jahrzentelang die größte Vogelwiese in unserer Gegend statt. Zum Rummel 1911, auf dem wieder 100 Schausteller vertreten waren, ba © Foto: Sammlungen Huth

Im Januar 1912 beginnt am Königlichen Schwurgericht Dresden Münchner Platz ein Mordprozess, der nicht nur die Leute im Weißeritztal bewegt. Zahlreiche deutsche Tageszeitungen berichten ausführlich über die Verhandlung. Opfer des unheilvollen Geschehens ist die 14-jährige Haustochter Melanie T. aus Niederhäslich, ein Mädchen von schwächlicher Konstitution und nach Meinung ihrer Eltern gutmütig aber geistig etwas zurückgeblieben.

Im Sommer 1911 besucht Melanie die Potschappler Vogelwiese. Weshalb gerade sie dem 18 Mal vorbestraften Sohn eines Kutschers aus der Bautzner Gegend auffällt, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Der zu diesem Zeitpunkt 40-jährige Lothar P., kräftig von Statur neigt zu aggressivem brutalem Handeln. Auch Triebhaftigkeit wird ihm nachgesagt.

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Offenbar auf der Suche nach einer geeigneten Partnerin nimmt er im Vogelwiesengedränge Kontakte zu Melanie auf und weicht nicht mehr von ihrer Seite.

Zur Hauptverhandlung gibt ein Zeuge zu Protokoll, er sei dem ungleichen Pärchen 3-4 Mal auf dem Rummelplatz begegnet. Der Mann sei ihm wegen seines üppigen Bartwuchses aufgefallen. „Er redete eindringlich auf das Mädchen ein, das auf mich wie ein großes Kind wirkt. Einmal sah ich, wie sie sich von ihrem Begleiter losreißen wollte, doch der hielt sie ohne Anstrengung am Oberarm fest.“

Lebenslänglich

Am Abend begeht der Mann aus der Lausitz in einem abgeschiedenen Winkel auf Oberpesterwitzer Rittergutsflur ein Notzuchtverbrechen an der 14-jährigen, das den Tod des Mädchens zur Folge hat. Nach Auffassung eines Sachverständigen sei der Tat wahrscheinlich ein Kampf vorausgegangen, dem das am Kopf und Körper schwer verletzte Mädchen nicht gewachsen war. Tags darauf wird ihre Leiche von Angehörigen der Gendarmerie entdeckt.

Zur Hauptverhandlung stellt der Täter die Ermittlungsergebnisse der Kriminalpolizei in Abrede. Als die Last der Beweise erdrückend wird, schweigt P. auf die Fragen des Vorsitzenden. Zu einem Geständnis kann sich der Beschuldigte nicht aufraffen. Dazu ein Auszug aus einem Dresdner Pressebericht vom 13. Januar 1912: „Die mit Spannung erwartete Urteilsspruch lautet erwartungsgemäß: lebenslänglich Zuchthaus und Verlust des bürgerlichen Ehrenrechts auf Lebenszeit. Der Angeklagte nimmt das verkündete Strafmaß mit völliger Gleichgültigkeit auf. Kalt schaut er in die Runde, da ist nicht die leiseste Spur von Reue. In der Öffentlichkeit wurde das Urteil mit Genugtuung aufgenommen.“

Der Mord wirft vor allem im Spiegel der Presseberichterstattung Schatten auf den größten Rummel im Weißeritztal. Die Begegnung auf der Vogelwiese war schließlich Ausgangspunkt eines aufsehenerregenden scheußlichen Mordes. Man kann indes nicht sagen, dass das Rummelplatzgelände die Verbrechensstatistik der einheimischen Ordnungshüter merklich ansteigen ließ.

Nicht mehr geheuer

Natürlich befanden sich zu jedem Jahrgang auch einige Mausehaken und schwarze Schafe unter der großen Schar der Gäste – sie hatten in dem herrschenden Trubel leichtes Spiel. So wurden nach amtlichen Angaben 1911 sieben abhandengekommene Handtaschen und 1913 fünfzehn Handtaschendiebstähle gemeldet - die meisten wurden wie heute, nicht aufgeklärt. Des Weiteren gab es im Bierzelt wegen einer Eifersüchtelei eine handfeste Rauferei mit blutiger Nase und kurzem Krankenhausaufenthalt. Alles in allem keine ausgemachten Aufreger.

Werbung in der örtlichen Presse für die lokale Vogelwiese, die ursprünglich in Potschappel ihren Ursprung nahm und mit Gründung der Stadt 1921 zur Freitaler Vogelwiese wurde.
Werbung in der örtlichen Presse für die lokale Vogelwiese, die ursprünglich in Potschappel ihren Ursprung nahm und mit Gründung der Stadt 1921 zur Freitaler Vogelwiese wurde. © Foto: Sammlungen Huth

Der örtliche Anzeiger pflegt bei veröffentlichen Nachrichten dieser Art mit einem Appell an Potschapppels Bürger abzuschließen, der zwar nichts mit dem Rummel, sondern mit alltäglichen Gegebenheiten zutun hatte: „ Bürger! Passt bei dem Besuch von Gaststätten besser auf eure aufgehängten Überzieher und andere Kleidungstücke auf. Die steigende Anzahl von Diebstählen beweist, dass es in unserer Gegend nicht mehr geheuer ist.“

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