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Kommt der große Schlag im Herbst?

Corona hat den Kreis Görlitz bisher wenig getroffen. Auch wirtschaftlich. Die IHK warnt aber vor zu früher Freude.

Wirtschaftlich hält der Kreis Görlitz oft die rote Laterne. Ob das in der Krise auch von Vorteil sein kann?
Wirtschaftlich hält der Kreis Görlitz oft die rote Laterne. Ob das in der Krise auch von Vorteil sein kann? © Nikolai Schmidt

Glimpflich ist der Kreis bislang davongekommen. Nicht nur bei den Corona-Fallzahlen. Auch wirtschaftlich scheint Görlitz bisher vergleichsweise wenige Symptome zu zeigen. Ungewöhnlich viele Gewerbeabmeldungen zum Beispiel gibt es bisher nicht. 

Im ersten Quartal dieses Jahres verzeichnet der Kreis 668 Gewerbeanmeldungen. Das ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit 723 Anmeldungen zwar deutlich weniger. Allerdings ist auch die Zahl der Gewerbeabmeldungen etwas gesunken. 761 waren es im ersten Quartal 2020, voriges Jahr 792. Die Zahlen stammen vom Statistischen Landesamt. Sie könnten aber trügerisch sein, warnt Lars Fiehler, Sprecher der IHK Dresden.

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Paukenschlag könnte im Herbst kommen

Erstens sind in dem Zeitraum zwei Monate enthalten, in denen alles noch normal lief. Zahlen fürs zweite Quartal liegen noch nicht vor. Zweitens: Niedrigere Zahlen sowohl bei den  An- wie den Abmeldungen finden sich auch andernorts, erklärt Fiehler. Möglicherweise könnte das damit zusammenhängen, dass auch Gewerbeämter ihren Geschäftsbetrieb runtergefahren hatten. 

"Vor allem muss man immer mitdenken, dass die Insolvenzanzeigepflicht bis Ende September ausgesetzt ist", so Fiehler. "Man muss also eine Zahlungsunfähigkeit aktuell nicht anzeigen." Möglich, dass im Herbst die Zahlen nach oben gehen. "Aber das ist ein Blick in die Glaskugel".  Auf der einen Seite: Das Beratungsgeschäft für Gründer sei kaum eingebrochen. "Das ist immer ein ganz guter Indikator und hat uns positiv überrascht." Auf der anderen Seite: Bei einer IHK-Umfrage im Kammerbezirk Dresden, also Ostsachsen, gaben 11 Prozent der Unternehmen an, auf eine Insolvenzlage zuzusteuern. 

Gegensteuern durch Digitalisierung

In der Umfrage ging es darum, welche bereits spürbaren Auswirkungen die Krise auf die Betriebe hat:  53 Prozent gaben an, sie habe sich deutlich durch den Ausfall von Mitarbeitern, die Kinder zu betreuen hatten, bemerkbar gemacht. 49 Prozent waren von stornierten Aufträgen oder Dienstleistungen betroffen. Fast ebenso viele litten besonders unter ausbleibendem Kundenstrom. 48 Prozent gaben an, dass Reisebeschränkungen starken Einfluss auf ihr Geschäft hatten. 

Lars Fiehler, Geschäftsführer Standortpolitik und Kommunikation der IHK Dresden
Lars Fiehler, Geschäftsführer Standortpolitik und Kommunikation der IHK Dresden © Foto: privat

Ob digitale Konferenzen, mehr Angebote im Netz oder Veranstaltungen per Live-Stream: Gegenzusteuern versuchen viele, 35 Prozent, durch verstärkte Digitalisierung. 34 Prozent gaben als Gegenmaßnahme Rationalisierungen wie Mitarbeiterabbau an, 28 Prozent eine Umstellung des Geschäftskonzeptes. 18 Prozent haben keine Maßnahmen ergriffen. 

Umsatz um fünf Prozent gesunken

In den Realzahlen kommt der Kreis Görlitz dabei bislang aber glimpflich davon. Für den Zeitraum von Januar bis April liegen zum Beispiel die Umsatzzahlen für Betriebe im verarbeitenden Gewerbe sowie Bergbau vor: Im Kreis Görlitz ist der Umsatz hier im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,2 Prozent gesunken. In Dresden sank er um 15,2 Prozent, in Zwickau gar um 31,3 Prozent. 

Hilft Görlitz die kleinteilige Wirtschaft in solchen Krisen? "Ja und nein", sagt Lars Fiehler. Ja mit Blick auf den Vergleich zu Zwickau. Fiehler nimmt an, dass der starke Umsatzeinbruch dort auch mit coronabedingten Einschränkungen bei einem großen Spieler, dem VW-Werk zu tun hat. "Andererseits haben kleinere Unternehmen meist eine geringere Eigenkapitaldecke." Soforthilfen von Bund und Ländern können dabei über eine gewisse Zeit helfen. "Über einen längeren Zeitraum geht den kleineren Unternehmen aber eher die Luft aus." 

Dazu komme: Ein vergleichsweise hoher Anteil der Unternehmen im Kreis seien Zulieferbetriebe - und damit abhängig davon, wie es bei anderen läuft. Und oft auch vom Export. "31 von 100 Umsatz-Euro im Kreis Görlitz stammen aus dem Export", so Fiehler. "Interessanterweise ist der Export-Umsatz im ersten Quartal um sieben Prozent gestiegen", erzählt er. "Da muss man bei Görlitz aber immer etwas vorsichtig sein. Für einen solchen Anstieg reicht ein Großauftrag bei Siemens oder Bombardier." 

Trend: Kürzerer, lokaler Urlaub

Gerade die Stadt Görlitz ist auch stark durch Tourismus geprägt. Auch hier gebe es Licht und Schatten. "Ganz klar: Der Trend geht dieses Jahr in Richtung kürzerer, lokaler Urlaube", sagt Fiehler. "Allerdings sind wir beim Tourismus längst noch nicht auf Vorjahresniveau." Laut IHK-Umfrage rechnen die meisten ostsächsischen Unternehmen, 28 Prozent, kommendes Jahr mit einer Rückkehr zum Normalbetrieb. Jedes zehnte Unternehmen arbeitet bereits wieder auf Vorkrisen-Niveau. In der Gastronomie und dem Tourismus gelten aber nach wie vor Einschränkungen. "Wenn ich als Gastronom nur die Hälfte der Plätze besetzen kann - einen Koch brauche ich dennoch, die vollen Energiekosten und die Miete habe ich auch." 

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