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Görlitz

Gewinner und Verlierer der Niedrigzinsen

Wie die Geldhäuser im Landkreis Görlitz bei Kreditzinsen, Gebühren und Anlage auf die Politik der EZB reagieren.

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Symbolbild © Symbolbild/dpa

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die sie an diesem Donnerstag nochmals verschärft hat, trifft auch die Sparer und Kreditnehmer im Landkreis Görlitz. Doch nicht alle gleich. Wer von den niedrigen Zinsen profitiert und wer darunter leidet, ist davon abhängig, was die Kunden für ein Anliegen haben. Das zeigt sich auch den regional verankerten Geldhäusern im Kreis.

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So niedrig wie im Moment waren Baukredite schon lange nicht mehr. Anders als erwartet sind sie sogar nochmals seit Anfang des Jahres gesunken. Das bestätigen die Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, die Volksbank/Raiffeisenbank Niederschlesien in Görlitz und die Volksbank Löbau-Zittau gegenüber der SZ. So verlangt die Sparkasse bei einer 60-prozentigen Beleihung der Immobilie und 100-prozentiger Auszahlung nominal je nach Kredithöhe 0,54 bis 1,72 Prozent Zinsen. Das sind 40 Prozent oder 0,7 Prozentpunkte weniger als zu Beginn des Jahres. Bei der Volksbank Löbau-Zittau verringerten sich die Bauzinsen seit Jahresbeginn von 0,9 auf 0,6 Prozent. „In Verbindung mit unserem Verbundpartner ist sogar ein Bauzins von 0,3 Prozent denkbar“, sagt Vorstandsvorsitzender Wolfgang Zürn gegenüber der SZ. Bei der Volksbank/Raiffeisenbank in Görlitz liegt der Zins für solche Darlehen bei 0,54 Prozent. Er kann sich noch weiter reduzieren bei höherer Tilgung oder bei höheren Summen. Doch Vorstandsvorsitzender Sven Fiedler sagt auch: „Der individuelle Zinssatz richtet sich nach vielen Kriterien. Deshalb ist eine Beratung immer zu empfehlen, so dass man nicht auf Werbezinssätze hereinfällt.“ Mancher Kunde ist besonders clever: Wer davon ausgeht, dass die Zinsen irgendwann doch wieder steigen, sichert sich das heutige Zinsniveau durch so genannte Forward-Darlehen für in der Zukunft auslaufende Kredite. Der Zinssatz dafür liegt im Moment unter einem Prozent.

Verlierer: Kontobesitzer drohen höhere Gebühren

Die Geldhäuser bemühen sich sehr, ihre Kosten nicht in vollem Umfang an die Kunden weiterzugeben. Doch nicht immer können sie das verhindern. So hat die Sparkasse Oberlausitz/Niederschlesien gerade jene Kunden angeschrieben, die ein Kompaktkonto haben. Eigentlich kostete es schon immer 7,95 Euro pro Monat. Doch wenn monatlich über 1 000 Euro auf das Konto eingezahlt wurden, lag die Gebühr bei 5,85 Euro. Dieser Rabatt entfällt nun zum 1. November. Verbraucherschützer hätten das Modell immer wieder kritisiert, sagt Adela Kralova von der Sparkasse. Zum anderen gebe die Sparkasse mit dem Verzicht auf eine Rabattierung nur die in den letzten Jahren gestiegenen Aufwendungen beispielsweise durch Tariferhöhungen an die Kunden weiter. Zusätzliche Leistungen wie mobiles Bezahlen und das Einzahlen an Automaten anderer deutscher Sparkassen würden die Attraktivität des Kontomodells andererseits wieder steigern. Die Volksbank/Raiffeisenbank Görlitz führte im Mai ihr Hausbank-Kontomodell ein. Die Idee dahinter: Wer viel Geschäft mit seiner Bank macht, kann einen großen Teil der Gebühren wieder zurückerhalten. Nach Untersuchungen des Finanzvergleichsportals Biallo hat die Görlitzer Volksbank damit deutschlandweit das zweitgünstigste Premium-Girokonto, in Sachsen ist sie sogar die Nummer eins. Die Sparkasse Oberlausitz/Niederschlesien folgt auf Platz vier mit 40 Prozent höheren Konditionen, die Volksbank Dresden-Bautzen auf Platz zwei ist auch noch um elf Prozent teurer. Das hat Folgen: „Wir konnten mit diesem Modell viele Kunden von anderen Banken für uns gewinnen“, sagt Sven Fiedler. Die Volksbank Löbau-Zittau hat zuletzt im Oktober 2017 ihre Gebühren erhöht und liegt nach eigener Einschätzung im Vergleich zu anderen Geldhäusern günstig, erklärt Wolfgang Zürn. Wegen der Niedrigzinsen wolle er nicht an der Gebührenschraube drehen. Ebenso haben die Kredithäuser nicht geplant, wegen der Niedrigzinsen die Gebühren zu erhöhen. Das sei auch gar nicht kompensierbar. „Wenn die Gebühren in Höhe der wegfallenden Zinsmargen steigen würden“, hat Sven Fiedler ausgerechnet, „dann müssten die Kunden die Gebühren in den letzten zehn Jahren um 260 Euro und seit 1999 sogar um 390 Euro pro Jahr gestiegen sein“. Und das sind sie nicht.

Verlierer: Wer fürs Alter spart, guckt in die Röhre

Am 31. Oktober, dem Weltspartag, werden die Kreditinstitute wieder die Kunden zum Sparen bewegen wollen. Und tatsächlich kann derjenige noch eine Rendite von seinem Geld erwarten, der in Aktien oder Anleihen investiert. Doch damit steigt auch das Risiko. Relativ risikolose Geldanlagen bringen hingegen nichts mehr, das Sparbuch sowieso nicht. Deswegen empfiehlt die Volksbank Löbau-Zittau auch einen Teil des Geldes in Edelmetallen, beispielsweise in Gold, anzulegen.

Grundsätzlich aber löst das das Problem beim Sparen und gerade für die Altersvorsorge nicht. „Früher hat sich das Vermögen in der Altersvorsorge in zwölf Jahren etwa verdoppelt“, erklärt Wolfgang Zürn, Vorstand der Volksbank Löbau-Zittau. „Heute brauchen Sie mehrere Generationen dafür.“ Bei der derzeitigen Nullverzinsung wird das Vermögen aller Geldanleger aufgezehrt, denn durch die Inflation wird die Kaufkraft des Geldvermögens immer weniger. „Ein schleichender Prozess, den leider die Privatkunden auf ihrem Kontoauszug nicht sehen und mittels Kaufkraftverlust erst in der Zukunft spüren werden“, sagt Zürn. Und diese Auswirkung der Niedrigzinsen bewegt dann tatsächlich alle Geldhäuser – denn das ist auch eine Frage ihrer Zukunft.

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