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Gibt’s jetzt den Krankenschein am Telefon?

Seit einer Woche dürfen Ärzte im Landkreis bei manchen Infekten ohne Praxisbesuch krankschreiben. Doch es gibt Tücken.

Bislang musste man für eine Krankschreibung in die Praxis. Nun gibt es Ausnahmen.
Bislang musste man für eine Krankschreibung in die Praxis. Nun gibt es Ausnahmen. © dpa

Es kratzt im Hals, die Nase ist versackt und im Kopf regiert ein dumpfes Dröhnen? Wer so nicht seinem Job nachgehen kann, sitzt in der Regel beim Hausarzt; zum Beispiel in der Praxis der Berthelsdorfer Allgemeinmedizinerin Ute Taube – um eine Krankschreibung zu erhalten. Seit einer Woche reicht unter Umständen auch ein Anruf. So haben es die Bundesspitzen der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung beschlossen. Ärztin Ute Taube könnte also in solchen Fällen mit dem Patienten eine Telefonsprechstunde halten und ihm danach eine Krankschreibung für maximal sieben Tage ausstellen. Aber – würde sie das tun? Ute Taube muss einen Moment überlegen: „Ich bin prinzipiell nicht dagegen“, sagt sie, schränkt jedoch ein: „Aber ich würde es nur tun, wenn ich es verantworten kann.“ Das sei wahrscheinlich bei Patienten der Fall, die sie bereits kenne und bei denen sie nach einer intensiven telefonischen Anamnese dann die Entscheidung sicher fällen kann. „Im Zweifel würde ich den Patienten lieber persönlich in der Praxis untersuchen“, sagt die Vorsitzende der Kreisärztekammer Görlitz.

Ärztin will Patienten selber sehen

Ihr Kollege Gottfried Hanzl in Oderwitz ist da skeptischer: „Bei mir findet das nicht statt“, sagt er rigoros. Er möchte die Patienten nach wie vor sehen und direkt untersuchen, weil er weder Fehler machen noch Betrügern aufsitzen wolle und die Sache ihm auch rechtlich zu heikel scheint, erklärt der Kreissprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsens. „Außerdem haben Arbeitstätige ja ohnehin drei Tage Zeit, bevor sie ein ärztliches Attest vorlegen müssen“, fügt Hanzl hinzu. Deshalb sehe er die Regelung eher als Lösung für überfüllte Großstadtpraxen und könne sich nicht vorstellen, dass viele seiner Kollegen dies nutzen wollten. Antje Georgi, Allgemeinmedizinerin in Niesky, hat das getan. „Einen Patienten habe ich nach dem Anruf krankgeschrieben“, sagt sie. Aber das sei eine Ausnahme in dieser besonderen Situation. Den Patienten kenne sie gut. Andere, die noch nie in ihrer Praxis waren, erhalten kein Attest nach Anruf. Bei Ruth Joppich, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Görlitz, gab es noch keinen Bedarf für die neue Regelung. Generell ausschließen will sie nicht, dass sie ein Attest nach Anruf ausschreibt. In der Regel aber möchte sie den Patienten sehen. „Ich möchte schon die Lunge abhorchen“, sagt sie. In ihrer Praxis läuft der Betrieb wie immer, aber die Verunsicherung bei den Patienten sei spürbar.

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Was ist eigentlich das Unbezahlbarland? Warum ist der Landkreis Görlitz Unbezahlbarland? Hier finden Sie alle Infos.

Auf ein Problem macht Antje Georgi aufmerksam: Wie kommt der Arzt nach dem Anruf zur Chipkarte des Versicherten? „Wenn der Patient in dem Quartal schon einmal in der Praxis war, ist das kein Problem“, erklärt sie. Ansonsten fehlt dem Arzt der Behandlungsnachweis. Hier müsse viel gegenseitiges Vertrauen da sein und die Chipkarte nachgereicht werden.

Doch was genau besagt die vorübergehende Neuregelung eigentlich? Prof. Erik Hahn, der sich an der Hochschule Zittau/Görlitz auch mit Medizinrecht beschäftigt, kennt Risiken und Nebenwirkungen: Die nun gefasste Lockerung für das Ausstellen von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen per Telemedizin gelte zunächst für vier Wochen. „Die Regelung gilt nur für Erkrankungen der oberen Atemwege, die keine schwere Symptomatik aufweisen“, präzisiert er. Wer also an einem Magen-Darm-Infekt laboriert, profitiere davon nicht. „Sinn des Ganzen ist, dass Patienten mit leichteren Erkältungsbeschwerden nicht die Praxen verstopfen und sich zusätzlich mit einer schwereren Erkrankung anstecken.“

Um per Telefon so behandelt zu werden, muss der Patient vorher nicht zwingend vom Arzt betreut worden sein. Für Erik Hahn ist diese Entscheidung – getrieben durch die Coronakrise – ein Dammbruch und eine Öffnung in Richtung Telemedizin. Natürlich bleibe die Verantwortung beim Arzt, auch wenn nun klarer geregelt sei, dass auch eine telefonische Anamnese ausreiche. Hahn weiß aber auch: „Natürlich ist mir klar, dass ich das durch meine entspannte Professorenbrille etwas anders sehen kann.“ Er schätzt, dass diese neue Möglichkeit eher zurückhaltend nachgefragt und genutzt wird. Im Grunde aber sieht er darin generell eine gute Strategie, um in der jährlichen Grippe- und Magen-Darm-Infekt-Saison die Patienten und die Ärzte zu entlasten. Einen Anspruch auf Telefon-Krankschreibung habe ein Patient allerdings nicht. „Natürlich nicht, denn der Mediziner verantwortet, ob ein Telefonat für eine Diagnose und eine Krankschreibung ausreichend ist“, betont er. Der Arzt muss auch nicht die maximal möglichen sieben Tage krankschreiben.

Was ist mit Simulanten?

Der Arbeitgeber kann übrigens nicht erkennen, ob ein Krankenschein per Telemedizin oder per Praxisbesuch erlangt wurde. „Genutzt wird das gleiche Formular“, bestätigt Hahn. Dass per Telemedizin Schummlern und Simulanten eine neue Tür geöffnet wird, würde Erik Hahn so nicht sagen: „Erkältungssymptome sind sehr subjektiv. Wie stark Kopfschmerzen sind, kann man ohnehin nur beschreiben und der Arzt kann ja erst einmal nur ein, zwei Tage krankschreiben.“ Für die Schulbefreiung bei Kindern oder die Prüfungsuntauglichkeit bei Studenten gilt diese Neuerung übrigens nicht. Allerdings gibt es für Kinderärzte auch kein explizites Verbot, Kinder auf Basis eines telefonischen Kontakts krankzuschreiben. Da allerdings Kinder im Regelfall nicht hinreichend telefonisch befragt werden können und sich der Arzt auf die Angaben der Eltern verlassen muss, ist hier eine Fernkrankschreibung ärztlich weniger vertretbar – höchstens bei Jugendlichen. (mit SZ/gla)

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