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Glänzen und grätschen

Warum Tobias Kempe bei Dynamo eine Doppelrolle spielt, und wieso der Trainer mehr Brutalität von ihm fordert.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Früher war der Auftrag klar: Den Gegenspieler auf Schritt und Tritt verfolgen – notfalls bis zur Toilette. Kampfschweine, Abräumer oder Staubsauger wurden sie wenig schmeichelhaft und doch irgendwie ehrfürchtig genannt, die Kicker fürs Grobe sozusagen. Sie waren noch Zweikämpfer im wahrsten Sinne des Wortes: Mann gegen Mann. Ein besonderer Spielertyp, von den Gegnern gefürchtet, von den Mitspielern geschätzt. Wie Jörg Stübner oder Jens Jeremies.

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Doch in die Fußstapfen dieser berühmten Dresdner Dynamos wird Tobias Kempe nie treten können. Der 24-Jährige spielt zwar auf der gleichen Position, aber eine völlig andere Rolle; genau genommen eine Doppelrolle. Denn ein Sechser, wie der defensive Mittelfeldspieler in der Fußballersprache genannt wird, darf sich schon lange nicht mehr darauf beschränken, die Aktionen des Kontrahenten zu unterbinden. Er ist entscheidend mitverantwortlich dafür, das eigene Spiel zu lenken.

Olaf Janßen, der in den 1980er- und 1990er-Jahren beim 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt in der Bundesliga als Fleißbiene unterwegs war, beschreibt die Entwicklung: „Ich will nicht sagen, dass man nicht über die Mittellinie durfte, aber zu meiner aktiven Zeit war man damit beschäftigt, die Defensive zu organisieren und da zu sein, wenn es irgendwo brennt“, erklärt Dynamos Cheftrainer. „Heute wird viel mehr verlangt, sich auch ins Spiel einzuschalten, torgefährlich zu werden, den entscheidenden Pass geben zu können.“

Weil Kempe das dafür notwendige Spielverständnis mitbringt, hat ihn Janßen von der Außenbahn in die Zentrale gerückt. Und kommt ihm damit sehr entgegen, denn dort wollte er immer hin: in das – wie er sagt – kreative Herzstück der Mannschaft. „Weil ich dort besser ins Spiel eingreifen kann. Ich bin ein Typ, der viele Kontakte braucht, fühle mich wohl, wenn ich das Spiel treiben kann“, sagt Kempe, der vor einem Jahr vom SC Paderborn nach Dresden kam.

Das galt schon als kleiner Transfercoup, aber die großen Erwartungen konnte der Sohn des früheren Bundesliga-Profis Thomas Kempe zunächst bestenfalls ansatzweise erfüllen. „Jeder muss sich in einem neuen Umfeld erst eingewöhnen“, meint Tobias Kempe, aber sein eigentliches Problem war die Position. Statt hinter den Spitzen sollte er über die Flügel spielen. Das klappt nicht oft, aber im entscheidenden Moment, als er im Relegationsrückspiel gegen den VfL Osnabrück das 2:0 durch Idir Ouali perfekt vorbereitet. Das Tor zum Klassenerhalt.

Doch obwohl sich Janßen für die Außenbahn mehr Auswahl wünschen würde, greift er nicht auf Kempe zurück. Einerseits, weil er keine Notlösungen mag. Andererseits, weil er ihn in der Zentrale für wertvoller hält. „Außer der körperlichen Verfassung, seinem Body und seinem Laufvermögen bringt er die Bereitschaft mit und denkt nicht: Ich bin eigentlich Offensivspieler und habe mit der Defensivarbeit nichts am Hut“, sagt der Coach. Es sei einfacher, einem Spieler die Disziplin beizubringen, sich an eine taktische Grundordnung zu halten, als ihm zu sagen, er solle mal kreativ werden, den tödlichen Pass spielen und für Torgefahr sorgen.

Kempe hat kein Problem damit, auch die Arbeit zu verrichten, die einem Techniker wie ihm früher abgenommen worden wäre. In seinem Anforderungsprofil steht beides: glänzen und grätschen. „Ich gehe auch gern mal auf den Boden, um den Ball zu erobern.“ Dabei harmoniert er mit seinem Nebenmann Anthony Losilla, hat einen Strategen wie Cristian Fiel vorerst aus der Startelf verdrängt. Was nicht heißt, dass der Trainer mit ihm rundum zufrieden wäre – nicht einmal nach einer starken Leistung wie in der Partie bei Union Berlin.

Wenn Janßen von Kempe „mehr Brutalität“ fordert, meint er aber nicht etwa sein Zweikampfverhalten, sondern: „Er muss sich zwingen, in die torgefährlichen Räume zu kommen. Konditionell packt er es, diese weiten Wege bis in den Strafraum zu gehen.“ Ein Fernschuss als einzige gefährliche Aktion ist zu wenig für diese Schlüsselposition.

Das weiß er selbst. Nahezu wortgleich wiederholt er die Forderungen des Trainers. „Ich muss gezielter zum Torabschluss kommen, schneller umschalten, um vorn mitzuhelfen, wenn es über die Außen geht.“ Aus gutem Grund, wie Janßen erläutert: „Wir haben mit Idir Ouali und Vincenzo Grifo zwei Spieler, die durchbrechen und flanken können. Aber sie brauchen Abnehmer.“ Deshalb sollen außer den Stürmern abwechselnd auch die zentralen Mittelfeldspieler zur Stelle sein, wenn die Eingabe kommt. Kempe hat bisher in dieser Saison zwei Tore erzielt, aber er nimmt sich mehr vor – auch aus der Distanz. „Ich weiß, dass ich einen guten Schuss habe. Deshalb fackele ich nicht lange und suche direkt den Abschluss.“

In Berlin setzte er seinen Schuss etwas zu hoch an. Nächste Gelegenheit: Sonnabend beim FSV in Frankfurt.