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Abschied vom Uhrenmuseum

Nach 28 Jahren räumt Reinhard Reichel den Chefposten. Er hat Promis durchs Haus geführt, wertvolle Uhren in den Händen gehabt und jetzt nur noch einen Wunsch.

Reinhard Reichel räumt nach 28 Jahren, drei Monaten und 13 Tagen den Chefposten im Uhrenmuseum. Er konnte Besucher aus rund 130 Ländern begrüßen.
Reinhard Reichel räumt nach 28 Jahren, drei Monaten und 13 Tagen den Chefposten im Uhrenmuseum. Er konnte Besucher aus rund 130 Ländern begrüßen. © Egbert Kamprath

Herr Reichel, über 28 Jahre leiteten Sie das Uhrenmuseum in Glashütte. Können Sie auch eine Uhr bauen?

Nein, ich kann nur Batterien wechseln. Ich bin kein Uhrmacher. Und dazu stehe ich. Ich kenne die Technik und die Teile, weiß, wozu sie dienen und kenne eine Menge Uhrmacher, die ich weiterempfehlen kann.

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Und wie sind Sie Chef des Uhrenmuseums geworden?

Vor und nach dem Mauerfall arbeitete ich als Konstrukteur bei den Glashütter Uhrenbetrieben, kurz GUB. Im März 1992 wurde ich wie viele andere auch entlassen, ich war eben nicht der verdiente Erfinder des Volkes. Ganze sechs Wochen war ich zu Hause. Der damalige Leiter des Uhrenmuseums, Adolf Görgl, ein Arbeitskollege meines Vaters, fragte mich an, ob ich im Uhrenmuseum anfangen möchte. Er kannte mich und hat mir das zugetraut. Ich war schon immer an Geschichte interessiert. Trotzdem war es für mich keine ganz einfache Entscheidung. Als Konstrukteur hatte ich sprichwörtlich das Brett vor dem Kopf. Und nun sollte ich auf einmal vor Prominente und Investoren treten, um ihnen etwas über Uhren zu erzählen. Ich sagte aber zu. Am 18. Mai 1992 schob ich den ersten Museumsdienst. Ich habe mich schnell eingearbeitet und keinen einzigen Tag diese Entscheidung bereut.

Wie eigneten Sie sich Ihr Wissen an?

Ich bin ein Glashütter Kind. Mein Urgroßvater und meine Großeltern waren bei Lange beschäftigt. Mein Vater arbeitete 50 Jahre in der GUB. Auch von ihm habe ich viel erfahren. Meine Mutter ist eine waschechte Glashütterin. Sie konnte mir einordnen, wer zu welcher Familie gehört, wer mit wem verwandt ist und wo die Leute früher gewohnt haben. Ich selbst bin seit 49 Jahren mit der Uhrenfabrikation verbunden. 1971 begann ich in der GUB mit der Lehre als Mechaniker mit Abitur. Nach der Armee studierte ich vier Jahre Maschineningenieurwesen in Dresden. Danach begann ich bei der GUB. Hier konstruierte ich keine Uhren, sondern die Sondermaschinen, die für die Uhrenproduktion gebraucht wurden. Nach meinem Dienstantritt im Museum nahm ich mir Uhrmacherzeitungen mit nach Hause, um sie zu lesen. Das Entscheidende waren aber die Besucher. Ihre Fragen habe ich mir auf Zetteln notiert. Später habe ich die Antworten darauf gesucht und mir ein Verzeichnis angelegt. Daraus ist mein persönliches Lexikon entstanden.

Welche Prominente haben Sie durch das Museum geführt?

Es waren viele. Thomas Gottschalk habe ich noch im alten Museum empfangen. Er kam in einem Hosenanzug an, sah aus wie ein bunter Hund. Er hatte eine Tüte Haribo dabei und gab uns gleich die Hand. Er war so locker, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Die Führung im Museum war kurz, er zeigte sich interessiert. Doch ich merkte, dass er kein Uhrensammler ist. Auch Uwe Steimle war unser Gast. Er kam in Radlerkleidung mit einem Rennrad angefahren, das er auch zum damaligen Chef von Glashütte Original bis in den vierten Stock mit hinauf nahm. Zu unseren Gästen gehörten auch der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert, die Chefin von Wempe, Kim-Eva Wempe, der langjährige Präsident der Union-Uhrenfabrik, Adrian Bosshard, die Schauspielerin Ornella Muti, der Nordische Kombinierer Erik Frenzel, Skispringer Severin Freund und der US-amerikanische Konsul für Sachsen, Timothy Eydelnant. Letzterer kam kurz nach dem Antritt zu uns ins Uhrenmuseum. Er hat uns - meine Frau und mich - mehrfach zu seinen Feiern nach Leipzig eingeladen.

Führten Sie auch Nicolas G. Hayek, den langjährigen Chef der Swatch Group und Hauptfinanzier des Museums, durch die Ausstellung?

Leider nein. Nicolas G. Hayek war nie in seinem Museum. Zum Zeitpunkt der Eröffnung im Mai 2008 war er gesundheitlich so angeschlagen, dass er nicht fliegen konnte. Ich hätte ihn gern durchs Museum geführt. 2010 ist er leider verstorben.

Haben Sie noch Lampenfieber?

Mit den Jahren wurde ich zwar immer lockerer, doch Lampenfieber habe ich heute noch. Aber sobald die Veranstaltung beginnt, ist es weg. Ich bin der Meinung, dass jeder eine gewisse Spannung in sich haben sollte. Wenn dich alles kalt lässt, dann bist du nicht der Richtige im Job.

Welcher Zeitmesser ist Ihre Lieblingsuhr?

Ich habe ungefähr 500 Lieblingsuhren. So viele gibt es im Museum. Jede Uhr spielte zu ihrer Zeit eine bedeutende Rolle. Für mich als Techniker sind die Uhren aus den ersten 20, 30 Jahren der Glashütter Uhrengeschichte interessant und spannend. Wenn man sich überlegt, unter welchen Umständen die Fabrikanten Lange, Grossmann, Assmann und Schneider diese Uhren gebaut haben. Es gab keine Fachleute. Ihnen stand auch nicht viel Geld zur Verfügung.

Adolf Görgl war in Glashütte Verantwortlicher für Traditionspflege. Er ist der Vorgänger von Reinhard Reichel und zeigt Exponate der Ausstellung.
Rechts ist die  erste Quarzwanduhr der DDR zu sehen. 
Adolf Görgl war in Glashütte Verantwortlicher für Traditionspflege. Er ist der Vorgänger von Reinhard Reichel und zeigt Exponate der Ausstellung. Rechts ist die  erste Quarzwanduhr der DDR zu sehen.  © SZ-Archiv
So sah es im früheren Glashütter Uhrenmuseum aus., das damals noch Traditionskabinett hieß und im Kulturhaus untergebracht war. 1992 zog es in die Manufaktur um.
So sah es im früheren Glashütter Uhrenmuseum aus., das damals noch Traditionskabinett hieß und im Kulturhaus untergebracht war. 1992 zog es in die Manufaktur um. © SZ-Archiv
Der Ingenieur Reinhard Reichel übernimmt 1992 die Leitung des Uhrenmuseums. Vorgeschlagen wurde er von Adolf Görgl, der danach in den Ruhestand geht. Dieses Foto entstand 1996.
Der Ingenieur Reinhard Reichel übernimmt 1992 die Leitung des Uhrenmuseums. Vorgeschlagen wurde er von Adolf Görgl, der danach in den Ruhestand geht. Dieses Foto entstand 1996. © Egbert Kamprath
Über viele Jahre war das Museum auf der Emil-Lange-Straße in Glashütte angesiedelt. Hier entstand 2002 auch dieses Foto.
Über viele Jahre war das Museum auf der Emil-Lange-Straße in Glashütte angesiedelt. Hier entstand 2002 auch dieses Foto. © ZB
Im März 2006 wurden die Unterlagen für die Stiftung  "Deutsches Uhrenmuseum - Nicolas G. Hayek" in Glashütte in der unsanierten früheren Deutschen Uhrmacherschule unterzeichnet. 
Im März 2006 wurden die Unterlagen für die Stiftung  "Deutsches Uhrenmuseum - Nicolas G. Hayek" in Glashütte in der unsanierten früheren Deutschen Uhrmacherschule unterzeichnet.  © Archiv: Peter Kuner
Der Chef der Swatch Group, Nick Hayek trug sich nach der Stiftungsunterzeichnung ins Goldene Buch der Stadt ein. Altbürgermeister Frank Reichel und der damalige GO-Geschäftsführer Dr. Frank Müller schauen zu.
Der Chef der Swatch Group, Nick Hayek trug sich nach der Stiftungsunterzeichnung ins Goldene Buch der Stadt ein. Altbürgermeister Frank Reichel und der damalige GO-Geschäftsführer Dr. Frank Müller schauen zu. © Archiv: Peter Kuner
2008 zieht das Uhrenmuseum von der Emil-Lange-Straße ins sanierte Gebäude der früheren Deutschen Uhrmacherschule um. Reinhard Reichel räumt in den bisherigen Räumen die Vitrinen aus.
2008 zieht das Uhrenmuseum von der Emil-Lange-Straße ins sanierte Gebäude der früheren Deutschen Uhrmacherschule um. Reinhard Reichel räumt in den bisherigen Räumen die Vitrinen aus. © Archiv: Egbert Kamprath
Geschäftsführer Dr. Frank Müller und die Architektinnen  Britta Nagel (links) und Wenke Merkel aus Stuttgart schauen sich nach der Eröffnung ein Video vom Innenleben einer Glashütter Uhr an. 
Geschäftsführer Dr. Frank Müller und die Architektinnen  Britta Nagel (links) und Wenke Merkel aus Stuttgart schauen sich nach der Eröffnung ein Video vom Innenleben einer Glashütter Uhr an.  © Archiv: Frank Baldauf
Glashüttes Ehrenbürger Kurt Herkner zeigt die Leihgabe einer Pendeluhr für die Sonderausstellung zu Alfred Helwig im Uhrenmuseum.
Glashüttes Ehrenbürger Kurt Herkner zeigt die Leihgabe einer Pendeluhr für die Sonderausstellung zu Alfred Helwig im Uhrenmuseum. © Archiv: Egbert Kamprath
Zusammen mit Adrian  Bosshard, damals Chef der Union-Uhrenfabrik, eröffnet Reinhard Reichel eine Sonderausstellung zur Firma Union.
Zusammen mit Adrian  Bosshard, damals Chef der Union-Uhrenfabrik, eröffnet Reinhard Reichel eine Sonderausstellung zur Firma Union. © Archiv: Uhrenmuseum/Gaens
Zu den prominenten Besuchern des Museums gehörte auch der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert
Zu den prominenten Besuchern des Museums gehörte auch der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert © Archiv: Peter Kuner
US-Generalkonsul für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Timothy Eydelnant (re.) besucht das Uhrenmuseum. Museumsleiter Reinhard Reichel zeigt, wie man vor ca. 100 Jahren Uhren herstellte. 
US-Generalkonsul für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Timothy Eydelnant (re.) besucht das Uhrenmuseum. Museumsleiter Reinhard Reichel zeigt, wie man vor ca. 100 Jahren Uhren herstellte.  © Archiv: Frank Baldauf
Mit Mühle-Geschäftsführer Thilo Mühle (re.) hat Reinhard Reichel zuletzt eine ganz  besondere Sonderausstellung  eröffnet. Sie beleuchtete die Geschichte der Unternehmerfamilie Mühle.
Mit Mühle-Geschäftsführer Thilo Mühle (re.) hat Reinhard Reichel zuletzt eine ganz  besondere Sonderausstellung  eröffnet. Sie beleuchtete die Geschichte der Unternehmerfamilie Mühle. © Egbert Kamprath

Welche Sternstunden erlebten Sie als Museumsleiter?

Da gab es einige. Dazu gehört die Wiederbelebung der Glashütter Uhrenindustrie. 1994 stellte Lange seine neuen Uhren vor. Auch die von Heinz W. Pfeiffer gelungene Privatisierung der GUB war eine Sternstunde, genauso wie die Gründung der Museumsstiftung 2006. Plötzlich war Geld da, um die frühere Ingenieurschule zum Deutschen Uhrenmuseum umzubauen. Ich durfte entscheiden, welche Exponate ins neue Museum kommen. Dann der Umbau unter der Regie des damaligen Geschäftsführers Dr. Frank Müller, der ganz genaue Vorstellungen hatte. Es ist zum großen Teil auch sein Museum geworden. Am 22. Mai 2008 feierten wir dann die Eröffnung des Museums. Damit standen wir noch mehr im Fokus. Die Ausstellungsfläche war von 52 auf 1.200 Quadratmeter gewachsen. Wir sind zum Mittelpunkt von Glashütte geworden. Um uns herum arbeiten die Uhrenfirmen.

Und welche Tiefpunkte gab es? Der Diebstahl im Februar 2019 dürfte sicher einer gewesen sein. Mehrere Uhren wurden aus ihrem Museum gestohlen.

Ja, das war so. Aber dazu kann ich nicht viel sagen. Ich hoffe, dass der Fall aufgeklärt werden kann. Andere Tiefschläge gab es nicht. Ich bin – und dafür danke ich dem lieben Gott – nie länger krank gewesen. Was mich betrübt, ist die jetzige Situation in der Uhrenindustrie. Es werden nur sehr wenige Uhren verkauft. Nach dem Lockdown kommen zum Glück wieder viele Besucher ins Museum. Ein Grund ist, dass viele Deutsche in ihrer Heimat Urlaub machen. Die Besucher sind sehr verständnisvoll, besuchen unser Museum wie vorgeschrieben mit Maske. Da wir nur 40 Besucher einlassen können, müssen der 41. und alle weiteren warten. Die Leute murren nicht, manche warten bis zu einer Stunde.

In den ersten Jahren wurde Ihr Museum kritisiert, weil es zu wenig für Kinder angeboten hat.

Ja, das hat uns geärgert. Uns wurde fehlende Kinderfreundlichkeit vorgeworfen. Hier haben wir gegengesteuert. Jetzt bieten wir Kinderführungen, Ferienprogramme, einen Audioguide für Kinder und ein Museums-Quiz an. Diese Angebote werden sehr gut angenommen.

In den letzten Wochen haben Sie Ihren Nachfolger, Dr. Ulf Molzahn, eingearbeitet. Wie lief es?

Wir haben uns schon bei unserer ersten Begegnung sehr gut verstanden. Ich habe ein gutes Gefühl und bin guter Hoffnung, dass er das erreichte Niveau mindestens hält. Das ist wichtig. Das Uhrenmuseum ist ein Aushängeschild. Wo findet man eine Stadt mit einer Industrie, die eine durchgehende Geschichte seit 175 Jahren vorweisen kann. Die Uhrenindustrie hat Kriege, Inflation, die Teilung Deutschlands und die Wiedervereinigung überlebt.

Der 31. August war Ihr letzter Arbeitstag. Welche Pläne haben Sie für den Ruhestand?

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Ich werde weiter fürs Museum arbeiten. Wie, das entscheidet sich in den nächsten Tagen. Ich werde reisen, wenn möglich rund um die Welt. Mit meiner Frau möchte ich aber auch in Deutschland und den Nachbarländern auf Entdeckungsreisen gehen. Wenn es sich ergibt, möchte ich noch ein paar Uhrenmuseen besuchen. Ich habe so viele Einladungen erhalten. Und dann gibt es noch ein Haus mit Garten. Ich denke nicht, dass ich an Langeweile sterben werde.

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