merken
PLUS Dresden

Corona: Was die Dresdner Glocken uns zu Ostern sagen

Zum ersten Mal bleiben die Kirchen Ostern geschlossen. Sollte ein Virus über das Fest gesiegt haben? Ein Gastbeitrag.

"Suchet der Stadt Bestes!": Blick über die Elbwiesen auf die Dresdner Frauenkirche
"Suchet der Stadt Bestes!": Blick über die Elbwiesen auf die Dresdner Frauenkirche © ronaldbonss.com

Von Hans-Peter Hasse, Pfarrer in der Kirchgemeinde Dresden Blasewitz

Wann fängt das Osterfest an? Wäre Corona nicht gekommen, würde es in vielen Kirchen mit der Feier der Osternacht so beginnen: Früh um fünf Uhr wird am Ostermorgen die Osterkerze am Osterfeuer entzündet und mit einer Prozession in die noch dunkle Kirche getragen, wo − ohne Geläut und Orgelmusik − der Gottesdienst beginnt. Die Liturgie erreicht ihren Höhepunkt in dem Moment, wenn das Osterevangelium gesungen wird und die Gemeinde mit dem Lied antwortet: „Christ ist erstanden“. Dazu läuten die Glocken und die Orgel erklingt. Durch das Geläut der Glocken erfahren alle − auch die Leute, die zu Hause noch in den Betten liegen: Das Osterfest hat begonnen!

Anzeige
Die Städte der Zukunft
Die Städte der Zukunft

In der Veranstaltungsreihe von SLUB und Konrad-Adenauer-Stiftung steht am 20.05.2021 die Zukunft der Stadt im Fokus. Diskutieren Sie mit!

Corona gefährdet Ostern akut

Corona hat nicht nur den Zeitplan für die Kirchen durcheinandergebracht, sondern das Virus gefährdet das Fest akut in seiner Substanz. Zu einem Fest gehören Begegnungen und Gemeinschaft, Musik und Geselligkeit, Spaziergänge und Ausflüge. Das alles kann nur reduziert oder gar nicht stattfinden. Für Christen, die das Osterfest mit der Feier eines Festgottesdienstes verbinden, ist es schwer, darauf zu verzichten. Es ist wohl das erste Mal in der Geschichte des Christentums, dass flächendeckend in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern keine öffentlichen Gottesdienste zum Osterfest gefeiert werden. Das hat es so noch nie gegeben. Sollte ein Virus das Fest besiegt haben?

Das Osterfest ist seinem Inhalt nach ein Fest des Lebens. Jesus Christus ist auferstanden und hat den Tod besiegt − das ist die christliche Botschaft des Osterfestes, zu der die Kirchenglocken einen eigenen Beitrag leisten gerade jetzt, wenn ein Virus das Leben gefährdet und das öffentliche Leben zum Erliegen bringt. Die Glocken läuten ein Osterfest ein, das trotz aller Einschränkungen nicht ausfallen wird, sondern mit Improvisation und Kreativität anders begangen wird als sonst. Wenn in Dresden am Ostersonntag um sechs Uhr die Kirchenglocken der Stadt gemeinsam läuten, setzen Sie damit ein akustisches Signal gegen die Ängste und für das Leben.

Dresdens Stadtglocke

Detail der Vorderseite der Jeremia-Glocke, der Dresdner Stadtglocke, in der Frauenkirche.
Detail der Vorderseite der Jeremia-Glocke, der Dresdner Stadtglocke, in der Frauenkirche. © Foto: Jörg Schöner.

Eine Glocke hat dabei eine besondere Funktion: Die Stadtglocke von Dresden, die für das Wohl der ganzen Stadt läutet. Sie gehört zum Geläut der Frauenkirche, das seit 2003 mit acht Glocken die Tages- und Festzeiten begleitet − auch das Osterfest. Jede Glocke hat ihren eigenen Namen und eine Funktion. Die Stadtglocke trägt den Namen des Propheten Jeremia, der im 6. Jahrhundert vor Christus wirkte. Auf der Glocke ist er zu sehen links neben der Frauenkirche mit einer Schriftrolle im Schoß. Man kann die Jeremia-Glocke allein an den Wochentagen beim Abendläuten hören um 18.02 Uhr, wenn der Tag ausklingt. Der russische Schriftsteller und Menschenrechtler Alexander Solschenizyn (1918-2008) schrieb über das Abendläuten: „Schon immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut, aber das Abendläuten erklang, schwebte über den Feldern, über dem Wald. Es mahnte, die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen, Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen. Das Läuten bewahrt die Menschen davor, zu vierbeinigen Kreaturen zu werden.“

Die Zukunft des Stadtlebens

Der Dresdner Stadtglocke, die in der Glockenstube im Treppenturm E an der Nordwestseite der Frauenkirche hängt, wurde ein Wort aus einem Brief des Propheten Jeremia zugeordnet, den dieser an die nach Babylon verschleppten Juden geschrieben hatte: „Suchet der Stadt Bestes!“ Mit diesem Appell will die Glocke heute die Dresdner daran erinnern, sich für das Wohl der Stadt einzusetzen und Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Der Künstler Christoph Feuerstein, der die Glockenzier gestaltete, ließ als Inschrift ein Jeremiazitat in die Glocke gießen, das sich zuerst auf die Frauenkirche bezieht, das man allerdings auch als Wunsch für die Stadt Dresden lesen kann: „Lobgesang wird dort erschallen, die Stimme fröhlicher Menschen.“ Wenn Menschen friedlich, fröhlich und solidarisch in einer Stadt zusammenleben, werden sie hier eine Zukunft haben.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Auf der Rückseite der Glocke ist ein blühender Baum des Lebens zu sehen, der von einer Pyramidenform am Wachstum gehindert wird. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Entfaltung des Lebens durch Zwänge eingeschränkt und begrenzt sein kann.Dass der Lebensbaum trotzdem an einigen Stellen die Grenzen durchbricht, ist ein schönes Symbol für die Kraft des Lebens. Gewiss hatte der Künstler bei diesem Motiv ein Wort des Jeremia im Blick, mit dem er dazu aufforderte, Bäume zu pflanzen und Gärten anzulegen. „Wenn es der Stadt wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ − diese Maxime übermittelte der Prophet den Bürgern als Gotteswort und forderte sie auf, für das Wohl der Stadt zu beten.Das wird Ostern geschehen, auch wenn die Feier öffentlicher Gottesdienste nicht möglich ist. Die Kirchenglocken werden das Osterfest einläuten und zum Gebet rufen in einer schwierigen Zeit. Die Stadtglocke ist mit dabei und fordert auch jene auf, die nicht zu einer Kirche gehören: „Suchet der Stadt Bestes!“.

Mehr zum Coronavirus:

Weiterführende Artikel

Das einsame Ostern des Papstes

Das einsame Ostern des Papstes

Der Papst liebt die Nähe zu den Gläubigen. Doch wegen der Corona-Krise ist sie derzeit verboten. Das schmerzt Franziskus, wie man deutlich sieht.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per Email. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden