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Glückliche Fügung in der Bücherstube

Das Wiener Café im Mühlenviertel muss nach 13 Jahren schließen. Für den Seniorenclub ist es dennoch nicht das Aus.

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Von Matthias Weigel

Ursula Zimmermann hat schönere Tage als die vergangenen erlebt. Nach 13 Jahren musste sie ihren Club in der Brückenstraße ausräumen – und das mit ihren 78 Jahren. Ans Aufgeben denkt die Freitalerin dennoch nicht, schließlich ist die Clubarbeit, erst beruflich, dann ehrenamtlich, schon 40 Jahre lang ihr Leben.

Los gingen die Probleme vor etwa anderthalb Jahren. Der Eigentümer wollte die Flächen im Erdgeschoss als Eigenbedarf. Mit mehr Miete konnte Frau Zimmermann den Vertrag dennoch verlängern. Doch der finanzielle Spielraum aus Spenden, Beiträgen und Fördergeldern wurde enger. Die Richtlinien in Freital änderten sich 2011, zu ihren Ungunsten. „Unser Problem war immer: Wir wurden dem Sozialwesen zugeschrieben, und nicht der Kulturarbeit“, sagt Frau Zimmermann. Es blieb nur der Auszug.

Doch warum sollte das Ende der Räume – nach etlichen unfreiwilligen Umzügen lange Heimstätte des Clubs, die selbst die Flut überstand – auch das Ende des Clubs, ihres Lebenswerks sein? Was sagen die Mitglieder? Und was wird mit der Einrichtung? Die Fragen bescherten Frau Zimmermann nicht nur eine schlaflose Nacht. Sie fragte bei Vereinen und Institutionen nach Anschluss, erfolglos.

Der Zufall wollte es schließlich, dass sie in der Tharandter Buchhandlung Findus bei einer Lesung zu Gast war. Mitten in den Büchern kam ihr die Idee: Wieso nicht hier? Schließlich holte auch sie in all den Jahren hochkarätige Künstler und Vorträge ins Haus, packte Kunst und Kultur zu Kaffee und Kuchen, in ihr Wiener Café – ganz wie im österreichischen Original. Es war ihr Beitrag für die Gesellschaft, für ihre Heimat, für Sachsen. „Wir Senioren sind nicht nur dick, dement und doof, wie es in den Medien gern dargestellt wird“, sagt sie.

Findus-Inhaberin Annaluise Erler konnte sich sofort für den Gedanken begeistern. Sie stellt die Räume zur Verfügung, kann das Inventar aber mit nutzen – den Kaffee zum Schmökern im Leseexemplar oder den Wein bei Lesungen künftig am Cafémöbel servieren.

Den einen oder anderen Sonnabendnachmittag, aber erst nach der Öffnungszeit – Erlers einzige Bedingung –, ist der Verein kostenlos bei ihr zu Gast, kann hier schalten und walten. Ein Gewinn für beide Seiten. „Das Engagement und das Programm des Vereins ist bemerkenswert und eine Bereicherung. Das muss man fortsetzen“, stellt Frau Erler fest. In Tharandt gebe es Derartiges bisher noch nicht.

„Eine glückliche Fügung“, sagt auch Frau Zimmerman, wenn auch noch einige Absprachen zu treffen sind. Stühle, Buffet und Klavier stehen mittlerweile als Dauerleihgabe im Laden. Die erste Veranstaltung lief im Dezember – erfolgreich. Nicht nur Vereinsleute, sondern auch Interessierte aus Tharandt und Umgebung kamen.

Das macht den Abschied aus Freital leichter. Die Räume sind leer. Einiges ging noch nach Maxen in den befreundeten Kunsthof. Für die eingelagerten Bilder und einige Ausstattung ist Frau Zimmermann auf der Suche nach einem Verein, der das sinnvoll nutzen kann. Der Rest liegt bei ihr zu Hause, dem neuen Vereinssitz. Ein Berg alter Erinnerungen, Unterlagen und Fotos. „Ich kann diesen Teil von mir ja nicht einfach wegwerfen“, sagt Ursula Zimmermann. Sie tat die Arbeit schließlich auch, um ihr eigenes, schwieriges Leben zu bewältigen.

Ein würdevoller Wechsel

Und auch wenn es nicht so weitergeht wie bisher, so schaut Frau Zimmermann nach vorn. Besser ein Wechsel in Würde als ein jähes Ende, denkt sie mittlerweile. Die Jüngste ist sie schließlich nicht mehr, hat ihre Gesundheit nicht immer vorn angestellt.

Aber es wird weiter Veranstaltungen geben – in Gaststätten mit Vereinszimmer in Freital und Umgebung, in Maxen, wie bisher Ausflüge an die Schauplätze der Geschichte in Sachsen. Sie hofft, dass die 50 Leute des Vereins dabei bleiben, sich weitere finden – trotz längerer Fahrwege, trotz wechselnder Orte.

Fördergelder hat sie bei der Stadt auch wieder beantragt. Man existiert schließlich noch.