merken
PLUS

Glückliche Kühe und ein kühner Plan

In Großdrebnitz stellt ein großer Agrarbetrieb auf Bioproduktion um. Ein außergewöhnlicher Schritt.

© Steffen Unger

Von Jana Ulbrich

Bahn um Bahn ziehen sich die Pflugschare ins Feld. Werner Kunath bückt sich nach einer Handvoll frischer Erde und lässt die lockeren Krumen durch die Finger rieseln. „Gut so“, urteilt der Chef des Großdrebnitzer Agrarbetriebes. Und wirkt beinahe erleichtert, wie er da am Feldrand steht: Es wird wieder gepflügt auf den Äckern rund um Großdrebnitz. Es wird endlich wieder richtig geackert. Werner Kunath lächelt. Ihn freut das.

ELBEPARK Dresden
Rundum versorgt im ELBEPARK Dresden
Rundum versorgt im ELBEPARK Dresden

Lebensmittelgeschäfte, Drogerien, Apotheken und Tierfachgeschäfte haben für Sie weiterhin geöffnet. Hier stehen Ihnen 5.000 Parkplätze zur Verfügung.

Nicht nur diese trächtigen Jungrinder hier, sondern auch die Milchkühe dürfen auf die Weide. Das braucht eine ganz neue Logistik.
Nicht nur diese trächtigen Jungrinder hier, sondern auch die Milchkühe dürfen auf die Weide. Das braucht eine ganz neue Logistik. © Steffen Unger

Dabei hatten die Großdrebnitzer bislang ohne Pflug die höheren Erträge. Doch um immer höher und immer mehr geht es jetzt nicht mehr. Der Agrarbetrieb aus der Nähe von Bischofswerda fängt noch einmal ganz neu an: Mit allen ihren 3 000 Hektar Land, ihren 2 700 Rindern und 80 Mitarbeitern stellen die Großdrebnitzer auf Bio um. Ein großer Schritt. Und für einen so großen Betrieb auch ein sehr ungewöhnlicher. In ganz Sachsen gibt es nur noch einen vergleichbaren Agrarbetrieb im Vogtland und einen im Erzgebirge, die ihren Landbau künftig ökologisch betreiben wollen.

Skeptisch und aufgeschlossen

Gemeinsam im Team der Betriebsleitung haben sie das beschlossen, zu fünft, erzählt Werner Kunath. In einer Sitzung sei es um Kreislaufwirtschaft und Tiergesundheit gegangen. Und um die Milchpreise. Da sei dieser Gedanke auf einmal für sie alle ganz naheliegend und logisch gewesen. Und dann sei alles ziemlich schnell gegangen. Die Großdrebnitzer haben sich beraten lassen, haben andere Betriebe besucht, die schon auf Öko umgestellt sind, haben alles durchgerechnet.

Öko-Landbau im Kreis

6,3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Landkreis Bautzen wird jetzt ökologisch bewirtschaftet. Vor der Umstellung des Großdrebnitzer Betriebes waren es nur 1,2 Prozent.

39 Landwirte, vor allem kleinere und Familienbetriebe, haben 2017 den Antrag auf Umstellung gestellt. Im vergangenen Jahr waren es 27.

6250 Hektar Land im Kreis werden jetzt ökologisch bewirtschaftet. Im Vorjahr waren es 1880 Hektar.

(Quelle: Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie)

1 / 3

Die Mitarbeiter haben nicht gleich alle Hurra geschrien. Freilich sei da erst einmal viel Skepsis gewesen, sagt Kunath. Aber auch Aufgeschlossenheit. „Es war doch für die Leute eine viel größere Unsicherheit, wie lange das überhaupt noch mit diesem extrem niedrigen Milchpreis gutgehen konnte“, sagt er.

Seit dem 15. Mai ist für Werner Kunath und seine Mitarbeiter nun ganz offiziell alles Bio. Kein Krümel Kunstdünger und kein Tröpfchen Pflanzenschutzchemie dürfen mehr auf die Flächen ausgebracht werden. Gegen das Unkraut wird gepflügt, gehackt und gestriegelt. Und gedüngt wird mit Gülle und Mist aus den Ställen. „Wir müssen uns in ganz neue Abläufe hineindenken“, sagt der Geschäftsführer. „Wir brauchen ganz andere Herangehensweisen, andere Fruchtfolgen, neue Technik“. Auch für den 62-jährigen Agraringenieur selbst ist das eine Herausforderung.

Gerade kommt er von einer Bauberatung. Bis zum Frühjahr müssen die Ställe umgebaut werden. Die Kälber und das Jungvieh brauchen mehr Auslauf und mehr Fressplätze. Und es muss logistisch möglich werden, auch die Milchkühe jeden Tag auf die Weide zu bringen. „Da brauchen wir jetzt ein richtiges Weidemanagement. Das wird ein Vollzeitjob“, ahnt Werner Kunath.

Draußen auf dem Hof fährt gerade wie jeden Tag der Sachsenmilch-Laster vor. Obwohl die Kühe seit 15. Mai nur noch Öko-Futter bekommen, dürfen die Großdrebnitzer ihre Milch erst nach einem halben Jahr als Bio-Milch verkaufen. Da sind die Richtlinien des Biolandverbandes streng. Seit Ende August ist der Agrarbetrieb offizielles Mitglied bei Bioland, einem der größten Schutz- und Kontrollverbände im ökologischen Landbau. „Die Aufnahme ist für uns eine richtige Auszeichnung“, sagt Werner Kunath.

Großer Teil der Ernte ist hin

Sein Handy klingelt. Er muss zurück ins Büro. Lena Wenk, die Beraterin von Bioland, ist aus Nossen gekommen. Auch für sie ist die Umstellung eines so großen Betriebes nicht alltäglich. „Die ganze Branche schaut jetzt mit großem Interesse darauf, wie die Großdrebnitzer das machen“, sagt sie. Werner Kunath breitet Anträge und Abrechnungen auf dem Schreibtisch aus. Es ist nicht alles glattgegangen in diesem ersten Jahr. In die Erbsen und Ackerbohnen haben Hagel und Gewitter eingeschlagen. Ein großer Teil der Ernte ist hin.

Dabei brauchen die Großdrebnitzer sie dringend als eiweißreiches Futter für die Kühe. Da ist nichts mehr mit konventionellem Kraftfutter und Soja. Da müssen die Großdrebnitzer jetzt sehen, woher sie Ersatz bekommen. „Vom Wetter sind wir eben am meisten abhängig“, sagt Kunath. Aber auch davon, die guten Bio-Produkte künftig auch verkaufen zu können. Wie ein Fünfer im Lotto sei es gewesen, einen neuen Liefervertrag für die Milch zu kriegen, erzählt der Geschäftsführer. Ab Januar fährt der Milchlaster nicht mehr nach Leppersdorf, sondern nach Jessen in Sachsen-Anhalt. In der Nähe gibt es keine Bio-Molkerei.

Futtern von den eigenen Feldern

Es ist schwer, die kleinen Kreisläufe wiederzubeleben, haben die Großdrebnitzer gelernt. Im ökologischen Landbau könnten sie wieder eine Chance haben. Im Prinzip ist das simpel: Die Tiere bekommen das Futter von den eigenen Feldern, der Stalldung kommt auf die Felder zurück. Nur die Verarbeitungsstrukturen fehlen eben. Aber auch da sind Werner Kunath und seine Mitarbeiter kühne Optimisten: Vielleicht verarbeiten wir unsere Produkte in 30 Jahren ja selber, sagen sie, vielleicht haben wir hier dann eine Bio-Molkerei und eine Bio-Schlachterei und noch viel mehr als 80 Arbeitsplätze. Aber das ist Zukunft.

Jetzt müssen sie die Umstellung schaffen. Wenn alles läuft wie geplant, können sie 2019 das erste anerkannte Biogetreide ernten. Erst im Sommer 2020 ist die gesamte Umstellungsphase abgeschlossen. „Also los!“ Werner Kunath schlägt mit den Fäusten auf den Tisch und springt auf zum nächsten Termin.