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„Gnade uns Gott, wenn nur der Ellenbogen regiert!“

37 Jahre lang war Norbert Littig Pfarrer im Rödertal. Zum Abschied hat er eine wichtige Botschaft.

Pfarrer Norbert Littig bei seinem Abschiedsgottesdienst in Großröhrsdorf.
Pfarrer Norbert Littig bei seinem Abschiedsgottesdienst in Großröhrsdorf. © Tom Stenker

Großröhrsdorf. Norbert Littig ist eine Institution im Rödertal. Kein Wunder: 37 Jahre lang – eine kleine Ewigkeit– war er hier evangelisch-lutherischer Pfarrer gewesen. Zu seinem Abschied aus dem Pfarrerstand und dem als Lehrer am Sauerbruch-Gymnasium sprach die SZ mit dem engagierten Geistlichen, der wie er sagt, ein „halber Pfarrer mit ganzen Herzen und ein halber Lehrer mit vollem Herzen“ war.

Herr Pfarrer, Ihre letzte Dienstwoche war mit dem feierlichen Abschied und den vielen Aufgaben sicher eine besondere und arbeitsreiche?

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Ja, es war anstrengend, wie viele andere Wochen aber auch. Die Vorbereitungen zu meinem Abschied liefen ja größtenteils, während ich in Israel war. Ich kam erst am 23. Oktober nach drei Monaten zurück, habe dann den Abendgottesdienst für den 27. Oktober vorbereitet. Und, da es der letzte seiner Art war, habe ich eine kleine Rückschau gehalten.

In den 37 Jahren dürfte einiges zusammen gekommen sein …

Das kann man wohl sagen! Mehr als 5.000 Dias habe ich gesichtet und überlegt, was ist wichtig, was weniger, damit es nicht zu lang wird. Dann jetzt das offene Kirchgemeindehaus, wo viele Besucher kamen. Am Vormittag hatte ich noch ein ganz besonderes Erlebnis, die einzige Einsegnung zu einer Gnadenhochzeit nach 70 (!) Ehejahren, die ich je durchgeführt habe. Und schließlich zum Reformationstag der letzte offizielle Gottesdienst, bei dem auch meine Entpflichtung durch den Superintendenten vorgenommen wurde.

Der Beginn Ihrer Pfarrerlaufbahn begann mit einer Fügung, wie auch das Ende eine Besonderheit aufwies?

Ja, das war schon besonders. Damals, 1982, bekam der pensionierte Pfarrer keine Wohnung von den DDR-Behörden vermittelt und musste daher im Pfarrhaus bleiben. Deshalb suchte man einen Anwärter, der ledig war, da ja keine Wohnung zur Verfügung stand. Und ich war der einzige Unverheiratete in meinem Absolventenjahrgang. So wurde ich in die Pfarrstelle Kleinröhrsdorf mit der Schwesterkirche Leppersdorf entsandt. Was keiner wusste, ich hatte damals eine feste Freundin, meine spätere Frau, die in Wallroda wohnte, wo ich auch zunächst einzog, bis dann doch das Pfarrhaus in Kleinröhrsdorf frei wurde. Ja, und nun am Ende, da konnte ich eine Sabbatzeit nehmen, wie es die Kirche ihren Mitarbeitern ermöglicht.

Das ging bis dahin nicht?

Ich konnte das bis dahin nie nutzen, da mir durch die Arbeit als Religionslehrer am Gymnasium ein Verreisen nur in den Ferien möglich war. Durch die nun anstehende Verkleinerung der Pfarrstelle von 150 auf 100 Prozent bin ich der Strukturreform entgegengekommen und habe die Möglichkeit des Vorruhestandes aufgegriffen. Und da die letzten drei Monate vom Ferienbeginn bis zum Entpflichtungstermin genau passten für eine Studienreise nach Israel; so hat sich alles prima gefügt.

Israel, dahin haben Sie eine besondere Beziehung, haben jahrelang den Schüleraustausch organisiert …

18 Jahre lang habe ich den Austausch mit einer jüdischen und einer arabischen Schule in Israel gepflegt. Es ist so wichtig, andere Länder und Leute richtig kennenzulernen. Die Schüler konnten entdecken, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben; wir sehen aber auch die Unterschiede, die nicht zu Feindseligkeiten führen, sondern zu Toleranz und einem besseren Selbstverständnis. Und ich freue mich besonders, dass zwölf der Schüler, die dabei waren, dann ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Israel absolviert haben. Der Austausch ging sogar über die Schule hinaus, denn auch die Eltern der Schüler wollten an solchen Informationsreisen teilnehmen. So organisierte ich zwei Touren nach Israel und drei andere biblische Länder. Und vielleicht kommt mal wieder so eine Reise zustande, denn die Nachfrage ist groß.

Zu DDR Zeiten war die Kirche auch Hort der Opposition. Was ist 30 Jahre nach der Wende davon übrig geblieben – beziehungsweise wie wirkt die Kirche in heutigen Zeiten?

Es hat große Umbrüche gegeben hin zur Freiheit und es ist mir daher immer eine Aufgabe gewesen, die Schüler darüber aufzuklären, was eine Diktatur ist und welche Chancen eine freiheitliche Demokratie für das Zusammenleben bietet. Die Kirche muss den Menschen das Bewusstsein stärken, nicht nur von der Gesellschaft etwas zu wollen, sondern sich verantwortlich einzubringen. Und wir müssen Mut dazu machen, Berufe zu ergreifen, in denen es nicht nur um Geld und Karriere geht, sondern auch um das Wohl der Gesellschaft. Der unverzichtbare Beitrag der Kirche für ein gelingendes Miteinander besteht darin, dass sie stets den Schwachen und Abgehängten im Blick hat. Wenn nur noch die Leistung und der Ellenbogen regieren, dann Gnade uns Gott.

Normalerweise wechselt ein Pfarrer aller etwa zehn Jahre die Pfarrstelle. Sie waren 37 Jahre in einem Ort, wie kommt das?

Es hat immer wieder Veränderungen gegeben, das ganze Umfeld veränderte sich. Durch die Wendezeit, den Neuzuschnitt der Gemeinden. Kleinröhrsdorf war zuerst mit Leppersdorf, nun mit Großröhrsdorf verbunden. Durch die ständige Verringerung der Zahl der Gemeindemitglieder sank auch die Zahl der Pfarrstellen 1998 auf anderthalb. Und da ich als Teilzeitlehrer im Gymnasium arbeitete, funktionierte das mit den zwei halben Stellen sehr gut. Daher die lange Zeit an einem Ort.

Nun beginnt eine neue Zeit für Sie, was sind Ihre Pläne?

Da es für mich keinen Nachfolger gibt, wird Pfarrer Stefan Schwarzenberg wegen der gesunkenen Mitgliederzahl die Gemeinde nun also alleine weiterführen. Wir können noch im Kleinröhrsdorfer Pfarrhaus weiter wohnen bleiben, bis der Hof der Eltern meiner Frau in Wallroda bezugsfertig ist. Und ich möchte mich weiter dem christlich-jüdischen Dialog, der ja schon lange zu einem christlich-jüdisch-muslimischen Trialog geworden ist, widmen. Ich möchte wie bisher um Toleranz werben und helfen, die Menschen gesprächsfähig zu machen. In der sogenannten Großmann-Loge soll eine Dauerausstellung zum Leben und Wirken von Frau Dr. Margot Sauerbruch geborene Großmann entstehen, die bisher im Schatten ihres bekannten Ehemannes keine angemessene Würdigung erhielt. Und schließlich ist mein neues Buch zur Familie Schönwald auf der Zielgeraden und fordert noch Einsatz.

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