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Gnadenfrist für kleine Bahnhalte

Der Widerstand gegen die Stilllegung der Zughaltepunkte war erfolgreich. Aber nur vorerst. Das Thema ist nicht vom Tisch.

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© Thomas Knorr

Von Jan Lange

Helga Schröter fährt nur selten mit dem Zug. Und doch hat die Mittelherwigsdorferin kein Verständnis für die Stilllegung des Bahnhalts in ihrem Ort. Wenn der Zug nach Dresden sowieso hier lang fahre, könne er doch auch halten. „Ich sehe es nicht ein, warum die Bahn aus der Pflicht genommen werden soll“, meint sie.

Vorerst werden die Züge in Mittelherwigsdorf auch weiter halten. Doch es ist nur eine Gnadenfrist. Der Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) hält weiterhin an der Stilllegung fest. „Bei einstelligen Ein- und Aussteigerzahlen bei 18 Zughalten muss die Frage gestattet sein, ob die Steuergelder effektiver eingesetzt werden können“, sagt Zvon-Geschäftsführer Hans-Jürgen Pfeiffer. In Mittelherwigsdorf steigen zwischen drei und sechs Fahrgästen an Tag ein oder aus. Noch weniger sind es in Oberoderwitz-Oberdorf. Dort nutzen gerade mal zwei Fahrgäste den Haltepunkt.

Der Zug müsse ja nicht jedes Mal halten, sondern nur bei Bedarf, findet Thomas Pilz von der Kulturfabrik Mittelherwigsdorf. Schon seit Jahren kämpft er für den Erhalt des Haltepunktes, der nur wenige Meter von der Kulturfabrik entfernt ist. Der ein oder andere Gast kommt zu den Kinovorstellungen mit dem Zug. „Mit der Bahn anzureisen, ist attraktiv“, findet Pilz. Auch viele Schüler, die auf dem Barfußweg in Mittelherwigsdorf wandern wollen, reisen ebenfalls mit der Bahn an. Für Pilz sei es ein Schildbürgerstreich, den Bahnsteig der Strecke Varnsdorf – Zittau auszubauen und gleichzeitig den gegenüberliegenden Bahnsteig dicht zu machen.

Bürgermeister Markus Hallmann sprach sich deshalb im Namen der Gemeinde für den Erhalt des Haltepunkts aus. Mittelherwigsdorf darf seiner Meinung nach nicht von der Bahnstrecke nach Dresden abgekoppelt werden. „Vielleicht hat unser Widerstand doch seine Wirkung gezeigt“, meinte der Gemeindechef in der jüngsten Ratssitzung.

Denn ursprünglich sollte über die Stilllegung Mitte Juni entschieden werden. Dies hatte Zvon-Sprecherin Sandra Trebesius im Vorfeld erklärt. Doch über das Thema wurde nicht gesprochen, wie Pfeiffer erklärt. Bis zur nächsten Verbandsversammlung Ende des Jahres werde es auch keine Entscheidung über die Stilllegung von Bahnhaltepunkten geben, so der Zvon-Geschäftsführer.

Insoweit liegt Bürgermeister Hallmann ganz richtig, dass der Protest erfolgreich war. Allerdings werden es zu den auf der Streichliste stehenden Stationen mit den Gemeinden und der Kreisverwaltung weitere Gespräche geben, kündigt Pfeiffer an. „Diese werden unter dem Aspekt des Kostendrucks auf den Zvon und unter Abwägung von alternativen Reisemöglichkeiten für die Bewohner und Gäste der Orte geführt“, erklärt der Zvon-Geschäftsführer. Man werde nicht mit dem Holzhammer vorgehen, sondern sehr sensibel diskutieren, versichert er. Pfeiffer wisse, dass der Zvon mit den Stilllegungsplänen alte Wunden aufreißt. In den betroffenen Gemeinden seien in der Vergangenheit bereits Schulen oder andere Einrichtungen geschlossen worden, nun soll auch noch der Bahnhof dazukommen.

Die Kosten, um an den 18 Bahnhöfen mit einstelligen Ein- und Aussteigerzahlen zu halten, liegen nach Pfeiffers Aussage bei jährlich circa 25 000 Euro. Mit der gleichen Summe könne eine bessere Busanbindung angeboten werden. „Bei aller Pro-Bahn-Haltung, der Bus ist auch eine Alternative“, meint Pfeiffer.

Dieses alternative Konzept müsse schon sehr gut sein, damit die Gemeinde Oderwitz ihren Widerstand gegen die Stilllegung des Haltepunktes Oberdorf aufgibt, erklärt deren Bürgermeisterin Adelheid Engel. Und auch die Einwohner müssten damit leben können. Ein Argument der Gemeinde Oderwitz war bisher die zu weite Entfernung zwischen den Haltestellen Oberoderwitz und Eibau. Sollte der Haltepunkt Oberdorf wegfallen, liegen zwischen den beiden weiterhin bestehenden Bahnhöfen knapp sechs Kilometer.

Bei einer Stilllegung des Mittelherwigsdorfer Haltepunktes ist die Entfernung sogar noch größer – zwischen den verbleibenden Haltestellen Niederoderwitz und Zittau-Hauptbahnhof liegen dann rund zehn Kilometer. Für den Zvon, so Pfeiffer, sei die Entfernung zwischen den einzelnen Bahnhöfen kein Entscheidungskriterium. Wichtig sei einzig die Zahl der Fahrgäste, die am jeweiligen Bahnhof ein- oder aussteigen. Auf ein Wort