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Biber inmitten der Stadt

An der Neiße ist das größte europäische Nagetier längst zu Hause. Sogar an den Ufern unterhalb der Görlitzer Alt- und Innenstadt fühlt er sich wohl.

Biberexperte Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz identifiziert Biberfraßspuren hinterm ehemaligen Kondensatorenwerk an der Görlitzer Uferstraße.
Biberexperte Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz identifiziert Biberfraßspuren hinterm ehemaligen Kondensatorenwerk an der Görlitzer Uferstraße. © Nikolai Schmidt

Hinter dem alten Kondensatorenwerk in der Uferstraße sind die Spuren unverkennbar. Dort sind ein paar Weiden abgeknickt und ragen in den Fluss: "Die hat der Biber gefällt", sagt Kay Sbrzesny vom Landschaftspflegeverband Oberlausitz, der sich im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde um die Bibervorkommen im Landkreis kümmert. "Hier sieht man die Spuren seiner Zähne", sagt er und zeigt auf das Holz unter der abgeschabten Rinde. 

Fußspuren, Rutschen und Gänge

Auch in dem verwilderten Uferstreifen unterhalb der Blue Box der Hochschule findet man spitz zulaufende Baumstümpfe und Späne am Wasser. Am Ufer zwischen Stadtbrücke und Parkhotel waren neulich nach einem Regen Fußspuren eines Bibers zu sehen. Mehrere "Biberrutschen" zum Wasser hin sind zu erkennen, die der Biber als Ein- und Ausstiege nutzt. Und seit Ende Mai der am Ufer hochwuchernde japanische Staudenknöterich entfernt wurde, geben mehrere große Löcher in der Böschung den Blick auf Gänge in der Erde frei. 

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"Das könnten eingebrochene Decken eines Biberbaus sein", sagt Kay Sbrzesny. "Vielleicht kam der Biber beim Graben zu nahe an die Oberfläche oder das Gelände wurde erschüttert." Ganz sicher ist er sich zwar nicht, denn auch Nutrias, die dort schon entlangschwammen, oder Bisamratten könnten die Gänge gegraben haben. Aber das Ufer zwischen den beiden Görlitzer Neißebrücken sei als Biberrevier bekannt. Ebenso wurden unterhalb des Wehrs an der Vierradenmühle schon Biber beobachtet. "Einer hat sich sogar mal den Kopf im Geländer der Altstadtbrücke eingeklemmt und musste befreit werden."

Seit 1999 an der Neiße ausgebreitet

Dass der Biber an der Neiße angekommen ist, weiß man schon seit 1999, als in Zodel die ersten Spuren entdeckt wurden. Inzwischen ist der Fluss zwischen Bad Muskau und Zittau vollständig vom Biber bewohnt. Über die Spree und den Schwarzen wie den Weißen Schöps breitet er sich weiter aus, so ist er auch am Quitzdorfer Stausee, am Bärwalder See und in allen Lausitzer Teichgebieten zu Hause. 

In Görlitz gibt es am Volksbad und an der Weinlache je ein Biberrevier. Am Nordrandumfluter zwischen Berzdorfer See und Neiße sind Spuren, doch das Gebiet scheint verlassen. "Dort hatte der Biber einen Damm gebaut", sagt Sbrzesny, "aber der ist nicht mehr da, und nun ist das Wasser für ihn zu flach." 

Biberfraßspuren an der Neiße unterhalb der Blue Box der Hochschule Zittau/Görlitz.
Biberfraßspuren an der Neiße unterhalb der Blue Box der Hochschule Zittau/Görlitz. © Ines Eifler
Abgenagter Baum hinterm ehemaligen Kondensatorenwerk in der Görlitzer Uferstraße.
Abgenagter Baum hinterm ehemaligen Kondensatorenwerk in der Görlitzer Uferstraße. © Nikolai Schmidt
Biberpfotenspur Nähe Parkhotel Görlitz.
Biberpfotenspur Nähe Parkhotel Görlitz. © Ines Eifler
© Ines Eifler
Durch einen Biber gefällter Baum am Görlitzer Volksbad.
Durch einen Biber gefällter Baum am Görlitzer Volksbad. © Ines Eifler
Kay Sbrzesny im verlassenen Biberrevier am Nordrandumfluter zwischen Berzdorfer See und Neiße.
Kay Sbrzesny im verlassenen Biberrevier am Nordrandumfluter zwischen Berzdorfer See und Neiße. © Ines Eifler

Der Zugang zu einem Biberbau liegt fast immer unter Wasser, von da aus führen dann schräg nach oben zahlreiche Röhren zu verschiedenen Kammern, in denen Biberfamilien leben, fressen und Junge bekommen. An Uferböschungen sind Erdbaue typisch, Biberburgen hingegen selten. Am Mühlgraben in Ludwigsdorf, wo auch Biber leben, seien bis zu 70 Röhren eines Biberbaus entdeckt worden, sagt Kay Sbrzesny. Insgesamt gebe es im Landkreis Görlitz und im Biosphärenreservat 90 Biberreviere, die zu zwei Dritteln belegt sind. 

Stadt hat Uferbäume geschützt

Biberpaare bleiben lebenslang zusammen und können bis zu 26 Jahre alt werden. Ihre Kinder verlassen die Familie erst nach zwei Jahren, wenn die Eltern nach ihnen das zweite Mal Junge bekommen. Dann müssen sie ein neues Revier finden oder ein verlassenes besiedeln. Wenn sie so schnell keines finden, ist das oft der Moment, in dem Menschen verängstigte, verirrte Biber finden, was auch in Görlitz schon vorkam. Oder sich mit einem Revier abfinden, das wie das am Uferpark wegen der vielen Steine am Ufer und des Begängnisses nicht optimal ist.

Besitzer von Wassergrundstücken wie auch Kommunen sind über die Ankunft des Bibers nicht immer erfreut. "Schon mancher Gartenbesitzer hat sich über den Verlust eines Obstbaums geärgert", sagt Sbrzesny. "Und Kommunen sind nicht begeistert, wenn sie plötzlich in den Baumschutz investieren müssen." Auch im Görlitzer Uferpark musste schon eine Weide entfernt werden, weil der Biber sie angenagt hatte. Wenn das passiert, sei es am besten, verletzte Bäume zu fällen, aber liegenzulassen, sagt Sbrzesny, damit der Biber etwas zu essen hat und die anderen Bäume in Ruhe lässt. 

Im Winter Bäume, im Sommer Grünes

Vor allem im Winter benagt der Biber Bäume, im Sommer frisst er lieber frisches Grün, das jetzt an der Neiße reichlich wächst. Die Stadt Görlitz hat den Baum im Uferpark zwar nicht liegenlassen, aber sie hat vor einigen Monaten alle ufernahen Bäume mit Maschendraht geschützt, die jungen Birken genauso wie die alten Laubbäume mit über einem Meter Durchmesser unterhalb von Parkhotel und Stadthalle. "Das hat die Stadt ohne großes Aufhebens getan", sagt Kay Sbrzesny, "nicht in allen Kommunen läuft es so unkompliziert."

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Die Gefahr, dass der Biber Dämme an der Neiße baut und Überschwemmungen verursacht, bestehe aber nicht. Dafür sei der Fluss zu breit. Im Gegensatz zu Nutria, Bisamratte und Waschbär, die eingewanderte Arten sind und auch schon an den Görlitzer Ufern gesichtet wurden, ist der Biber streng geschützt. Baue und Dämme ohne Genehmigung der Naturschutzbehörde zu zerstören ist strafbar. Genau wie die Wanderfalken, die 2019 in Görlitz heimisch wurden und in diesem Jahr schon zum zweiten Mal auf der Peterskirche gebrütet haben, kann sich nun auch der Biber mitten in der Stadt wohlfühlen. 

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