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Görlitz hat einen neuen Platznamen

"Platz der Friedlichen Revolution" heißt das Areal an der Frauenkirche bald. Doch der Stadtrat hat noch eine andere Idee für den Platz.

Dieser Platz zwischen City-Center und Frauenkirche erhält in Görlitz einen neuen Namen.
Dieser Platz zwischen City-Center und Frauenkirche erhält in Görlitz einen neuen Namen. © Nikolai Schmidt

Der Görlitzer Oberbürgermeister hatte eine Idee: Zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober dieses Jahres wollte er den Platz zwischen City-Center und Frauenkirche in "Platz der Friedlichen Revolution" umbenennen. Bislang heißt er offiziell "An der Frauenkirche", seit der Umgestaltung des Postplatzes und seiner Randbereiche wird das Areal auch "Kirchplatz" genannt.  Schon im Mai drohte Ursu eine Abstimmungsniederlage im Stadtrat, deswegen nahm er die Vorlage von der Tagesordnung. Doch auch beim zweiten Anlauf schien die Mehrheit des Stadtrates nicht überzeugt davon, dass das eine gute Idee ist.

AfD-Vorschlag: Platz der Befreiung von der SED-Herrschaft

Dabei geht es nicht um die Äußerungen von AfD-Stadtrat Wolfgang Duschek, der wider aller historischen Tatsachen behauptete, von der Görlitzer Lutherkirche sei nicht nur die erste Demonstration im Herbst 1989 ausgegangen, sondern auch das erste Friedensgebet habe dort stattgefunden. Das aber ist falsch: Die Frauenkirche war am 6. Oktober 1989 Ort des ersten Friedensgebetes. Es ging auch nicht vordergründig darum, ob mit dem neuen Namen stärker betont werden müsste, was im Herbst 1989 abgeschüttelt wurde. AfD-Stadtrat Torsten Koschinka schlug erfolglos den Namen "Platz der Befreiung von der SED-Herrschaft" vor. Ein großes Thema waren auch nicht die 600 Euro, die die vier Straßenschilder kosten werden, auch wenn Duschek glaubt, dass das Geld besser bei den Kita-Betreuungskosten aufgehoben wäre.

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Kern der Debatte: Reicht ein neuer Name fürs Gedenken?

Im Mittelpunkt der Debatte im Stadtrat wie in der Görlitzer Bürgerschaft zuvor stand vielmehr die Frage, ob eine solche Namensgebung in die heutige Zeit passt und  ausreichend ist, um das Gedenken an die friedliche Revolution selbst dann wachzuhalten, wenn alle Zeitzeugen gestorben sind. Oder ob es sich nur um politischen Aktionismus handelt, wie es ihn durch die Jahrzehnte und unter verschiedenen Regimen auch gegeben hatte, als der Postplatz zum Hindenburgplatz, später zum Platz der Befreiung und heute wieder zum Postplatz wurde.

Erschwerend kam hinzu, dass auch unter den Beteiligten des Herbstes von 1989 die Meinungen auseinandergingen. Während Pfarrer Albrecht Naumann und der spätere Landtagspolitiker Volker Bandmann sich für die Umbenennung aussprachen, sah Pathologe Peter Stosiek es an der Zeit, die Dinge ruhen zu lassen. 

Lösung: Kunstwettbewerb für den Platz

Die Brücke zu einer Mehrheit im Stadtrat baute nun die Kunst. Theatersänger Stefan Bley von den Bürgern für Görlitz schlug vor, die Platzumbenennung mit einer Kunstaktion zu verbinden. Aus einem "greifbaren, anschaulichen Kunstobjekt", das seinen Platz hier finden soll, wie Yvonne Reich, Fraktionsvorsitzende der Bürgerfraktion, erklärte,  wurde im Laufe der Diskussion ein Teil der geplanten Ausstellung "Kunst im öffentlichen Raum", die die Stadt für nächstes Jahr vorbereitet. Nach Ansicht von Bürgermeister Michael Wieler sei es unproblematisch, bei der Ausschreibung den Künstlern für ihre Objekte den Platz an der Frauenkirche vorzuschlagen und auch das Thema zu benennen. Anschließend könnten - wie schon nach der Landesausstellung - die Bürger entscheiden, welches der Kunstobjekte auf dem Platz verbleiben solle. Und Motor-Sprecher Mike Altmann setzte noch durch, dass nicht nur ein Kunstobjekt mit der Namensgebung verbunden werden soll, sondern auch weitere kulturelle Aktionen.

Was das sein könnte, lässt der mit großer Mehrheit der Stadträte - bei Gegenstimmen der AfD-Fraktion - getroffene Beschluss aber offen. Vielleicht ist da auch ein Blick nach Plauen nützlich. Die westsächsische Stadt war ebenfalls ein frühes Beispiel für die Friedliche Revolution in Sachsen. Dort gibt es seit geraumer Zeit eine Stadtrallye "Auf den Spuren der Friedlichen Revolution". Entworfen haben die Tour Schüler eines Plauener Gymnasiums, mittlerweile steht die Stadtbesichtigung wie alle anderen auf der Tourismus-Seite der Stadt. Ganz selbstverständlich.

OB Ursu: Auf Friedliche Revolution können Görlitzer stolz sein

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Einen solch selbstverständlichen Umgang mit der Geschichte ist auch das Ziel von Oberbürgermeister Octavian Ursu. "Gerade auch für die jüngere Generation, die damals nicht dabei waren,  wollen wir einen Erinnerungsort für die Friedliche Revolution schaffen", sagte er. Wie wichtig das ist, sei ihm erst jüngst  beim Gedenken an den Volksaufstand am 17. Juni 1953 auf dem Görlitzer Postplatz geworden. Nun wird es mit der Umbenennung des Platzes im Herbst beginnen, auf den Kunst und Kultur folgen werden. Und das alles, so Ursu, weil "die Friedliche Revolution ein Teil der Geschichte unserer Stadt ist, auf den wir stolz sein können."

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