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Warum es nie wieder ein großes Becken geben wird

Die neue Debatte zur Zukunft des Görlitzer Helenenbades geht in alle Richtungen. Doch viele dieser Träume sind wohl unerfüllbar.

Wird es solche Bilder wie hier - vermutlich in den 1980ern - je wieder geben? Die Zukunft des Helenenbades ist ungewiss.
Wird es solche Bilder wie hier - vermutlich in den 1980ern - je wieder geben? Die Zukunft des Helenenbades ist ungewiss. © André Schulze

Am 6. August  vor 98 Jahren erfrischten sich die Görlitzer zum ersten Mal in ihrem Helenenbad. Der Görlitzer Arbeiterschwimmverein hatte damals nach einem geeigneten Gelände im Westteil der Stadt gesucht, die Besitzerin des Leontinenhofes – Freifrau Helene von Carnap – verpachtete dem Verein ihr Teichgrundstück.

Der Rest ist Geschichte: Viele vergnügliche Badestunden, aber auch viele anstrengende Arbeitsstunden später, in denen unermüdlich erweitert, gepflegt und erhalten wurde, war 2002 Schluss – nach genau 80 Jahren. Nun wird das Helenenbad in zwei Jahren also 100. Ein gutes Datum, um es in alter Schönheit wiederzueröffnen?

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Das Helenenbad in ganz frühen Jahren - als es noch Volksbadeanstalt Görlitz hieß.
Das Helenenbad in ganz frühen Jahren - als es noch Volksbadeanstalt Görlitz hieß. © Repro: André Schulze

Aktuell ist eine neue Debatte dazu aufgeflammt – ausgehend vom Rückzug des AUR-Vereins, der das Bad jahrelang betrieben hatte und von der Auflösung des Helenenbadvereins, dessen Chef Rolf Weidle über Jahre Spenden gesammelt und damit eine Kinderbadelandschaft finanziert hatte. So hatte das Helenenbad, das außerdem beliebter Treffpunkt zum Sport treiben oder feiern war, zumindest seinen ursprünglichen Bad-Charakter nicht verloren. Wie es nun ab 2021 weitergehen soll, ist weitestgehend offen. Zwar hat die Stadt mit ihrer Tochtergesellschaft Kommwohnen schon einen neuen Betreiber präsentiert. Doch steht hier offensichtlich noch nicht viel mehr fest, als dass es ab kommender Saison erstmal so weitergeht wie bisher. Inhaltliche Dinge wurden bislang nicht genannt.

Kommt ein Ballspielfeld ins große Becken?

Die Frage nach dem Ballspielfeld, das ins ehemalige große Becken soll, ist nun auch wieder offen.  Das Projekt, für das es eine fertige Planung gibt, sollte als Teil des neuen Brautwiesenbogens mit  Efre-Mitteln finanziert werden. Die Planung war wieder in die Schublade gewandert, nachdem der AUR-Verein seine Bedenken geäußert hatte, das Bad weiterbetreiben zu können. Könnte das Vorhaben unter Kommwohnen eine neue Chance haben? Im Rathaus äußert man sich dazu eher skeptisch. Da noch nicht klar sei, welches Konzept künftig für das Helenenbad angewendet wird,  sei ebenso noch nicht klar, ob die mit dem AUR entwickelte Idee eines Ballspielfeldes auch tatsächlich umgesetzt werden könnte. 

Das Helenenbad. im Sommer 1959.
Das Helenenbad. im Sommer 1959. © Repro: André Schulze

In der bisher geplanten Variante würde das Ballspielfeld etwa 200.000 Euro kosten -  die Eigenmittel der Stadt etwa 40.000 Euro. "Der Bewilligungszeitraum für das gesamte Efre-Verfahren endet zum Jahresende 2021", sagt Stadtsprecherin Juliane Zachmann. "Das bedeutet, bis dahin müssen alle Vorhaben gebaut und abgerechnet sein. Für das Ballspielfeld ist eine Umsetzung unter den genannten Bedingungen nicht mehr möglich.

Aber was wird dann aus den bewilligten 200.000 Euro? "Wir gehen davon aus, dass die frei werdenden Mittel bleiben und für eventuelle Mehrkosten bei laufenden Efre-Vorhaben eingesetzt werden können", sagt Frau Zachmann.

Wenn das Ballspielfeld also nicht kommt: Hat das große Becken vielleicht doch noch eine Chance? Rolf Weidle (Bürger für Görlitz), der langjährige Kämpfer fürs Helenenbad, meldet sich in der neu aufgeflammten Debatte zu Wort. Auch er hat den Traum vom neuen alten Helenenbad mit großem Becken lange geträumt. Inzwischen nicht mehr.

Paulick-Jahre zerstörten jede Hoffnung

Die einfache Begründung lautet: Das kann niemand bezahlen, niemand betreiben. „Noch 2004 war ich absolut davon überzeugt, dass wir das große Becken wieder hinbekommen“, sagt Weidle. Doch inzwischen hätten sich Bau- wie auch Betreiberkosten verdoppelt. 2004 habe auch niemand eine Vorstellung vom Berzdorfer See gehabt, höchstens eine Vision. Heute sagt Weidle, glaube auch er, dass der See immer mehr das Sommer- und Wasserzentrum der Stadt sei.

Auch die sieben Jahre unter OB Paulick, der jegliche Bemühungen fürs Helenenbad unterbunden habe, hätten ihm den Glauben an die Wiedereröffnung des großen Beckens genommen. Seine bittere Erkenntnis belegt Rolf Weidle mit vielen Schreiben, die er in einer dicken Helenenbad-Mappe zusammengetragen hat. Darin finden sich etliche Anträge und Beschlüsse aus Stadtratssitzungen vergangener Jahre, Schreiben von Landratsamt und Landesdirektion Dresden, Schreiben des Helenenbadvereins an die Stadtverwaltung. Sie alle zeugen davon, was für ein zäher Kampf es über Jahre hinweg war. Am Ende steht für Rolf Weidle die Erkenntnis: „Mindestens acht Millionen Euro würde ein neues Becken kosten und das wird noch nicht einmal reichen.“ 

Historische Ansicht aus den frühen Jahren des Helenenbades.
Historische Ansicht aus den frühen Jahren des Helenenbades. © Repro: André Schulze

Wenn überhaupt noch einmal eine Erweiterung der jetzigen Kinderbadelandschaft möglich sein sollte – und das würde sich Rolf Weidle von Herzen gern wünschen – dann maximal um ein drittes Modul. So, wie es das Konzept der Badelandschaft schon seit einigen Jahren vorsieht: Das erste war das flache Becken für kleine Kinder, es wurde 2015 eröffnet. 2017 folgte mit der Fontänenlandschaft Teil zwei. Und für Teil drei, ein Becken für größere Kinder und Erwachsene, war bereits bei der Planung des Ballspielfeldes ein Drittel des früheren Beckens frei gelassen worden. 15 Mal 15 Meter soll es groß sein, die Wassertiefe je zu einem Drittel 60 und 90 Zentimeter beziehungsweise 1,20 Meter betragen.

Die Kosten dafür hat Rolf Weidle inzwischen noch einmal neu durchrechnen lassen. „Inklusive Attraktionen wie beispielsweise einer Rutsche und neuer Wasseraufbereitung kommen wir auf 650.000 Euro netto“, sagt er. Wie die Chancen hierfür liegen, jetzt, wo zusätzlich Corona in den städtischen Haushalt hineinschlägt und die Stadt Geld für andere Großvorhaben wie Stadthalle, Synagoge oder Dreifaltigkeitskirche ausgeben will, vermag im Moment keiner zu sagen.

Trauerspiel: Wo es über Jahrzehnte sommerlichen Badespaß gab, wächst heute ein Wäldchen.
Trauerspiel: Wo es über Jahrzehnte sommerlichen Badespaß gab, wächst heute ein Wäldchen. © Nikolai Schmidt

Tatsache ist aber, dass es mit den neuen Fraktionen im neuen Stadtrat offenbar auch neue Bemühungen um eine Weiterentwicklung des Bades gibt. Sowohl die AfD als auch Motor Görlitz tun sich hier hervor. Auf einer Motor Görlitz-Veranstaltung zum Helenenbad wurde vor wenigen Tagen der Begriff Aqua-Park geprägt und die Frage aufgeworfen, ob sich vielleicht ein Investor finden ließe, der das Areal entwickelt? Denn wirklich glücklich ist die Motor-Fraktion mit der schnellen Lösung der Stadt, Kommwohnen die Betreibung zu übertragen, nicht.

Motor-Sprecher Axel Krüger: „Speziell für jüngere Einwohner und Gäste fehlt bisweilen der Spaßfaktor in Görlitz. Ein Aqua-Park könnte die Lücke füllen. Diese Anlagen bestehen aus hochwertigen PVC-Elementen, wie man sie von Hüpfburgen kennt, stehen aber komplett im Wasser. Spielen, Rennen, Rutschen, Klettern – es wäre ein Spaß für Jung und Alt.“ Klingt letztlich ähnlich wie Weidles Konzept. Auch die Idee eines Naturbades kam wieder auf. Die Voraussetzungen in Bezug auf Geländegröße, Topografie und Wasservorkommen seien günstig, sagt Motor Görlitz. Weidle dazu: „Dazu gibt es schon Untersuchungen, die aber unter den aktuellen Bedingungen noch einmal geprüft werden müssten.“

Ziehen sich nach vielen engagierten Jahren zurück: Rolf Weidle vom Helenenbad-Verein (rechts) und Christoph Suda vom AUR-Verein (2.v.r.)
Ziehen sich nach vielen engagierten Jahren zurück: Rolf Weidle vom Helenenbad-Verein (rechts) und Christoph Suda vom AUR-Verein (2.v.r.) © nikolaischmidt.de

Genau das soll die Stadtverwaltung tun. Diese wurde vom Stadtrat auf Antrag der Fraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne beauftragt, drei Varianten zu untersuchen: Betrieb wie bisher, Reaktivierung als Freibad und eine alternative Nutzung. „Natürlich gibt es bei vielen Görlitzern den Wunsch, dass das Helenenbad wieder ein richtiges Freibad wird“, sagt Mike Altmann, der Fraktionsvorsitzende von Motor/Grüne. „Wenn nach der Prüfung herauskommt, dass das aufgrund von Aufwand und Kosten nicht zu stemmen ist, dann ist das auch ein wertvolles Ergebnis.“

Bliebe noch die Frage der Betreibung. „Ohne städtische Mittel kann das keiner leisten, fürchte ich. Kein Verein zumindest, denn es ist schon ein hohes ehrenamtliches Engagement nötig“, sagt Rolf Weidle. Der pensionierte Arzt kann sich eine Zusammenarbeit mit dem Neißebad gut vorstellen – in einem gemeinsamen Zweckverband, aber auch das sei eine Frage städtischer Zuschüsse.

Nur ein Jahr ohne Betreiber wäre fatal

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„Kommwohnen ist vielleicht nicht die glücklichste Lösung, aber sie bedeutet zumindest, dass es keinen Stillstand gibt“, sagt Rolf Weidle. „Es wäre fatal, die Anlage auch nur ein Jahr liegen zu lassen. Die Technik würde nicht mehr gewartet, Vandalismus Tür und Tor geöffnet.“Im Sinne des Helenenbades begrüße er deshalb alle Initiativen, die das Bad voranbringen. „Wenn das Ergebnis ist, dass wir doch noch unser Becken für Erwachsene bekommen, bin ich der glücklichste Mensch.“ Bis zum 100. Bad-Geburtstag wird das nichts werden, aber wer weiß: vielleicht zum 105.?

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