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Synagoge bekommt ihre Leuchter zurück

In altem Glanz erstrahlt das altehrwürdige Haus in der Görlitzer Otto-Müller-Straße schon länger wieder. Doch nun kommt das richtige Licht dazu.

Mario Lorenz hat die Leuchter gebaut und hängt sie mit seinem Team in der Görlitzer Synagoge auf.
Mario Lorenz hat die Leuchter gebaut und hängt sie mit seinem Team in der Görlitzer Synagoge auf. © Nikolai Schmidt

Am Anfang stand die Arbeit mit der Lupe. Viele Stunden haben Annette Jacob und ihr Kollege Thomas Hinz über den alten Aufnahmen von der Görlitzer Synagoge gesessen und versucht, jedes Detail über die acht Leuchter zu erkennen. "Aber noch davor mussten wir erst einmal an Fotos herankommen, die die Leuchter zeigen", erzählt die Chefin der gleichnamigen Firma Historische Leuchten Jacob aus Leipzig.

Eine der wenigen historischen Aufnahmen, auf der die Original-Leuchter gut erkennbar sind.
Eine der wenigen historischen Aufnahmen, auf der die Original-Leuchter gut erkennbar sind. © privat

Denn von den originalen Lampen der 1911 fertiggestellten Synagoge auf der Otto-Müller-Straße ist nichts mehr da. Lediglich ein paar Fragmente eines Leuchters vom unteren Rang sind übrig. Also wurden Archive gewälzt, nach Artikeln in damaligen Fachzeitschriften gesucht, die die Synagoge zeigten. "Der Idealfall wären alte Fotos gewesen, von denen wir auch noch die Originalplatten gehabt hätten, um sie vergrößern zu können", sagt Annette Jacob. Doch die gab es nicht. Auch eine historische Werkstattzeichnung - also die perfekte Vorlage für eine Nachbildung - ließ sich nicht aufspüren. Man weiß nicht einmal mit Sicherheit, wer die Kronleuchter überhaupt hergestellt hat. "In der deutschen Bauzeitung war zur Eröffnung ein Artikel, in dem auch alle Gewerke genannt waren - doch die Leuchtenbauer fehlten leider", erzählt Annette Jacob, die es sich nicht hat nehmen lassen, zum Aufhängen der rekonstruierten Leuchten am Dienstag und Mittwoch selbst mit nach Görlitz zu kommen. "Sind ja schon irgendwie meine Babys" sagt sie.

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Annette Jacob von Historische Leuchten Jacob in Leipzig hat mit ihrem Kollegen monatelang zu Größe und Aussehen der originalen Leuchter in der Görlitzer Synagoge recherchiert und geforscht. Auf Grundlage ihrer Ergebnisse entwarf sie die jetzt angebrachten
Annette Jacob von Historische Leuchten Jacob in Leipzig hat mit ihrem Kollegen monatelang zu Größe und Aussehen der originalen Leuchter in der Görlitzer Synagoge recherchiert und geforscht. Auf Grundlage ihrer Ergebnisse entwarf sie die jetzt angebrachten © Nikolai Schmidt

Mit ihrem Kollegen kam sie schließlich doch den wahrscheinlichen Herstellern der Originalleuchten auf die Spur. Recherchen ergaben, dass in der Synagoge von Poznan ganz ähnliche Leuchter hingen. Hier sind die Berliner Frost & Söhne als Hersteller belegt und es ist auch belegt, dass sie mit der Stadt Görlitz in Verhandlung standen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. "Beide Leuchtermodelle ähneln sich schon auffällig", sagt Annette Jacob. 

Beide haben orientalische Anmutung, erinnern an Öllampen - das war früher in Synagogen typisch. "Aber hier in Görlitz waren sie 1911 natürlich schon elektrisch." Scheinbar alles weiß die gelernte  Kristallschleiferin und Diplom-Designerin über die Görlitzer Leuchter inzwischen. Jede Schwingung, jeden Sonderschliff, jedes Detail beschreibt sie. Immerhin hat sie die zu rekonstruierenden Leuchter ja auch entworfen. In Zusammenarbeit mit der Stadt Görlitz - insbesondere der Denkmalbehörde.

So manches Wochenende getüfftelt

Hergestellt hat sie schließlich Mario Lorenz aus Grüna bei Chemnitz. Er ist Gürtlermeister, nennt sich Spezialhandwerker der Denkmalpflege und ist Inhaber der Firma AKH Paul Lorenz Beleuchtungskörper und Metallarbeiten. Genau wie Frau Jacob ist er auf Historisches spezialisiert, er lebt von Sonderanfertigungen, arbeitet viel in Schlössern, wie dem Dresdner Residenzschloss. Trotzdem waren die Synagogenleuchter auch für ihn und sein Team keine alltägliche Aufgabe.

Denn um sie so originalgetreu wie möglich herzustellen, war unter anderem die Drücktechnik gefragt - ein alter Handwerkszweig, den es heute kaum noch gibt. Besondere Herausforderung dabei: die Größe der Leuchten. Dann mussten Formen hergestellt werden, denn so etwas hatte die Firma Lorenz ja noch nie hergestellt. Er habe so manches Wochenende getüftelt, gibt Mario Lorenz zu. Insgesamt war ein Dreivierteljahr allein für die Vorarbeiten nötig. 

Der erste Leuchter hängt. Die Lampen sind dreistöckig angeordnet. Jede Etage kann separat eingeschalten werden. Zusätzlich ist das komplette Licht dimmbar.
Der erste Leuchter hängt. Die Lampen sind dreistöckig angeordnet. Jede Etage kann separat eingeschalten werden. Zusätzlich ist das komplette Licht dimmbar. © Nikolai Schmidt

Und doch konnte Lorenz letztlich natürlich nicht alles selbst machen, holte sich Kunstgießer, Glasbläser und Bildhauer dazu - alles in allem haben 35 Leute an den Messingleuchtern gearbeitet. "Handwerklich perfekt, fast eine Sensation", sagt Annette Jacob zu den fertigen Leuchtern.  "Heute kann kaum noch eine Firma Ornamente in dreidimensional gebogene Leuchtkörper aus Blech pressen." 

Dass es diese Ornamente und zahlreiche andere Details überhaupt gibt, ist auch zum Großteil ihr selbst zu verdanken. Denn immer wieder seien angesichts der unsicheren Finanzierung Abstriche im Gespräch gewesen, wollte die Stadt die Leuchten schlichter gestalten. "Und das hier? Da habe ich nur mit dem Kopf geschüttelt. Das hätte richtig weh getan - zumal man ansonsten hier so großen Wert auf Originaltreue und gute Ausführung gelegt hat", sagt Annette Jacob. Sie rechne es der Stadt hoch an, dass die letztlich doch so authentisch sind. Ausschlaggebend dafür war eine Spende der Ostdeutschen Sparkassenstiftung speziell für die Leuchten - eine mittlere sechsstellige Summe. 

Die ehemalige Synagoge in Görlitz: Von 1909 bis 1911 wurde sie gebaut. Seit etwa zehn Jahren wird sie saniert, Eröffnung soll noch in diesem Jahr sein.
Die ehemalige Synagoge in Görlitz: Von 1909 bis 1911 wurde sie gebaut. Seit etwa zehn Jahren wird sie saniert, Eröffnung soll noch in diesem Jahr sein. © Nikolai Schmidt

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Diese nun anzubringen, war nochmal eine Kunst für sich. Mario Lorenz war dafür mit vier Mitarbeitern seiner Firma vor Ort, dazu zwei Lichttechniker, die dafür sorgten, dass die Lampen auch wirklich strahlen. LED-Lampen wohlgemerkt und laut Annette Jacob doch so eingestellt, dass sie ein warmes Licht abgeben. Aber auch dimmbar, damit die Synagoge dem Anlass entsprechend unterschiedlich beleuchtet werden kann. Sie soll noch in diesem Jahr wiedereröffnet werden. 

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