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Kein Gast, nirgends

Eben noch einen neuen Rekord gefeiert, jetzt am Boden: Was Corona beim Tourismus in Görlitz und Niesky anrichtet, ist kaum absehbar.

Hotel Silesia an der Biesnitzer Straße: Hotelchef Burkhard Kämmerer beteiligt sich an der Plakataktion, hier mit Ninette Petrasch von der Dehoga Lausitz.
Hotel Silesia an der Biesnitzer Straße: Hotelchef Burkhard Kämmerer beteiligt sich an der Plakataktion, hier mit Ninette Petrasch von der Dehoga Lausitz. © Nikolai Schmidt

Burkhard Kämmerer macht das beste aus der Situation. "Ich komme zur Ruhe", sagt der Chef des Hotels Silesia an der Biesnitzer Straße in Görlitz und blinzelt in die Frühsommersonne. Eigentlich ist sein Unternehmen momentan gleich doppelt von Missständen betroffen: Corona, klar, und dann noch eine Baustelle vor dem Haus. Das würde die Anfahrt für potenzielle Kunden nicht einfach gestalten. Kommt ja aber eh keiner. Der Hotelier winkt ab. "Nach 25 Jahren genieße ich jetzt endlich mal das Osterfest ganz entspannt", sagt er. Grill anwerfen, Familie treffen, alles  im Rahmen des Erlaubten selbstverständlich, dass hat Burkhard Kämmerer in den kommenden Tagen vor. "Ich kann doch eh nichts ändern", sagt er. 

Hotelbetrieb komplett eingestellt

Klar, für alleinreisende Geschäftsleute könnte das Silesia schon noch geöffnet bleiben. "Aber es kommt doch keiner mehr", sagt Burkhard Kämmerer. Geschäftsleute von Bombardier und Siemens? Fehlanzeige. Ähnlich sieht es bei Roland Marth aus. "Wir haben den Betrieb des Hotels Am Goldenen Strauß an der Struvestraße vorerst komplett eingestellt", sagt der Chef. Auf dem Gut am See in Tauchritz, ebenso dieses Bild: Veranstaltungen und Buchungen abgesagt.  Roland Marth und Partnerin Isolde Iser hatten dabei erst noch bis Ende vergangenen Jahres kräftig investiert: Millionen flossen in das Gut am See, Bauzeit zwei Jahre.

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Und für den Tourismus in und um Görlitz sah es ja auch gar nicht schlecht aus 2019. Groß waren die Pläne und Erwartungen. Nach dem Rekordjahr war man in Görlitz auf ein weiteres gutes Tourismusjahr eingestellt. Stattdessen: Corona und keine Ahnung, wie es weitergehen kann. Alle trifft es gleichermaßen, Restaurants , Hotels, Geschäfte, Reiseunternehmen, Stadtführer und letztlich auch die Europastadt Görlitz-Zgorzelec GmbH (EGZ), die für die Stadt Wirtschaft und Tourismus voranbringen soll. Alles, was sie im Moment tun kann, ist versuchen, zu helfen. „Wir sind da, teils im Homeoffice, teils aber auch vor Ort“, sagt Eva Wittig von der EGZ. "2019 war echt eine gute Saison", sagt Hotelier Burkhard Kämmerer. 2020? Er lacht bitter. "Unterste Minusschublade!"

Im Rekordjahr 2019 buchten stolze 158.038 Touristen  insgesamt 327.529 Übernachtungen in der Neißestadt – ein Plus von 16,4 Prozent bei den Ankünften und gar 17,9 Prozent bei den Übernachtungen. Damit war das bisherige Spitzenjahr 2017 deutlich überschritten. 

Anfragen betreffen frühestens den Herbst

Am Anfang der Krise galt es, die vielen Stornierungen abzuarbeiten, die reinkamen. „Auf Sicht ist erstmal alles storniert“, so Eva Wittig. Zwar kämen inzwischen auch schon wieder vereinzelt erste Anfragen, doch terminlich liegen die alle im Herbst. Was also tun, wenn der Tourismus am Boden liegt und ein großer Teil der Wirtschaft auch zu kämpfen hat. „Wir versuchen, zu helfen, wo wir können“, sagt Eva Wittig. So hat die EGZ alle möglichen Hilfsangebote und Ansprechpartner auf ihrer Webseite gebündelt, aktualisiert diese auch fortwährend. 

Das wäre kurz vor Ostern der normale Anblick in der Görlitzer Altstadt: Die Straßen und Plätze voller Touristen.
Das wäre kurz vor Ostern der normale Anblick in der Görlitzer Altstadt: Die Straßen und Plätze voller Touristen. © Nikolai Schmidt

Auch in Hotels herrscht Kurzarbeit

Kurzarbeit ist inzwischen längste eine probate Variante, einen Gastronomiebetrieb durch die Krise zu steuern. Beispiel Bürgerhaus Niesky: Der Absatz von Esssensportionen ist eingebrochen, gekocht wird für die Notfallbetreuung der Schul- und Kitakinder, für Senioren, für den Laden, den das Bürgerhaus an der Muskauer Straße betreibt. Seit April ist Kurzarbeit angesagt, so Jörg Kalbas, Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft.

Die Köpfe der Görlitzer EGZ: Geschäftsführerin Andrea Behr (li.) und Marketingleiterin Eva Wittig.
Die Köpfe der Görlitzer EGZ: Geschäftsführerin Andrea Behr (li.) und Marketingleiterin Eva Wittig. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Oberbürgermeister will Unternehmen unterstützen

Der Hotel- und Gaststättenverband Sachsen (Dehoga) macht sich inzwischen für die Gastronomen stark. Die Forderungen: Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent, Zuschuss auch für den Mittelstand ab zehn Mitarbeiter und Erhöhung des Kurzarbeitergeldes. Damit verbunden ist eine Plakataktion im Freistaat. In Görlitz macht Burkhard Kämmerer vom Hotel Silesia mit, ebenso  das Hotel Italia am Obermarkt. Dort können Interessierte die Poster abholen.

Unterstützung kommt von der Stadtpolitik. Oberbürgermeister Octavian Ursu sichert  seine Unterstützung zu, damit die Zeiten für die Bearbeitung des Kurzarbeitergeldes verkürzt werden. Antragsteller sollten zudem schneller eine Information darüber erhalten, wann mit der Auszahlung des Kurzarbeitergeldes zu rechnen ist.  Octavian Ursu nach einem Treffen mit Unternehmerverbänden:  „Gemeinsam werden wir dafür sorgen, damit die Unternehmen unserer Stadt möglichst gut durch diese Krise kommen und hoffentlich bald wieder erfolgreich ihre Geschäftstätigkeit aufnehmen können.“

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Burkhard Kämmerer vom Hotel Silesia rechnet erst im August damit, dass wieder Reisegruppen bei ihm ankommen werden. Vielleicht gehe es ja aber auch schon im Mai wieder ein bisschen los. Bis Ende dieses Monats ist auf jeden Fall Ruhe, alles storniert. "Vielleicht überlege ich mir ja auch etwas ganz anderes", sinniert Burkhard Kämmerer. Es muss ja nicht immer ein Hotel sein. Vielleicht lässt er umbauen, vermietet Wohnungen an der Biesnitzer Straße. "Ich mach mir jetzt keinen Druck", sagt der Gastronom.

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