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Wenn sich in Görlitz kein Arzt finden lässt

Dann bleibt als Geheimtipp Rothenburg. Die beiden MVZs ziehen viele Patienten in die Stadt, vor allem aus Görlitz. Mögliche Erweiterungen scheitern aber.

Der ärztliche Geschäftsführer Dr. Peter Tzschoppe ist froh, dass alle im MVZ am Martinshof praktizierenden Disziplinen gut mit Ärzten ausgestattet sind. Eine davon ist Hautärztin Ewa Krasicka-Rhode.
Der ärztliche Geschäftsführer Dr. Peter Tzschoppe ist froh, dass alle im MVZ am Martinshof praktizierenden Disziplinen gut mit Ärzten ausgestattet sind. Eine davon ist Hautärztin Ewa Krasicka-Rhode. © André Schulze

Einen Termin beim Facharzt? Die Suche nach der viel zitierten "Nadel im Heuhaufen" dürfte nicht viel schwieriger sein. Ein Trend zeichnet sich zwischen Görlitz und Niesky allerdings ganz deutlich ab: Immer öfter nehmen Patienten Rothenburg ins Visier. Immerhin verfügt die kleine Stadt über zwei Medizinische Versorgungszentren (MVZ) mit einer Vielzahl ärztlicher Disziplinen.

Ein Geheimtipp ist der Standort aber schon längst nicht mehr. Dr. Peter Tzschoppe, ärztlicher Geschäftsführer des MVZ Martinshof, bestätigt: "Ja, es stimmt. Unter unseren Patienten sind viele Görlitzer." Auf ihrer Internetseite wirbt die Einrichtung ganz gezielt um dieses Klientel: Als Service werden unter dem Slogan "Mit dem Bus bis vor die Tür" die aktuellen Verbindungen aus Richtung Görlitz und Niesky genannt. Angefangen hatte es vor 13 Jahren mit einer Allgemeinarztpraxis und einem Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. "Ausschlaggebend war damals die Versorgung der Bewohner des Martinshofes", erzählt Tzschoppe. Heute machen die älteren oder behinderten Menschen nur noch rund ein Zehntel am Gesamtaufkommen der Patienten aus. Pro Quartal gibt es inzwischen mehr als 5.000 Behandlungsfälle.

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Breiter Mix an Fachärzten in Rothenburg

Tzschoppe, der in dem Objekt selbst eine Zahnarztpraxis führt, sieht für die Beliebtheit des MVZ vor allem zwei Gründe: "Hier gibt es einen breiten Mix an verschiedensten Fachärzten. Zudem die besonders nachgefragten Disziplinen Haut und Augen. Das ist eine Art Alleinstellungsmerkmal für uns." Insgesamt verfügt das MVZ Martinshof über fünf Facharztpraxen, hinzu kommt eine allgemeinmedizinische und die schon erwähnte Zahnarztpraxis. Insgesamt, so der ärztliche Geschäftsführer, sei man sehr gut ausgelastet. Dies treffe vor allem auf die Augenheilkunde zu. HNO sei dagegen noch aufnahmefähig. Insgesamt aber müssten Patienten ein bisschen Geduld mitbringen: "Von heute auf morgen haben wir nirgends Termine zu vergeben."

Ähnlich sieht es im MVZ des Orthopädischen Zentrums aus, das speziell auf diese Disziplin ausgerichtet ist und auch Außenstellen in Niesky und Görlitz betreibt. Laut Leiterin Ivette Tanz werden pro Quartal zwischen 3.500 und 4.000 Patienten betreut. Darin noch nicht enthalten sind jene Menschen, die sich bei Rheumatologin Birgit Eichhorst behandeln lassen, die sich im MVZ eingemietet hat. Der Bedarf an Leistungen dieser Spezialrichtung ist so hoch, dass sich lange Wartezeiten nicht vermeiden lassen.

Jaroslaw Zalewski ist medizinischer Leiter des MVZ am Orthopädischen Zentrum in Rothenburg. Die Einrichtung ist Anlaufpunkt für Patienten aus der ganzen Region.
Jaroslaw Zalewski ist medizinischer Leiter des MVZ am Orthopädischen Zentrum in Rothenburg. Die Einrichtung ist Anlaufpunkt für Patienten aus der ganzen Region. © André Schulze

Das musste auch die Görlitzerin Doris Engel erfahren. "Mir wurde mitgeteilt, dass es 2020 keine Termine mehr gebe. Und für 2021 stünden schon 50 Anwärter vor mir - das kann doch nicht sein!" Doch, kann - meint Ivette Tanz. Denn die Rheumatologin reize die ihr von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) vorgegebene Stelle bereits bis zum Anschlag aus. Aber Besserung ist in Sicht. "Im nächsten Jahr soll die Sprechzeit in der Außenstelle Görlitz erweitert werden. Doch dazu braucht es einen Umbau der Räume im Octamed. Gespräche dazu laufen bereits." Cornelia Seibt wirbt generell um etwas mehr Verständnis: "Viele Menschen müssen nicht von heute auf morgen behandelt werden. Die Leute sind oft zu ungeduldig. Planbare Dinge sollte man eher langfristig angehen." Wobei: Notfälle würden natürlich sofort behandelt, erklärt die Verwaltungsleiterin des Martin-Ulbrich-Hauses.

Erweiterungen sind eher nicht geplant

Eine Erweiterung ihrer Kapazitäten beurteilen die beiden Medizinischen Versorgungszentren in Rothenburg eher zurückhaltend. "Das ist sicherlich ein Prozess", sagt Cornelia Seibt. "Unser MVZ ist erst zum Jahresbeginn 2019 an den Start gegangen und hat sich seitdem - inklusive der rheumatologischen und psychotherapeutischen Sprechstunden - sehr gut entwickelt." Eine weitere Fachabteilung an den Start zu bringen, mache aber keinen Sinn. Auch Peter Tzschoppe vom MVZ Martinshof bleibt defensiv: "Ich mag kein schneller, höher, weiter." Für einen Ausbau sei nicht der Patientenwunsch entscheidend. Vielmehr die Verfügbarkeit von Ärzten. Und die Zulassung durch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS).

Die stellt im Planungsbereich Görlitz/Niederschlesischer Oberlausitzkreis keinen Mangel an Fachärzten fest und bezieht sich speziell auf die Situation bei Augenärzten, Chirurgen, Orthopäden, Frauenärzten, HNO, Haut- und Kinderärzten sowie Urologen. "Alle diese Planungsbereiche haben einen Versorgungsgrad von über 110 Prozent", teilt KVS-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux mit. Die Kategorie "fachärztlich tätige Internisten", zu der auch die Rheumatologie gehört, ist laut dem Zahlenwerk der KVS mit 113,7 Prozent eigentlich überversorgt. Trotzdem kann speziell bei den Rheumatologen eine Vollzeitstelle - zusammen mit dem Planungsbereich Löbau-Zittau - neu besetzt werden. Engpässe gebe es, so Bachmann-Bux, vor allem bei Kinder- und Jugendpsychiatern. Hier seien im Raum Oberlausitz/Niederschlesien 2,5 Stellen unbesetzt. Noch schlechter sehe es bei den Hausärzten aus. So ist der Planungsbereich Görlitz nur mit 91,1 Prozent der benötigten Kapazitäten versorgt, was 4,5 fehlenden Vollzeitstellen entspricht, die KVS weist bis zu 9,5 freie Stellen aus. In Niesky liegt der Versorgungsgrad gar nur bei 88,4 Prozent. Zu 100 Prozent fehlen rund drei stellen, weitere 1,5 könnten laut KVS besetzt werden.Im Planungsbereich Weißwasser/Bad Muskau ist die Hausärztesituation besonders dramatisch. Der Versorgungsgrad beträgt hier gerade einmal 81,1 Prozent. Laut KVS gibt es 22 Hausärzte. Zur Hundert-Prozent-Quote fehlen fünf Hausärzte. Acht frei Stellen sind ausgewiesen, was auch mit dem Alter der aktuellen Hausärzte zusammenhängt. Ihr Durchschnittsalter beträgt 61,4 Jahre, zwölf der 22 sind Älter als 60 Jahre. Die KVS hat zwei priorisierte und fünf reguläre Förderstellen ausgeschrieben, bei denen eine Praxisneugründung oder -übernahme mit 100.000 Euro bzw. 60.000 Euro gefördert wird.

50 Kilometer bis zum nächsten Arzt sind zumutbar

Was für Patienten zumutbar ist, orientiert sich laut KVS an der deutschen Rechtsprechung. So sei gegen - je nach Dringlichkeit - zwei bis drei Monate Wartezeit nichts einzuwenden. Dabei ist Katharina Bachmann-Bux durchaus bewusst, dass in unterversorgten Bereichen des ländlichen Raumes noch mehr Zeit ins Land gehen kann. Fachärztliche Praxen seien zumeist in größeren Städten angesiedelt, um zentral eine flächenmäßig größere Region zu bedienen. Der Gesetzgeber sehe deshalb eine Entfernung von bis zu 50 Kilometer als zumutbar an.

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Allerdings weist die Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen noch auf eine andere Möglichkeit hin. "Patienten können sich auf ihrer Überweisung mithilfe eines Vermittlungscodes die Kennzeichnung als 'dringlich' eintragen lassen." Damit könne dann die Terminservicestelle der KVS eingebunden werden. Allerdings ist auch danach noch Stehvermögen gefragt. Denn dann wird der nächste freie Termin in der gewünschten Disziplin in einem Umkreis gesucht, der nichts mehr mit Wohnortnähe zu tun hat.

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