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Görlitz

Der letzte Einkaufsbummel in Görlitz

Ab Donnerstag schließt ein Großteil der sächsischen Geschäfte. Wie ist die Stimmung bei den Händlern, so kurz vor der Zwangspause?

Quarantäne? Fehlanzeige. Auf der Berliner Straße herrscht an diesem Dienstagvormittag reges Treiben.
Quarantäne? Fehlanzeige. Auf der Berliner Straße herrscht an diesem Dienstagvormittag reges Treiben. © Nikolai Schmidt

Auf der Berliner Straße ist an diesem Dienstagvormittag kein Zeichen von Quarantäne erkennbar. Es sind eher noch mehr Menschen unterwegs als sonst. Auch die Einkaufstaschen sind auffallend gut gefüllt, manch einer trägt sogar eine Packung Toilettenpapier mit sich herum und erntet neidische, aber auch einige spöttische Blicke.

Das rege Treiben liegt entweder am schönen Frühlingswetter, oder daran, dass der eine oder andere die Vorzüge seines "Homeoffice" für ein paar Besorgungen nutzt. Denn am Montag empfahl die Bundesregierung die Schließung der meisten Läden. Dass die Landesregierung am Dienstag folgen würde, schien da schon außer Frage.

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Tafel bleibt geschlossen

Ab Donnerstag werden Bars, Kinos und zahlreiche Geschäfte geschlossen. Supermärkte und Getränkemärkte, Apotheken, Drogerien, Tankstellen, Banken und Sparkassen bleiben offen, sie dürfen sogar sonntags öffnen. Auch Wochenmärkte sind zunächst nicht betroffen. Trotzdem warnt beispielsweise die Stadt Reichenbach auf ihrer Homepage: "Bitte treffen Sie die Entscheidung zum Besuch mit Bedacht." Für einige Besorgungen ist es dennoch der letzte Tag. 

Und auch die Görlitzer Tafel bleibt in dieser Woche geschlossen. Begründung: "Man habe zu wenig Ware." Außerdem bleibt die Görlitz-Information auf dem Obermarkt geschlossen. Und auch der SZ-Treffpunkt im City-Center ist betroffen: Es öffnet jetzt von Montag bis Freitag von 11 bis 15 Uhr. 

Im Modehaus Schwind's Erben auf der Steinstraße ist die Stimmung gedrückt. Gerade noch hatte man Flyer verteilt, an den kommenden beiden Wochenenden sollten frische Drinks gemixt und der Frühling begrüßt werden. Auch der für den 29. März geplante verkaufsoffene Sonntag stand fest im Terminkalender der Görlitzer Händler. Er fällt aus.

Supermärkte profitieren

"Der Frühling ist für uns die wichtigste Saison", sagt Cornelia Markau. Sie ist Verkäuferin bei Schwind's Erben. Schon jetzt liegt der ganze Laden in sommerlichen Farben, vor allem zitronengelb erscheint in diesem Jahr angesagt. Daran wird sich in den nächsten Wochen erst einmal niemand mehr erfreuen können. Bis mindestens zum 20. April sollen die Geschäfte geschlossen bleiben. Wie genau es nun weitergehe, dafür gebe es noch keine Pläne, sagt Frau Markau.

Dennoch sind die meisten Händler erstaunlich entspannt. Und vor allem gibt es kaum  Engpässe. Egal ob Lose-Laden oder Reformhaus, die Regale sind gut gefüllt. Es gebe in einigen Fällen große Nachfragen, wie im Reformhaus beispielsweise nach allem, was desinfizierend oder immunsystemstärkend wirkt. Nur Toilettenpapier, da sind sich die meisten Händler einig, ist eine absolute Rarität.

Diese Erfahrung machen auch Kunden der großen Supermärkte. Kaufland und Edeka sind dennoch Profiteure der Krise. Wie groß die zusätzlichen Gewinne sind, will zwar niemand offenbaren, doch an volleren Einkaufswagen gibt es keinen Zweifel. Dabei werden Lebensmittelmärkte nicht schließen - das betonen die Behörden immer wieder. 

"1945 mussten wir Zeitungen nehmen"

Das Kaufland Görlitz-Königshufen ist an diesem Dienstagnachmittag mäßig voll. Von panischen Notkäufen ist nichts zu sehen. Positiv-überraschend: Im Eingangsbereich steht ein Desinfektionsautomat. Die Polizei ist vor Ort, doch eine Polizeisprecherin bestätigt, dass kein Streit um Hygieneartikel oder Nudelsaucen geschlichtet werden musste. Es habe sich "ein ganz normaler Ladendiebstahl" ereignet.

Im Kaufland sind nur wenige Artikel ausverkauft. Über den leeren Regalen mit Toilettenpapier stehen Hinweise, dass Abgabe nur "in haushaltsüblichen Mengen" erfolge. Genützt hat es wenig. Eine auffallend gut gekleidete 80-Jährige kommt vorbei und bricht in Gelächter aus. "Die Leute sind doch alle verrückt geworden", sagt sie, "1945 mussten wir auch Zeitungen nehmen und es ging trotzdem."

Bei Kaufland gibt es "nur" eine Packung Toilettenpapier pro Person. Leer sind die Regale trotzdem.
Bei Kaufland gibt es "nur" eine Packung Toilettenpapier pro Person. Leer sind die Regale trotzdem. © Maximilian Helm

Dann nimmt sie ein A5-Papier zur Hand, faltet es in der Mitte und erklärt: "so viel hatten wir damals für einen Hintern zur Verfügung." Damals sei es immer Aufgabe eines Familienmitgliedes gewesen, die Zeitung in angemessen große Stücke zu schneiden und in eine Schale neben der Toilette zu legen. "Vor der Aufgabe haben wir uns immer gedrückt", sagt sie, lächelt und geht weiter.

Görlitzer bleiben ruhig

Ähnlich sieht es im Edeka Biebrach auf der Dresdner Straße aus, viel Betrieb, aber alles gemäßigt. Auch Nudeln, Reis und Knäckebrot stehen hier, wenn auch ausgedünnt, im Regal. "Wenn etwas fehlt, dann eher wegen Lieferschwierigkeiten", sagt Steffen Biebrach, einer der Inhaber. Auch er kenne die Bilder von leeren Regalen und prall gefüllten Einkaufswagen aus Polen und anderen Teilen Deutschlands. "Die Görlitzer lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen." Dann muss er auflegen - er ist viel gefragt in diesen Zeiten.

Im Modehaus Schwind's Erben bemüht man sich trotzdem um Optimismus. "Wenn die Leute jetzt alles im Internet bestellen müssen, merken sie vielleicht, dass das weniger Spaß macht", sagt Verkäuferin Cornelia Markau und lacht. Unter Quarantäne kämen viele Görlitzer auch endlich einmal dazu, den Kleiderschrank auszumisten und Platz für Neues zu schaffen. 

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Was genau die Schließung der Läden wirklich für die Händler bedeutet, kann hier zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand sagen. Sie werden sich vorbereiten müssen. Doch eines wird deutlich: Alle sehnen den Tag herbei, an dem sie ihre Geschäfte wieder öffnen dürfen.

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