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Görlitz wird älter und weiblicher

Ein neues Einkaufscenter ab 2014, eine sanierte Stadthalle ab 2015, vielleicht auch noch ein Feriendomizil am Berzdorfer See, irgendwann in den nächsten Jahren – an Plänen für die Stadt Görlitz mangelt es nicht im Revier.

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Von Sebastian Beutler

Ein neues Einkaufscenter ab 2014, eine sanierte Stadthalle ab 2015, vielleicht auch noch ein Feriendomizil am Berzdorfer See, irgendwann in den nächsten Jahren – an Plänen für die Stadt Görlitz mangelt es nicht im Revier. Doch immer wieder ist die Sorge zu hören: Ist das nicht alles eine Nummer zu groß für Görlitz?

Tatsächlich scheint eine Studie der Bertelsmann-Stiftung diese Befürchtung zu bestätigen. Wie schon andere Untersuchungen kommt Bertelsmann zum Urteil: Görlitz wird älter, weiblicher und schrumpft. Deswegen ordnet die Stiftung Görlitz unter die „schrumpfenden und alternden Städte“ in Deutschland ein. Doch was steckt hinter den Zahlen? Und ist jetzt alles schlecht? Die SZ analysiert.

Negativ: Görlitz verliert bis

2030 weiter Einwohner

Was Prognosen immer wieder ankündigten, zu diesem Ergebnis kommt auch die renommierte Bertelsmann-Stiftung. Demnach sinkt die Einwohnerzahl bis 2030 von jetzt 55920 auf 48260. Das Ergebnis ist kein Wunder, beruhen doch alle Prognosen auf den Zahlen des Statistischen Landesamtes in Kamenz. Doch die Görlitzer werden nicht nur weniger, auch die Zusammensetzung der Einwohnerschaft ändert sich. So steigt der Anteil der über 65-Jährigen in diesem Zeitraum von knapp 22 auf rund 25 Prozent. Wichtig auch: Während der Anteil der Frauen bei den Senioren steigt, sinkt er bei den Jungen.

Positiv: Görlitz profitiert von Zuwanderung

Darauf kann sonst keine Stadt in der Oberlausitz hoffen, noch nicht einmal Bautzen. Görlitz wird ein Zuwanderungsplus haben. Deswegen sinkt die Einwohnerschaft langsamer als anderswo. Vor allem sind es Rentner aus dem gesamten Bundesgebiet und Geringverdiener aus dem Umland. Dieser Trend wird sich vermutlich noch verstärken. Dass die Bevölkerungszahl in Görlitz überhaupt sinkt, liegt daran, dass mehr Menschen sterben als geboren werden. Daran kann man langfristig nur wenig ändern.

Positiv: Stadtumbau ohne Flächen-Abriss in Görlitz

Innerhalb von nur 20 Jahren soll die Einwohnerzahl um 7000 Menschen sinken. Schon jetzt ist der Stadtumbau in vollem Gang. Die Großvermieter bauen die Neubaublöcke zurück. Flächen-Abrisse soll es aber nicht geben. Statt dessen wollen die Vermieter die Vorteile jedes Stadtteiles herausstreichen. Der Chef der Wohnungsbaugesellschaft, Arne Myckert, hält beispielsweise Königshufen für einen guten Wohnort, OB-Kandidat Siegfried Deinege unterstützt Myckerts Gartenstadt-Ansatz für Königshufen. Trotzdem sorgen sich die privaten Hauseigentümer über Mieter, die künftig weniger Geld zur Verfügung haben. Andererseits bewohnt jede Person 45,6 Quadratmeter Wohnraum in Görlitz – mehr als sonst im Landkreis.

Negativ: Mangel an Arbeitskräften und LehrlingenBesonders deutlich sinken wird der Anteil der 25- bis 65-Jährigen. Machen sie jetzt noch 51 Prozent der Bevölkerung aus, werden es 2030 nur noch knapp 44 Prozent sein. In Zahlen ausgedrückt sind das 7300 Menschen weniger. Unternehmen werden es schwerer haben, Fachkräfte zu bekommen. Daher rückt die Lehrlingsausbildung in den Vordergrund, das erklärte jüngst auch IHK-Präsident Günter Bruntsch in Görlitz. Jedes Unternehmen ist gut beraten, jetzt in den Nachwuchs zu investieren, lautet seine Botschaft.

Positiv: Senioren sind fitter

als in der Vergangenheit

Wenn Vereinsvorsitzende wie Joachim Rudolph (Aktionskreis für Görlitz) von seinen Senioren spricht, dann spricht daraus großer Respekt für deren Engagement. Tatsächlich sind Senioren heute häufig fitter als noch vor Jahrzehnten. Ihre Rentenzeit sinnvoll auszufüllen und ihre Erfahrungen zu nutzen, dafür gibt es viele Beispiele. So der Großelterndienst oder das Seniorenmodell der IHK, wo Ruheständler Firmengründer beraten.

Positiv: Gesellschaft kann Entwicklung gestalten

Die Veränderungen in der Bevölkerung kommen. Aber auch Kommunen können etwas bewirken. So lancierte der Landkreis Löbau-Zittau 2003 ein Zukunftsprogramm. Daraus entstanden solche Projekte wie das Umgebindeland und das Pontes-Zentrum in St. Marienthal, die heute auch im neuen Landkreis wichtig sind. Ähnlich angelegt ist ein Projekt beim Planungsverband für die Oberlausitz. Denn letztlich, so hat es dessen Chef, der Reichenbacher Bürgermeister Andreas Böer, jüngst gesagt, „muss sich jeder dafür engagieren, den ländlichen Raum lebenswert zu halten“.