merken
PLUS Görlitz

Görlitzer Erotik-Markt ist leer

Die letzten Tage an der Elisabethstraße feierte Inge Bullmann mit Freunden und Kunden. Nun gibt’s nur noch einen Erotikshop.

Inge Bullmann hatte viel länger gearbeitet als geplant. Nun hat sie ihren Erotik-Markt im Görlitzer Zentrum geschlossen.
Inge Bullmann hatte viel länger gearbeitet als geplant. Nun hat sie ihren Erotik-Markt im Görlitzer Zentrum geschlossen. ©  SZ-Archiv / Nikolai Schmidt

Der Kussmund klebt noch am Schaufenster. Die große Aufschrift „Erotik-Markt“ ist auch noch da. Aber drinnen ist es leer. Die Video-Kabinen sind abgebaut, ebenso die Regale, auf denen früher Porno-Videos und Sexspielzeuge standen, an denen Wäsche und Masken hingen.

Das Letzte, das über die Ladentheke ging? „Ich glaube, das waren Kondome“, sagt Inge Bullmann. „Genau, ein Kunde fragte, ob noch welche da seien. Die habe ich alle in einen Beutel gepackt und ihm mitgegeben“, erzählt sie. Am 15. Oktober hat sie den Erotik-Markt an der Elisabethstraße geschlossen. Ein paar Tränen seien dann doch gekullert. Davon abgesehen endete es, wie es begonnen hatte: mit viel Spaß. „In der Woche vor der Schließung haben wir jeden Tag Party gefeiert“, erzählt Inge Bullmann. „Das könn’ Se glauben, das war so schön. Das Allerschönste war, dass so viele Leute gekommen sind, um sich zu verabschieden.“

Anzeige
Die Adventscoupons sind wieder da!
Die Adventscoupons sind wieder da!

In der Adventszeit gibt es wieder die beliebten Coupons für ausgewählte Händler in der Region Löbau/Zittau. Den Download gibt es hier!

Sex gehört zum Leben

Genau 29 Jahre lang hat Inge Bullmann den Erotik-Markt an der Elisabethstraße geführt. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte sie das Geschäft im Oktober 1990 eröffnet. Die vorherigen 15 Jahre hatte sie in der kommunalen Wohnungswirtschaft gearbeitet, ihr Mann war Montagefahrer. Mit der Wende kam Unsicherheit auf: Was, wenn sie ihre Arbeit verlieren würden wie so viele andere plötzlich? Der Erotik-Markt war ursprünglich die Idee ihres Mannes. Sex gehört zum Leben, war Inge Bullmanns Meinung dazu. Dass sie zur Eröffnung schon keine 20 mehr war, habe sich nie als Nachteil erwiesen, im Gegenteil. Auch als Nachfolger hätte sie sich jemanden mittleren Alters gewünscht. „Man muss für die Beratung in einem solchen Geschäft Vertrauen aufbauen können.“ Ein etwas höheres Alter mache das einfacher, „ein bisschen Lebenserfahrung braucht man“.

Vor fünf Jahren hatte sie eigentlich in Ruhestand gehen wollen, gemeinsam mit ihrem Mann. Als er aber plötzlich starb, war alles anders. Inge Bullmann führte den Erotik-Markt doch weiter. Es wären ihr sonst zu viele heftige Veränderungen gewesen, hatte sie kürzlich der SZ erzählt.

Ein Nachfolger hat sich nun nicht gefunden, bereits im Frühjahr hatte Inge Bullmann mit der Suche begonnen. Interessenten für die Geschäftsräume an sich habe es gegeben, aber nicht dafür, den Erotik-Markt weiterzuführen. Inge Bullmann vermutet, die Leute schrecken wegen der starken Konkurrenz im Internet zurück. In Görlitz gibt es damit nur einen analogen Erotik-Shop, das Orion im Neißepark. Die Räume an der Elisabethstraße sind zur Miete bei „Die Maklerin“ ausgeschrieben.

Vivian Schmitt strippte auf einem Motorrad

„Es ist jetzt gut so, wie es ist“, sagt Inge Bullmann. „Ich bin auch nicht traurig.“ Vor allem deshalb, weil der Abschied so schön gewesen sei. Partys hat der Erotik-Markt an der Elisabethstraße in den vergangenen 29 Jahren viele gesehen: Grillpartys im Hinterhof, Partys mit Pornostars wie Vivian Schmitt, die in Görlitz auf einem Motorrad strippte. Und so sollte auch das Ende aussehen. Eine Woche vor der Schließung lud Inge Bullmann jeden Abend zu einer kleinen Party ein – mit Kunden, Freunden, Bekannten, mit Sekt und mit einem Berg Sexspielzeug. „Das meiste konnte ich noch ganz normal verkaufen“, erzählt Inge Bullmann. Was zum Schluss übrig blieb, schüttete sie in einen Raum. Jeder, der zum Abschied vorbeikam, konnte sich dort etwas mitnehmen. „Alle waren begeistert, wir hatten in dieser letzten Woche tollen Spaß.“ Am 15. Oktober, 18 Uhr, aber mussten alle Gäste gehen, und Inge Bullmann drehte gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter den Türschlüssel rum.

Weiterführende Artikel

Vom Wochenmarkt ins Erotikgeschäft

Vom Wochenmarkt ins Erotikgeschäft

Nach 27 Jahren draußen ist das Görlitzer Ehepaar Nguyen mit seinem Gemüsehandel in einen Laden gezogen. Der Grund ist sehr persönlich.

Kein Sex mehr auf der Elisabethstraße

Kein Sex mehr auf der Elisabethstraße

Direkt nach der Wende hat Inge Bullmann den Erotik-Markt in Görlitz eröffnet. Es war eine kleine Sensation.

Kurz danach schloss sie allerdings wieder auf: Freunde hatten ihr einst geholfen, das Geschäft einzurichten. Freunde halfen ihr nun auch beim Ausräumen. „Es kamen sogar ehemalige Kollegen von der Wohnungswirtschaft, mit denen ich befreundet geblieben bin.“ Gemeinsam räumten sie die Regale zusammen, bauten die Kabinenanlage ab, entsorgten die letzten Reste und das Mobiliar. „Vier Tage haben wir schwer gearbeitet.“ Angst vorm Ruhestand nun hat Inge Bullmann nicht. „Das Nichts-zu-tun-haben wäre das Schlimme.“ Aber es ist keine Leere absehbar. Die ersten Wochen im Ruhestand verbrachte die 68-Jährige bei Bekannten in Düsseldorf, dann in Würzburg. Akten aus ihrem Berufsleben sind noch zu sortieren, „Ich habe mir aber vorgenommen, mich damit erst ab Januar zu beschäftigen.“

Mehr Nachrichten aus Görlitz und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz