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Wie Corona Trauernde trifft

Die Corona-Krise verlangt Abstand. Trösten braucht Nähe. Friedhofsleiter stehen vor einem echten Spagat. Wie die Regeln jetzt auf dem Görlitzer Friedhof sind.

Von Susanne Sodan
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Evelin Mühle leitet den Görlitzer Friedhof.
Evelin Mühle leitet den Görlitzer Friedhof. © Nikolai Schmidt

Feiern kann man absagen. Hochzeiten lassen sich verschieben. "Das Sterben lässt sich nicht aufhalten", sagt Evelin Mühle. Und Bestattungen funktionieren nicht im Homeoffice. Im Schnitt gibt es pro Jahr 570 Beisetzungen und 400 Trauerfeiern pro Jahr auf dem Görlitzer Friedhof.  Jetzt unter besonderen Regeln. Die größte Herausforderung dabei: Distanz und Trauer passen nicht zusammen, sagt Evelin Mühle, die den Friedhof leitet. "Es ist nicht leicht, aus zwei Metern Entfernung herzliches Beileid zu wünschen."

Manche neue Regel ist vergleichsweise einfach umzusetzen: Zu den Beratungsgesprächen ins Büro der Friedhofsverwaltung dürfen neben einer Mitarbeiterin jetzt nur noch zwei Personen. "Wenn wir uns dann die Grabstelle anschauen, dürfen auch weitere Personen kommen", erklärt Evelin Mühle. Der Friedhof ist groß genug, um dabei Abstand zu halten. 

Viele Informationen wie Nutzungsrechte, Friedhofs- und Gebührenordnung finden sich auch im Internet. Auf wenigstens eine kurze Beratung mit Abstand will  die Friedhofsverwaltung dennoch nicht verzichten. "Es ist eigentlich zu umfangreich, was rechtlich wie auch finanziell zu entscheiden ist. Und eine Grabstelle muss man sich anschauen." So etwas über eine Auswahl im Internet laufen zu lassen, kann sich Evelin Mühle nicht vorstellen. "Am besten noch mit dem Zusatz 'Ausführung kann im Einzelfall von der Abbildung abweichen'?" 

15 Personen pro Trauerfeier

Eine weitere Regelung ist jetzt, dass zur Trauerfeier nur noch maximal 15 Personen dabei sein können. "Ich bin froh darüber, dass es jetzt über die Allgemeinverfügung diese einheitliche Regelung gibt", sagt Evelin Mühle. Noch vor einer reichlichen Woche habe das jede Friedhofsleitung nach eigenem Ermessen festgelegt. "Das war nicht schön." Vor allem nicht für die Betroffenen. 

"Auftraggebern von Trauerzeremonien obliegt die schwere Aufgabe sicherzustellen, dass besonders gefährdete Personengruppen möglichst nicht teilnehmen", steht in den neuen Regelungen. Gemeint sind also ältere Menschen oder Menschen mit Vorerkrankung. Außerdem wird geraten, dass Personen, die im medizinischen Bereich oder im Bereich Innere Sicherheit und Ordnung tätig sind, nicht teilnehmen. 

Meist kleine Zeremonien gewünscht

Was, wenn nun eine 70-jährige Frau ihren verstorbenen Mann auf dem letzten Weg begleiten will? Es gab bereits den Fall, dass die Entscheidung fiel, eine Beisetzung zu verschieben, "das ist schwer für den Kopf", so Evelin Mühle, "aber wir haben noch niemanden weggesschickt", sagt sie.

"Das steht uns auch nicht zu." Denn die Entscheidung liegt letztlich beim Auftraggeber. "Es ist verdammt schwer." In den allermeisten Fällen sei es so, dass die, die dem Verstorbenen am nächsten standen - Ehepartner, Kinder, Geschwister - sich auch um die Trauerzeremonie kümmern. "Sie haben also ohnehin bereits meist ein hohes Maß an Trauer zu tragen und nun auch noch die Verantwortung, differenzieren zu müssen." 

Bislang aber habe es trotzdem ganz gut funktioniert. Die meisten sagen im Moment von vornherein, dass sie eine kleine Zeremonie möchten", erzählt sie. "Die Menschen kommen auch nicht unvorbereitet zu uns." In der Regel wissen sie über die neuen Bestimmungen durch den Bestatter bereits Bescheid. 

"Wir werden niemanden auseinanderreißen"

Die Zeremonien finden aktuell nicht in der großen, historischen Trauerhalle des Krematoriums statt, sondern in den kleineren Trauerräumen im Anbau. Dort lassen sich die Stühle auseinanderrücken. "Wir haben sie jetzt im vorgesehenen Abstand aufgestellt." Vor wie nach jeder Zeremonie wird desinfiziert. Auch auf dem Weg und am Grab gilt, was auch im Supermarkt gilt: besser Abstand halten. "Wir sind nicht die Polizei", sagt Evelin Mühle. "Wir können nicht verhindern, wenn Menschen sich am Grab umarmen. Und wir werden niemanden auseinanderreißen." 

Aber sich selbst müssen die Mitarbeiter schützen - und Abstand halten, erklärt Evelin Mühle. Trösten verlangt Nähe. Die Corona-Krise verlangt Abstand. "Es ist wirklich eine Ausnahmesituation für uns." Auch sie hofft darauf, dass sich alle an die Regeln halten, um eine weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen. 

Auch, damit Bestattungen wenigstens überhaupt weiter stattfinden können, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Einen Corona-Fall im Friedhofsteam und alles, was damit einhergehen würde, will sich Evelin Mühle nicht vorstellen. Auch, weil Friedhofsverwaltung und Krematorium sich nicht gerade über personelle Überzahl beschweren können. Die Vorstellung von Särgen in Warteschlange, "das ist Gruselkabinett für mich." 

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