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Görlitzer Pensionsbesitzer startet Sicherheits-Initiative

Die Kriminalität in Grenznähe bewegt Anwohner, Vertreter von Wirtschaft und Polizei. Nach dem ersten Treffen herrscht Zuversicht, gemeinsam die Lage zu verbessern.

© Archiv

Von Ralph Schermann

Görlitz. In Görlitz hat ein Unternehmer den Versuch gestartet, ein regelmäßiges Gremium für Aktivitäten gegen Kriminalität ins Leben zu rufen. Auf Initiative des Pensionsbetreibers Sebastian Wenger trafen sich Vertreter von Industrie- und Handelskammer, Unternehmerverband, Handwerk und weiteren Interessengruppen zu einer ersten Verständigung über solche gemeinsamen Probleme. „Nennen wir es zunächst Sicherheitsstammtisch, bis uns ein besserer Name einfällt“, sagt Sebastian Wenger, der sich über das Treffen insgesamt aber zunächst bedeckt hält: „Gegenwärtig sind wir erst in der Findungsphase, da ist vieles ganz einfach noch nicht spruchreif.“

Stars im Strampler aus Görlitz
Stars im Strampler aus Görlitz

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Görlitz und Umgebung.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Im Gegensatz zur Öffentlichkeit hat Sebastian Wenger jedoch sofort im Görlitzer Rathaus über das Treffen informiert. „Ich habe es mit Interesse aufgenommen“, sagt Oberbürgermeister Siegfried Deinege und will die weitere Entwicklung so eines Stammtisches beobachten. Die Kriminalitätslage in Görlitz nähme er „sehr ernst“, stünde dazu auch mit weiteren Partnern im ständigen Kontakt, unter anderem mit dem sächsischen Innenministerium.

Sebastian Wenger beobachtet die Entwicklung der grenznahen Kriminalität seit Jahren. „Es wird immer schlimmer“, sagt er. Das deckt sich mit wissenschaftlichen Untersuchungen, die der Stadt Görlitz schon seit 2007 ein Abnehmen des subjektiven Sicherheitsgefühls bescheinigen. Dabei ist längst nicht mehr wie einst die Dunkelheit ein Thema. Diebe nutzen auch den Tag, informieren sich verdeckt über Gewohnheiten von Anwohnern und die Zeiten von Polizeikontrollen. „Es macht Angst, wenn man das Gefühl hat, dass jeder eigene Schritt von krimineller Seite beobachtet wird“, sagt Sebastian Wenger.

Dagegen gibt es zwei Wege: Erstens private Sicherheitstechnik, was Wenger längst mit dem Einbau höherwertiger Schließanlagen, dem Vermauern nicht benötigter Öffnungen sowie Personalschulungen beherzigte. Viele taten es ihm gleich und sichern ihr Eigentum sehr aufwendig, so wie Bernd Thiedig, der zahlreiche Häuser in der Hotherstraße saniert hat. Als zweiter Weg gilt der Notruf bei der Polizei schon beim kleinsten Verdacht. So bestätigt es auch der Leiter des Görlitzer Polizeireviers, Dirk Linczmajer: „Zeugenhinweise sind für Ermittlungen entscheidend.“ Der Revierleiter hat zugesagt, Wengers Gedankenaustausch zu begleiten.

Sebastian Wenger indes reicht das nicht. Der Kleinkriminalität werde man so kaum Herr. Er spricht klar über Hehlerringe, über mafiöse Strukturen und über organisiertes Verbrechen. Dagegen besser vorzugehen, will er im Verbund mit anderen Betroffenen deutlich fordern. Aber nicht nur das. Wenger hat schon lange so manche Überlegung notiert, die auf offene Ohren stoßen dürfte: schnellere Strafverfolgung von Tätern, mehr zivile Streifen an der Grenze, freie Sicht durch Abriss des alten Kondensatorenwerkes. Kein Wunder, dass kommunale Pläne zum Bau einer weiteren Neißebrücke bei Wenger eher die Alarmglocken läuten ließen.

Im Sommer berichtete der Besitzer der Picobello-Pension auf der Uferstraße öffentlich und detailliert über die angespannte Sicherheitslage in der Alt- und Nikolaivorstadt, aber auch darüber, dass es den Anschein habe, von der Stadtverwaltung allein gelassen zu werden. Das sei hier anders als in Ostritz und Leuba. Auch dieses Gefühl veranlasste Wenger, Mitstreiter für Forderungen zu suchen. Man brauche eine gemeinsame Stimme, ist er überzeugt.

Beim Stammtisch formulierte er nun eine Reihe von Ideen, wie Sicherheit verbessert werden könnte. Dazu gehörten nicht unerwartet Klassiker-Wünsche nach mehr Polizeipräsenz und nach Videoüberwachung von Brücken und großen Plätzen. So etwas wird schon seit Jahren auch von den innenpolitischen Sprechern der CDU-Landtagsfraktion vehement unterstützt. Bislang geschah jedoch nichts. Ein prominent besetztes Gremium könnte solche Forderungen vielleicht mit vorantreiben.

Wie geht es nun weiter mit einem Stammtisch, der gut gemeint, gut besetzt, in seiner Legitimation allerdings durchaus auch umstritten ist? Erst einmal sollen alle Teilnehmer in ihren Reihen darüber diskutieren. „Sie sind ja ihren Mitgliedern verpflichtet“, begründet Unternehmer Sebastian Wenger. In zwei Monaten will man wieder in seiner Pension zusammenkommen, um dann klar zu formulieren, was konkret von Politik und Verwaltung gefordert werden kann – und was nicht.